Truppenübungsplatz Heuberg Teenager schoss auf Bundeswehrgelände mit Sniper-Gewehr

Nach einem fragwürdigen Vorfall gerät die Bundeswehr in Erklärungsnot. Nach SPIEGEL-Informationen übte ein US-Teenager 2016 auf einem Übungsplatz der Truppe mit einem Scharfschützengewehr. Ungewöhnlich fand das niemand.

Bundeswehrübungsgelände Heuberg (Archivfoto)
Michaela Rehle/ REUTERS

Bundeswehrübungsgelände Heuberg (Archivfoto)

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Das Bundesverteidigungsministerium hat nach SPIEGEL-Informationen interne Nachforschungen gestartet, warum ein amerikanischer Jugendlicher im Jahr 2016 auf dem Truppenübungsplatz Heuberg in Baden-Württemberg entgegen der geltenden Gesetzeslage mit scharfen Waffen schießen konnte. "Wir gehen dem Sachverhalt nach und werden weitere Schritte prüfen", bestätige der Sprecher von Ursula von der Leyen auf Anfrage.

Der Fall war im Ministerium erst letzte Woche durch die Strafanzeige eines Reserveoffiziers bekannt geworden. Demnach hatte ein US-Offizier im Oktober 2016 seinen damals 13-jährigen Sohn mit auf den Truppenübungsplatz genommen. Dort hatte der Jugendliche mit einem M2010 -Scharfschützengewehr Präzisionsschüsse über weite Entfernungen geübt. Sein Vater, ein US-Oberstleutnant, war bei der internationalen Spezialkräfteausbildung in Pfullendorf eingesetzt.

Dass der minderjährige Sohn damals auf dem Heuberg mit scharfen Waffen geschossen hat, ist recht gut belegt. So postete der US-Offizier mehrere Bilder und Videos seines Sohns mit der Waffe auf Facebook. "Wenn der Islamische Staat 13-jährige rekrutieren kann, machen wir das auch", schrieb er unter die Bilder. Offenbar fand der US-Soldat die Schießübungen seines Sohns völlig normal, da es in den USA legal ist, dass Eltern ihre Kinder mit auf einen Schießplatz nehmen.

In Deutschland indes gelten für den Gebrauch von Schusswaffen strenge Regeln, auch auf Bundeswehrschießplätzen. Laut Paragraf 2 des Waffengesetzes ist grundsätzlich nur Erwachsenen der Gebrauch von Waffen erlaubt. Für Bundeswehrgelände gibt es zusätzlich eine Dienstvorschrift, die die Teilnahme an Schießtrainings streng reglementiert. Alle Übungen inklusive der verwendeten Waffen und der verschossenen Munition werden schriftlich dokumentiert.

Waren Bundeswehrsoldaten anwesend?

Die Bundeswehr prüft nun intern, ob bei dem Schießen im Oktober auch Bundeswehrsoldaten anwesend waren und warum sie den US-Offizier nicht daran hinderten, seinen Sohn an eine scharfe Waffe zu lassen. Nach ersten Ermittlungen wurde nicht mit einer Waffe aus Bundeswehrbeständen geschossen, offenbar also hatte der US-Offizier oder andere US-Soldaten das Präzisionsgewehr selber mitgebracht. Anwesende deutsche Soldaten hätten trotzdem einschreiten müssen.

In der Anzeige erhebt der Reserveoffizier weitergehende Vorwürfe gegen die Vorgesetzten in Pfullendorf. Demnach sei der Fall gut ein Jahr später zumindest mündlich an das zuständige Ausbildungskommando in Leipzig gemeldet worden, dort aber sei man den Vorwürfen nicht nachgegangen. Den verantwortlichen General zeigte der Reserveoffizier deswegen wegen Strafvereitelung im Amt bei der Staatsanwaltschaft Leipzig an, da das Ausbildungskommando dort stationiert ist.

Die Strafanzeige schickte der Reserve-Offizier auch an das Ministerium. Dort mühte man sich, den Vorfall vor drei Jahren zu rekonstruieren. Laut ersten Ergebnissen sollen bei der Schießübung im Oktober keine deutschen Soldaten direkt beteiligt gewesen sein. Trotzdem bleibt die Frage, warum auf dem Bundeswehrschießplatz offenbar niemandem auffiel, dass ein Minderjähriger mit Waffen hantieren darf.

Keine Folgen für den US-Soldaten

Für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist der Vorgang mehr als unangenehm. Nur zwei Monate zuvor hatten im gleichen Jahr Bilder von Kindern, die bei einem Tag der Offenen Tür bei der Bundeswehr mit Waffen hantieren durften, für Aufregung gesorgt. Die Ministerin kündigte danach strengere Regeln für Werbestände der Truppe an, gegen die beteiligten Soldaten wurden Ermittlungen aufgenommen. Dass kurz darauf ein 13-jähriger auf einem Truppenübungsplatz mit scharfen Waffen schoss, hat eine ganz neue Qualität.

Waren Bundeswehrsoldaten bei den Schießübungen des 13-jährigen US-Teenagers anwesend, hätten sie wohl auf jeden Fall einschreiten müssen. Sein Vater hingegen muss keinerlei Folgen fürchten. In Deutschland stationierte US-Soldaten genießen eine weitreichende Immunität. Auf eine SPIEGEL-Anfrage zu den Umständen der Schießübung seines Sohns in Heuburg reagierte der amerikanische Offizier, der mittlerweile in die USA zurückgekehrt ist, bis zum Samstag nicht.



insgesamt 153 Beiträge
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Klarstellung 15.06.2019
1. Gurkentruppe
Tja was soll man dazu noch sagen, ich denke das beste bzw. das konsequenteste wäre die BW komplett abzuschaffen, dann kann auch kein Unfug passieren und das Geld könnten karitativen Zwecken zugeführt werden oder besser noch, in Bildung (die scheint ja dinglich geboten zu sein) investieren. Entweder wir bauen eine Armee auf, die ihren Namen verdient, entbürokratisiert und mega professionell, mega stark und megea gescheit (á la Israel) wir haben dann das beste Equipment der Welt (wir können es uns schlichtweg leisten) oder wir lassen es ganz einfach sein und kriechen unter den Schutzschild der Franzosen.
karlo1952 15.06.2019
2. Haben wir schon das Sommerloch?
Ein Vorfall aus 2016 wird jetzt erst aufgerollt, dazu noch von einem US-Offizier, der wahrscheinlich gar nicht mehr im Land ist, und seinen Sohn hat scharf schießen lassen. Die Amis haben halt ein anderes Verhältnis zu Waffen als wir. Früh übt wer ein guter Soldat werden will. Und zu Schaden ist doch auch niemand gekommen. Was soll's also.
noway2go 15.06.2019
3. Mal ehrlich
hier ist von einem Spezialsoldaten überwacht sein eigener Sohn zum Spaß ein bisschen in der Gegend rumgeballert worden. Hat der Ahnung von Waffen?!? Ja, laut Gesetzeslage bei uns eigentlich verboten. Aber warum macht ein Ersatz-Offizier hier Stunk gegen seine Kommandokette? Vendetta? Die ...Empört-Euch... Fraktion schmeiße den ersten Stein, wenn sie selber nie mal Schwarz gefahren oder Äpfel von Nachbars Baum geklaut hat. Mal locker bleiben....
Urzweck 15.06.2019
4. Soldaten in die Mitte der Gesellschaft
zurückbringen. Das sollten unsere rechten und linken Politiker versuchen. Dann kennen sie eines Tages evtl. von Anfang an die Gesetzeslage und kontrollieren sich gegenseitig. Dafür können wir z.B. die Wehrpflicht - diesesmal für beide Geschlechter - einführen.
der.belgarath 15.06.2019
5. Bundeswehrsoldaten sind keine Polizisten
"Wenn Bundeswehrsoldaten anwesend gewesen wären, hätten sie einschreiten müssen." Nein, so allgemein ist das falsch. Wenn Bundeswehrsoldaten in offizieller Funktion als Leitende oder Aufsichtsführende anwesend gewesen wären, dann hätten sie aus dieser Funktion heraus tätig werden müssen. Waren sie in ohne diese Funktion lediglich Zeugen, dann gab es keinerlei Verpflichtung für sie, einzuschreiten. Sollte der Truppenübungsplatz darüberhinaus damals den US-Truppen für eine gewisse Zeit zur Nutzung übertragen worden sein sollen, dann haben diese auch die Verantwortung für die Einhaltung geltenden Rechts.
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