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Traumatisierter Soldat: Alptraum in der Sprenggrube

Foto: Robert Sedlatzek-Müller

Trauma bei Bundeswehr-Soldaten Der Kampf des kaputten Kriegers

Eine Explosion in Afghanistan machte aus dem Elitesoldaten Sedlatzek-Müller ein seelisches Wrack. Diagnose: Krieg im Kopf. Schwer traumatisiert flüchtete er in den Alkohol, Hilfe von der Bundeswehr gab es kaum. Bis sich der Fallschirmjäger seinem härtesten Kampf stellte.

Hamburg - Es ist der Morgen des 2. Juni 2010 - und Robert Sedlatzek-Müller würgt sich die Seele aus dem Leib. Eben hat er im Autoradio die Nachrichten gehört. Drei Sprengmeister in Göttingen sind tot, zerfetzt bei der missglückten Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt taumelt der ehemalige Elitekämpfer neben seinem Auto auf dem Grünstreifen und kann nicht mehr.

Mit einem Schlag ist alles wieder da. Der Geruch von Sprengstoff, die Schreie der verletzten Kameraden, die Desorientierung. Wobei: Eigentlich war all das nie weg. Sedlatzek-Müller hat die Geister Afghanistans immer um sich, an diesem Morgen klagen sie nur besonders laut.

Seit der heute 35-Jährige in Kabul eine schwere Explosion überlebt hat, leidet er an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS. Welches Leid sich hinter diesen vier Buchstaben verbirgt, beschreibt er in seinem Buch "Soldatenglück - Mein Leben nach dem Überleben". Es ist für ihn "Therapie, Anklage und Aufmunterung für andere Betroffene zugleich".

Rückblick, 6. März 2002: Es ist nur eine Sekunde, ein leuchtend gelber Lichtblitz, der Sedlatzek-Müller aus seiner Welt reißt. Gerade noch stand er mit einem Kameraden in einer Sprenggrube und sah zu, wie eine russische SA-3-Rakete entschärft wird. Mit solchen Relikten der Sowjetzeit beschießen die Taliban nachts das Lager der Bundeswehr in der afghanischen Hauptstadt. Dieses Ungetüm konnte beschlagnahmt werden - und entwickelt nun trotzdem seine tödliche Wirkung. Bei der Entschärfung passiert ein fataler Fehler, der Sprengkopf detoniert, Sedlatzek-Müller wird meterweit durch die Luft geschleudert.

Die Druckwelle kommt spät, aber gewaltig

Es sind diese Minuten, die er im Morgengrauen neben seinem Auto kurz vor Hamburg erneut durchlebt. Wieder sieht er den abgetrennten Arm eines Kameraden vor sich, riecht die eigene verschmorte Kleidung, schmeckt den metallischen Geschmack von Blut im Mund.

Sedlatzek-Müller hat unglaubliches Glück. Fünf Isaf-Soldaten sterben an diesem Morgen, zwei Deutsche und drei Dänen. Er selbst - Fallschirmjäger mit Ausbildung zum Einzelkämpfer und Sprengstoffexperten - bleibt fast unverletzt, äußerlich. Doch die Druckwelle kommt. Sie kommt spät, aber gewaltig. Unaufhaltsam schiebt sie sich in sein Leben. Immer lauter werden die Schreie, wenn er nachts aus Alpträumen aufwacht. "Dann sehe ich den Feuerball", sagt er.

Frieden bringt ihm zunächst der Alkohol, immer öfter auch im Dienst. Denn Sedlatzek-Müller bleibt Soldat, kehrt sogar zurück nach Afghanistan. Er glaubt noch immer an den Eid, den er geschworen hat, will noch immer Recht und Freiheit verteidigen - trotz der Diagnose PTBS, trotz des Strudels, in den er gerät.

"Alles in einem großen Knall beenden"

Das Leben, das er sich aufgebaut hat, zerbröckelt. Erst hält es seine Freundin nicht mehr mit ihm aus, dann bekommt er Probleme in der Truppe. Mehr Alkohol, mehr Frust, Schlägereien in Dorfdiscotheken. Immer düsterer wird seine Stimmung. Halt gibt ihm nur noch die Verantwortung für Diensthund Idor. "Oft habe ich darüber nachgedacht, alles mit einem großen Knall zu beenden", schreibt Sedlatzek-Müller in seinem Buch "Soldatenglück". Gedanklich sei er so weit gewesen, "Menschen, die mich demütigten, mit in den Tod zu reißen".

