Bundeswehr Schäbige Kasernen frusten deutsche Soldaten

Undichte Zelte, Schimmelbefall, überlaufende Fäkaliengruben: Bundeswehrsoldaten müssen im Ausland, aber auch in Deutschland manchmal in völlig unzumutbaren Unterkünften leben. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe beklagt "skandalöse" Zustände.


Berlin - Der Einsatz deutscher Soldaten bei der Sicherung der Wahlen im Kongo sei zwar erfolgreich gewesen, sagte Robbe (SPD) heute bei der Vorlage seines Jahresberichts 2006. "Das gilt aber nicht für die Einsatzplanung und Durchführung. Im Gegenteil. Die Zustände in den Feldlagern, insbesondere in Kinshasa, waren teilweise katastrophal." Zelte waren undicht und hätten Schimmel angesetzt. Die Fäkaliengrube sei übergelaufen und der Inhalt habe sich teilweise in die Zelte ergossen.

Bundeswehr-Kaserne: "Frust in der Truppe"
DPA

Bundeswehr-Kaserne: "Frust in der Truppe"

"Solche Verhältnisse sind unzumutbar, gerade weil sie vermeidbar gewesen wären", sagte Robbe. Die mit der Errichtung des Lagers beauftragte spanische Firma sei "offenbar überfordert" gewesen, stellte Robbe fest. Er warne davor, durch die Einbeziehung privater Unternehmen die bisherigen Standards abzusenken.

Auch in deutschen Standorten seien Unterkünfte "teilweise untragbar und vereinzelt skandalös", sagte Robbe. So habe er bei einem überraschenden Besuch in einer Kaserne in Norddeutschland Schimmelbefall in Zimmern und einsturzgefährdete Decken vorgefunden. Er habe Sanitärräume gesehen, "die man eigentlich nur in Gummistiefeln betreten kann", sagte Robbe.

Der viel zitierte "Frust in der Truppe" resultiere daraus, dass schon seit vielen Jahren bestehende Mängel nach Auffassung der Soldaten nicht oder nicht ausreichend zur Kenntnis genommen würden. Stattdessen würden die Probleme schöngeredet. Ihn mache die stets wiederkehrende Auflistung von Defiziten, die trotzdem nicht abgestellt würden, nachdenklich.

Chaos bei der Bundeswehr
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Robbe kritisierte die Unterfinanzierung der Bundeswehr trotz immer neuer Belastungen. Ursache für den desolaten Zustand der Kasernen sei die Tatsache, dass seit Anfang der 90er Jahre vor allem in die Liegenschaften im Osten investiert worden sei, sagte Robbe. Die Kasernen im Westen seien dagegen vernachlässigt worden. Wie hoch die Kosten für eine Beseitigung der Mängel seien, lasse sich nicht abschätzen.

Der NDR berichtet unterdessen, Sanitätsoffiziere der Bundeswehr planten, gegen die Bundesrepublik Deutschland zu klagen. Grund sei die hohe Zahl an Überstunden im Zuge der zunehmenden Belastung durch Auslandseinsätze und Personalmangel in den Bundeswehrkrankenhäusern. Der Deutsche Bundeswehrverband unterstütze die Klage.

Der Vorsitzende des Forums Sanitäts-Offiziere, Wolfgang Petersen, sagte dem Sender: "Das Maß ist voll. Viele Sanitätsoffiziere haben zum Teil weit mehr als 1000 Überstunden in den vergangenen zwei bis drei Jahren leisten müssen. Als Ausgleich müsste die Bundeswehr den Betroffenen in Einzelfällen bis zu einem Jahr frei geben." Bislang schweige die Sanitätsführung aber dazu, wie sie die hohe Zahl an Überstunden auszugleichen gedenke. Der Oberarzt am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz kündigte eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland an. Ein Anwalt sei bereits eingeschaltet.

