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Aufklärer aus Jagel: Der Späh-Tornado

Foto: Carsten Rehder/ dpa

"Tornado"-Piloten vor Syrien-Mission "Uns allen ist schon etwas mulmig zumute"

Im Eiltempo bereiten die deutschen "Tornado"-Piloten ihren Syrien-Einsatz vor, bereits nächste Woche sollen die ersten Jets starten. Ihr Kommandeur spricht von einer gefährlichen Mission - Grund zur Sorge sieht er nicht.

Als Anfang der Woche das Diensthandy von Oberstleutnant Nils G. trotz Urlaubs klingelte, ahnte der Luftwaffen-Pilot, was los sein könnte. "Nach den Anschlägen von Paris war uns allen klar, dass es eine militärische Reaktion geben muss, auch von Deutschland", erinnert er sich. Der erfahrene "Tornado"-Pilot hatte recht. Umgehend bestellten ihn seine Befehlshaber zum Fliegerhorst in Jagel in Schleswig-Holstein, parallel beorderten sie die anderen Mannschaften von einer Übung in Spanien zurück nach Deutschland. Seitdem bereiten sich die Piloten unter Hochdruck auf die Teilnahme der Bundeswehr am Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS) vor.

Am Freitagmorgen steht G. - seinen Nachnamen soll er aus Sicherheitsgründen nicht nennen - vor seinem Arbeitsgerät, einem mattgrauen Aufklärungsjet der Luftwaffe, im Fachjargon "Recce Tornado" genannt. Hinten auf der Startbahn der abgelegenen Luftwaffenbasis steigen zwei weitere "Tornados" in den Himmel, das kreischende Geräusch der Nachbrenner unterbindet jede Unterhaltung. G. nennt den Flieger schlicht "unseren Vogel". Mehr als 1500 Stunden war er mit dem "Tornado" in den letzten zehn Jahren in der Luft. "Sicher", sagt der Pilot, "der Flieger sei schon recht alt. Aber zuverlässig."

Als der Höllenlärm abebbt, zeigt der Pilot, was so besonders ist an seinem Aufklärungsjet. Unter dem Bauch ist ein rund zwei Meter langer grauer Kasten angebracht, "Pod" genannt; mit den darin eingebauten Foto- und Infrarotkameras soll die Bundeswehr die internationale Koalition gegen den IS so schnell wie möglich mit gestochen scharfen Bildern unterstützen. Sie sollen den Allierten mögliche Ziele liefern oder nach Luftangriffen die Wirkung der Bomben am Boden dokumentierten.

Die Details des Auftrags? Noch unbekannt

Viel Zeit haben Nils G. und seine Kameraden nicht mehr. Schon nächste Woche brechen zwei "Tornados" und ein Tankflugzeug zur türkischen Militärbasis Incirlik auf; von dort ist Syrien, der neue Einsatzraum, nur wenige Flugminuten entfernt. Ab Januar sollen sechs "Tornados" startbereit sein, gesteuert vom Befehlsstand der Anti-IS-Koalition in Katar werden sie dann mehrmals täglich zu Spähaufträgen abheben. Der Oberstleutnant sieht den Sinn der Mission pragmatisch. "Für die deutsche Außenpolitik war es wichtig, Militärjets als Zeichen der Solidarität zu schicken", sagt er, "für die Innenpolitik ist es gut, dass es nur Aufklärungsflugzeuge sind".

VIDEO: Diese Probleme bringt der Syrien-Einsatz mit sich

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Alle Details ihres Einsatzes kennen die Piloten nicht. Kommandeur Michael Krah vermutet, dass die Piloten jeweils für eine Stunde einen bestimmten Korridor über IS-Gebiet in Syrien abfliegen und dann zum Stützpunkt zurückkehren werden. Dort werten Experten die Bilder aus und entscheiden, was sie an die Koalition weitergeben. Dabei soll genau darauf geachtet werden, dass die deutschen Daten tatsächlich nur zur Bekämpfung des IS und nicht für andere Ziele, beispielsweise die Kurden oder moderate Milizen, benutzt werden.

Die neue Mission sieht Pilot G. als Herausforderung. Schon mehrmals war er mit dem "Tornado" über Afghanistan unterwegs. Doch der Einsatzraum Syrien ist für die Deutschen etwas Neues. Alle in Jagel haben die grausamen Bilder ihres jordanischen Kameraden gesehen, der im Frühjahr nach dem Abschuss seines Kampfjets vom IS gefangen genommen und später bei lebendigem Leib verbrannt worden ist. "Uns allen ist schon etwas mulmig zumute", sagt G. über seine Gefühle, "auch wenn ein Abschuss bei unserer Mission eher unwahrscheinlich ist."

Abschuss - den Fall haben sie durchgespielt

Es wird viel über die Gefahren der Mission geredet an diesem Morgen in Jagel. Kommodore Krah sagt, natürlich sei der Einsatz gefährlich, gleichwohl müsse man sich "keine übertriebenen Sorgen" machen. Die Piloten erklären, in ihrer Flughöhe - geplant sind Aufklärungspatrouillen zwischen 4000 und 6000 Metern - sei ein Abschuss durch schultergestützte Raketen, sogenannte Manpads, fast unmöglich. Zudem sind die Jets mit Warngeräten für Radar und Infrarotsensoren ausgestattet. Wenn sie vom Boden aus ins Visier genommen würden, können die Piloten Täuschkörper zum Ablenken der Raketen abschießen.

Passiert doch etwas, muss Deutschland um Hilfe bitten. Da die Bundeswehr keine modernen Hubschrauber für eine "Combat Search and Rescue"-Mission hat, die Rettung von Soldaten hinter den feindlichen Linien, verlässt man sich auf die Zusage der US-Armee, alles für eine mögliche Befreiung zu tun. Nils G. und seine Kameraden haben den Fall, dass sie abgeschossen werden oder in Gefangenschaft geraten, in der Ausbildung durchgespielt. Details darf er nicht verraten.

Nur so viel: Der oft verbreitete Mythos einer Todespille, die Piloten für den Fall des Falls immer bei sich trügen, sei schlicht Quatsch.