Die Notbremse zieht Sedlatzek-Müller erst 2008, als er wegen einer Nichtigkeit aggressiv gegen Diensthund Idor wird: "Lange Zeit wollte ich trotz bestehender Diagnose nicht wahr haben, dass mir etwas fehlt. Ich habe mich geschämt. Doch als das mit Idor passierte, wurde mir bewusst, dass ich wirklich krank bin und daher so unkontrolliert handle."

Verhängnisvoller Stichtag

Heute sitzt Robert Setzlatzek-Müller ruhig in seinem Sessel, trinkt Espresso und spricht über seinen Kampf. Gegen die Krankheit und gegen den Widerstand in der Truppe. Schmal ist er geworden, wenig erinnert an den muskelbepackten Krieger, der auf den Bildern in "Soldatenglück" mit nacktem Oberkörper und Gewehr posiert. Sein Blick schweift immer wieder durch den Raum, er beobachtet die Umgebung. Und er trägt die Jacke mit dem Abzeichen seiner Fallschirmjäger-Einheit.

Noch immer ist er in Behandlung, schluckt Psychopharmaka. Doch es geht ihm besser. Bei der Bundeswehr hat er gelernt zu leiden, sagt Sedlatzek-Müller. Im Drill trainierten ihn seine Ausbilder, die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu sprengen. Nun brauchte er diesen eisernen Willen, um den Kampf gegen die Bundeswehr zu überleben. "Das hätte ich mir nie träumen lassen."

Denn neben dem 6. März gibt es einen weiteren Stichtag in Sedlatzek-Müllers Leben. Bei Verwundungen, die nach dem 1. Dezember 2002 passiert sind, greift das "Einsatzweiterverwendungsgesetz". Damit hätte er als Soldat oder Zivilist weiter bei der Bundeswehr arbeiten können. Doch für Sedlatzek-Müller gilt die Regelung nicht, sein Unglück geschah rund neun Monate vor dem entscheidenden Datum.

Als Nestbeschmutzer gebrandmarkt

"Man hat mich und meine Kameraden vergessen", sagt der Ex-Fallschirmjäger. Ein ehemaliger Mit-Soldat lebt heute in Hamburg am Existenzminimum, auch Sedlatzek-Müller steht nach dem Ablauf seines Zeitvertrags bei der Bundeswehr ratlos da. Doch er nimmt den Kampf an, geht an die Öffentlichkeit. "Von da an haben ehemalige Freunde in der Truppe nicht mehr mit mir gesprochen. Ich gelte als Verräter und Nestbeschmutzer." Immer wieder wendet er sich an Politiker, gibt Interviews, besucht den Bundestag.

Und er hat Erfolg: Am 28. Oktober 2011 billigt der Bundestag eine Neuregelung des strittigen Gesetzes. Ein Soldat mit einem Verletzungsgrad von 50 Prozent soll künftig einmalig 150.000 Euro erhalten. Bisher waren es 80.000 Euro. Zudem haben Soldaten nun einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung im Bundesdienst, wenn ihre Erwerbsfähigkeit durch eine Verwundung im Einsatz um 30 Prozent gemindert wird. Der Gesetzentwurf sah zunächst 50 Prozent vor, wurde dann nach Protesten von Abgeordneten mehrerer Fraktionen aber nachgebessert.

Die vereinfachte Anerkennung des Verwundungsgrads soll rückwirkend zum 1. Juli 1992 gelten, also mit dem Beginn der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Der Antrag von Sedlatzek-Müller läuft derzeit.

Er hat der Krankheit ein Gesicht gegeben hat, das weiß Sedlatzek-Müller - doch jetzt will er noch mehr. Er will das Schweigen in der Truppe brechen. Im Bund deutscher Veteranen  engagiert sich Sedlatzek-Müller als Berater für andere traumatisierte Soldaten: "Ich bekomme täglich Nachrichten von Betroffenen und Angehörigen, die nicht wissen, wohin. Da ist immer noch viel Scham, das Thema bleibt ein Tabu."

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