als/dpa/Reuters/AFP/ddp

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forumgehts? 20.03.2007
1. Belastungen
---Zitat von sysop--- Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, präsentiert heute seinen neuen Jahresbericht. Darin werden unter anderem Beschwerden aus der Truppe über den Zustand von Kasernen in Westdeutschland aufgeführt und eine hohe Belastung des Sanitätsdienstes beklagt. Kennen sie Chaos in Kasernen? Was sind Ihre Erfahrungen? ---Zitatende--- Ich kann nur hoffen, dass unsere Soldaten sich nicht bald wie ihre britischen und amerikanischen Kollegen über die Zustände in den Militärkrankenhäusern beklagen müssen. Die Klagen über den Sanitätsdienst lassen aber nichts Gutes erwarten.
JoBa1977, 20.03.2007
2. Erinnerungen
---Zitat von sysop--- Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, präsentiert heute seinen neuen Jahresbericht. Darin werden unter anderem Beschwerden aus der Truppe über den Zustand von Kasernen in Westdeutschland aufgeführt und eine hohe Belastung des Sanitätsdienstes beklagt. Kennen sie Chaos in Kasernen? Was sind Ihre Erfahrungen? ---Zitatende--- Mein Wehrdienst ist nun mittlerweile fast 10 Jahre her. Irgendwie waren es die 10 sinnlosesten Monate meines bisherigen Lebens. Aber zugleich bin ich auch sehr froh diese Erfahrungen dort gemacht zu haben, denn das sind Dinge, die erlebt man im "freien Leben" nicht. Ich war in München auf der Bettenstation in der Sanitäts-Akademie der BW eingesetzt und einige Dinge sind mir unvergesslich (aber dafür war der Oberfeldarzt sehr vergesslich). Einige Kammeraden waren Abiturienten, die dann anschliessend Medizin studierten und mit denen hatte ich mich sehr gut verstanden. Aber dann gab`s da auch noch ein paar Penner, denen alles egal war. Beispiel: einer dieser Penner wollte einem Patienten einen neuen Infusionsbeutel anschliessen ohne vorher den Schlauch zu entlüften. Gottseidank kam der Stationsarzt noch rechtzeitig. Ich könnte noch stundenlang weitererzählen über unfähige Uffze und Stuffze, aber zu Ehrenrettung möchte ich sagen, dass es auch sehr viele gute Unteroffiziere und Offiziere gibt, die mir und den anderen sehr viele nützliche Dinge beigebracht haben.
Sloopy, 20.03.2007
3.
Ich kenne kein Chaos, nur die übliche Knausrigkeit mit Munition und die jahrzehntelange penible Pflege von Material aus chronischem Geldmangel. Ist aber schon ein paar Jahre her, und zuhause kann ich sowas im Gegensatz zu Auslandseinsätzen auch verstehen.
San Martin 20.03.2007
4.
---Zitat von sysop--- Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, präsentiert heute seinen neuen Jahresbericht. Darin werden unter anderem Beschwerden aus der Truppe über den Zustand von Kasernen in Westdeutschland aufgeführt und eine hohe Belastung des Sanitätsdienstes beklagt. Kennen sie Chaos in Kasernen? Was sind Ihre Erfahrungen? ---Zitatende--- Erlebt nicht, denn ich musste Gott sei Dank keinen solchen Dienst machen. Was ich dazu sagen kann? Stimmt doch überein mit dem was man in Deutschland will. Dass Deutsche wieder töten lernen. Steht auch im Zusammenhang mit folgenden Artikel, denn anscheinen gibt es das Eine nicht ohne das Andere, wenn Brutalisierung angesagt ist: Antisemitischer Eklat an Polizeischule An der Berliner Polizeischule sorgen antisemitische Ausfälle für Unruhe: Ausgerechnet während des Vortrags eines 83-jährigen Holocaust-Überlebenden stänkerten die Polizeischüler, sie wollten nicht ständig an die Ermordung der Juden durch die Nazis erinnert werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,472643,00.html
Rainer Daeschler, 20.03.2007
5.
Immer diese Herumnölerei! Dabei kauft doch die Bundesregierung liebevoll alles was des Soldaten Herz begehrt: * Eurofighter, * die modernsten Fregatten der Welt, * Medium Extended Air Defense System (MEADS) und * Airbus A400M, damit die Soldaten nicht zu Fuß gehen müssen. ;-)
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