SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. Oktober 2014, 17:39 Uhr

Von der Leyen besucht Peschmerga-Ausbildung

Waffen für Kurden, Bilder für die Ministerin

Von , Hammelburg

Die Bundeswehr kann positive Meldungen gut gebrauchen. Verteidigungsministerin von der Leyen besucht Hammelburg, wo derzeit Peschmerga ausgebildet werden. Schon bald werden sie mit den deutschen Waffen in den Krieg ziehen.

Der Mann in Uniform mit Schutzweste, Helm, dunkler Sonnenbrille und schwarzer Farbe im Gesicht schaut auf seine Stoppuhr. "Ready?", fragt er und schickt ein "Go" hinterher. Für die beiden Soldaten neben ihm geht es jetzt um Sekunden. Der eine schnappt sich das Dreibein, der andere greift zum Unterteil der Panzerabwehrrakete "Milan". Es dauert nicht lange, bis alles miteinander verbunden ist - dazu noch das Waffenoberteil mit der Richt- und Abfeuereinrichtung, die Optik und das Startrohr.

Mittendrin in dieser Übung am Donnerstag in der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die CDU-Politikerin ist nach Franken gekommen, um sich ein Bild von der einwöchigen Ausbildung von 32 kurdischen Peschmerga-Soldaten zu machen, die hier den Umgang mit der "Milan" erlernen sollen. Ihr Wissen sollen die kurdischen Soldaten im Nordirak an ihre Kameraden weitergeben, um im Kampf gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" zu bestehen.

Die "Milan" hat nach Angaben der Bundeswehr eine maximale Reichweite von 2000 Metern, ihr Geschoss kann 700 Millimeter dicken Panzerstahl durchlagen.

30 "Milan"-Panzerabwehrraketen will Deutschland an die Kurden liefern, dazu 500 Lenkflugkörper, außerdem insgesamt 16.000 Sturmgewehre vom Typ G3 und G36 mit Munition, 40 Maschinengewehre, Panzerfäuste, Handgranaten und Signalpistolen. Die Ausrüstung der Kurden mit Waffen und Munition bedeutet eine Wende in der Sicherheitspolitik Deutschlands: Zum ersten Mal seit Jahren engagiert sich die Bundesrepublik direkt in einem laufenden militärischen Konflikt. Von der Leyen hatte sich schon vor Monaten für ein stärkeres militärisches Engagement Deutschlands bei internationalen Konflikten starkgemacht.

"How many seconds?", fragt von der Leyen nach einem der Übungsdurchgänge. Eine Minute und 40 Sekunden. Die Ministerin ist sichtlich angetan: "Very good", sagt sie. Vor ihr haben sich mehrere Kamerateams in Position gebracht. Das Interesse an dem Termin ist groß, ein Bundeswehrsprecher wertet ihn zur Begrüßung als ein "Riesen-Medienevent". Man wolle den Journalisten "die bestmöglichen Bilder" liefern, verspricht er. Und weil an diesem Tag keine Schießübung vorgesehen ist, gibt es Aufnahmen von der "Milan" im "scharfen Schuss" auf DVD.

Erheblicher Modernisierungsbedarf bei der Bundeswehr

Es soll hier offenbar niemand enttäuscht werden - denn Bundeswehr und Verteidigungsministerium können derzeit positive Nachrichten nur zu gut gebrauchen. Schließlich ist die Truppe zuletzt mit etlichen Ausrüstungsproblemen ins Gerede gekommen, die auch für die Verteidigungsministerin unangenehm sind, selbst wenn die zugrunde liegenden Fehler nicht in ihre Amtszeit fallen - umso mehr, da von der Leyen wie kaum ein anderer Kabinettskollege darauf bedacht ist, in der Öffentlichkeit zu glänzen.

Die Mängel in der Ausrüstung sind so weitreichend, dass Deutschland seine Bündniszusagen derzeit nicht einhalten kann. So hatte das Verteidigungsministerium erklärt, dass die Zielzahlen des "Nato Defence Planning Process" für das laufende Jahr "aktuell bei den fliegenden Systemen nicht erreicht" würden. "Probleme im Grundbetrieb sind jahrelang beiseitegeschoben worden, weil wir uns auf die großen Auslandseinsätze konzentriert haben", räumte von der Leyen zuletzt ein.

Kummer bereiten nicht nur die 109 "Eurofighter", von denen derzeit nicht einmal die Hälfte voll oder eingeschränkt einsatzfähig ist. Auch Dutzende Hubschrauber und Transportflugzeuge bereiten ähnlichen Ärger. Dass zuletzt auch noch fehlerhafte Nietenbohrungen am Rumpf des "Eurofighter" bekannt wurden und der Lebensdauerwert der einzelnen Maschinen auf 1500 Flugstunden halbiert wurde, ist fast noch das Harmloseste in der Reihe von Pleiten und Pannen, mit denen die Truppe derzeit zu kämpfen hat.

Visite im Schnelldurchlauf

Auch der Start der deutschen Hilfe für die kurdischen Kämpfer im Nordirak gegen den IS verlief alles andere als reibungslos: Als von der Leyen vor wenigen Tagen in das irakische Krisengebiet gereist war, landete sie ohne die erste Waffenlieferung in Arbil - die militärische Ausrüstung war in einem defekten Flugzeug in Deutschland steckengeblieben und konnte erst einen Tag später starten.

Die Ministerin weiß in Hammelburg aber nur Positives über ihre Reise zu berichten. Sie habe die Peschmerga in Arbil als "hervorragend organisiert, hoch motiviert und entschlossen" erlebt, und auch hier in Franken sei sie wieder beeindruckt, "mit welcher Geschwindigkeit, Lernbereitschaft und Entschlossenheit" die kurdischen Soldaten ihre Ausbildung durchlaufen würden.

Von der Leyens Besuch in Hammelburg ist eine Visite im Schnelldurchlauf. Etwas mehr als eine Stunde ist sie vor Ort. Zeit für ein Gespräch mit einem kurdischen Major, ein paar medienwirksame Bilder, ein kurzes Statement vor der Presse und Antworten auf handverlesene Journalistenfragen. Die Materialmängel seien auch die Folge davon, dass die Ersatzteilproduktion in den vergangenen Jahren "fälschlicherweise gedrosselt" worden sei. Von der Leyen sieht offenbar erheblichen Modernisierungsbedarf bei der Bundeswehr: In den nächsten Jahre werde die Truppe neues Material brauchen. "Das wird Geld kosten, und darüber müssen wir reden."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung