Bundeswehr Sorge vor der "German Hair Force"

Das "Pferdeschwanz-Urteil" des Truppendienstgerichtes Süd in München schlägt in der Öffentlichkeit und auch intern bei den Soldaten der Bundeswehr hohe Wellen. Schon wird die Frage gestellt: Haben wir bald wieder eine "German Hair Force"?


Soldatinnen mit langen Haaren: Bonn zeigte sich tolerant
DDP

Soldatinnen mit langen Haaren: Bonn zeigte sich tolerant

Berlin - Mit gemischten Gefühlen wird an das "Haarnetz-Zeitalter" der Bundeswehr Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre erinnert, als der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) wegen der "Haarmode" der Zeit seinen Soldaten erlaubte, ihre wallende Haarpracht in ein Netz zu pressen. Unfällen und Schwierigkeiten im mitunter gefährlichen militärischen Alltag sollte dadurch vorgebeugt werden. Doch bald machte angesichts des Erscheinungsbildes der Armee der Spruch die Runde: "Der Feind hat was zu lachen."

Das Münchner Gericht billigte jetzt einem jungen Soldaten zu, "Pferdeschwanz" zu tragen, wie der SPIEGEL berichtete. Die Richter sahen den "Zopf ab"-Befehl der Vorgesetzten des 18-jährigen vor allem als einen unzulässigen Eingriff in das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. In der Zentralen Dienstvorschrift - ZDv 10/5 - der Bundeswehr heißt es unmissverständlich: "Das Haar männlicher Soldaten muss am Kopf anliegen oder so kurz geschnitten sein, dass Ohren und Augen nicht bedeckt werden."

Als eine komplette Absage an den ministeriellen Erlass wird das Urteil nicht gewertet. Die Richter ließen erkennen, dass es weniger "brutale" Möglichkeiten gibt, dem Haarerlass Folge zu leisten, als die "radikale Zopfamputation". In Berlin hat sich das Verteidigungsministerium gewunden und von einer "Entscheidung im Einzelfall" gesprochen. An eine Änderung der ZDv werde nicht gedacht. In Offizierskreisen wird die Haltung der Führung der Bundeswehr so kommentiert: "Bloß nicht wieder die Zeiten der Haarnetze heraufbeschwören." Die Bundeswehr hat nach vorliegenden Informationen Berufung gegen den Münchner Richterspruch eingelegt.

Mit dem Haarerlass Schmidts vom 5. Februar 1971 sollte damals der Neigung der jungen Männer entsprochen werden, Haare und Bart länger zu tragen, als es den geltenden militärischen Vorstellungen entsprach. Das zunächst lockere Umgehen des Chefs auf der Bonner Hardthöhe brachte Schmidt den Aachener Karnevalsorden "Wider den tierischen Ernst" ein.

Trotz zunehmender Verschlechterung des äußeren Bildes der Bundeswehr hielt Schmidt an seiner Entscheidung fest. Er stellte sich auf den Standpunkt: Wichtig sei, "was unter der Schädeldecke der Soldaten steckt, nicht aber, was auf ihr zu finden ist". Die Toleranz ließ sich Bonn etwas kosten: 1971 wurden rund 500.000 Haarnetze für 180.000 D-Mark, 1972 etwa 300.000 Netze für über 180 000 D-Mark angeschafft.

"Hauterkrankungen, Infektionen und Parasitenbefall"

Im Frühjahr 1972 wurde es Schmidt allerdings zu bunt. Er gab am 15. Mai 1972 einen neuen Erlass heraus und kassierte damit seine liberale Haltung in Sachen "Wallelocken" bei den Soldaten wieder ein. In dem Ukas hieß es: "Das Haarnetz hatte infolge mangelnder Belüftung und durch weniger häufiges Kämmen die bei langen Haaren festgestellte Verfettung und Verschmutzung noch verstärkt. Außerdem hatte überlanges Haar Hauterkrankungen, Infektionen und Parasitenbefall sowie Erkältungskrankheiten begünstigt."

Dass es wieder "haarig" wird bei der Bundeswehr ist nach übereinstimmender Meinung in der Truppe jetzt nicht zu befürchten - "denn, wir leben ja im Zeitalter der kurzen, manchmal sogar der Stoppelhaare", wird argumentiert. Ein Tragen des Pferdeschwanzes á la Modemacher Karl Lagerfeld in den Reihen der Soldaten sei "out". Die rund 11.000 weiblichen Soldaten haben mit ihrer Haartracht keinerlei Probleme. Sie dürfen schon immer Pferdeschwanz tragen.

In der ZDv wird ausgeführt: "Die Haartracht weiblicher Soldaten darf den vorschriftsmäßigen Sitz der militärischen Kopfbedeckung nicht behindern." Zur Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen und bei bestimmten Diensten - zum Beispiel Gefechtsausbildung und Teilnahme an Einsätzen - kann der Disziplinarvorgesetzte bei langen Haaren das Tragen eines Haarnetzes befehlen.

Friedrich Kuhn, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.