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04. Juni 2014, 17:30 Uhr

Spott über Bundeswehr-Reform

Von der Leyen muss sich selbst verteidigen

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Die Bundeswehr soll schöner werden - so will es die Verteidigungsministerin. Fernseher, Teilzeit, Kinderkrippen hat sie der Truppe verordnet. Doch ihr Konzept erntet vor allem Spott. Jetzt geht Ursula von der Leyen ihre Kritiker an.

Berlin - Den Mittwochvormittag hatte sich Ursula von der Leyen ganz anders vorgestellt. Seit Wochen hatte ein Team unter ihrer Leitung über einem Kommunikationsplan gebrütet. Schließlich wollte sie ihre Attraktivitäts-Offensive für die Bundeswehr perfekt verkaufen - als ganz großen Wurf.

Der Plan ging nach hinten los. Bereits am vergangenen Freitag waren Details aus dem Papier mit dem Titel "Die Bundeswehr auf der Überholspur" durchgesickert. Statt aber einen Neuanfang bei der Bundeswehr und die forsche Ministerin zu loben, wurde hauptsächlich über Flachbildfernseher und neue Möbel für jede Stube gefrotzelt. Wer von der Leyen ein wenig kennt, kann ihren Frust erahnen. Daheim in Hannover musste sie tatenlos mitansehen, wie ihr Projekt genüsslich seziert wurde.

Mit der Kommunikationspanne war es noch nicht ausgestanden, schon am Wochenende setzte es weitere Kritik. Am lautesten polterte Exgeneralinspekteur Harald Kujat. Von der Leyen attestierte er, von Militär offenkundig keine Ahnung zu haben. Selbst der Koalitionspartner SPD hielt sich nicht zurück mit Zweifeln an dem Konzept, das von besserer Kinderbetreuung, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, bis hin zu einer Reduzierung der ärgerlichen Versetzungen von Soldaten durchs ganze Bundesgebiet reicht.

"Die Frage der Attraktivität ist entscheidend"

Der groß geplante Termin am Mittwoch stand also unter schlechten Vorzeichen. Statt ihr erstes großes Projekt im neuen Job fulminant vorstellen zu können, musste von der Leyen unfreiwillig in den Selbstverteidigungsmodus umschalten. Ihr Dauerlächeln konnte nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen, dass sie ganz schön genervt war.

Doch von der Leyen wäre nicht auf ihrem Posten, wenn sie die politische Vorwärtsverteidigung nicht beherrschen würde. Ohne Punkt und Komma ratterte sie gleich zu Beginn die wichtigsten Punkte ihrer Reform herunter, sprach von einer Bundeswehr nach dem Ende der Wehrpflicht. Einer Truppe, die sich nun auf dem freien Markt "die besten Frauen und Männer" suchen müsse, 60.000 Bewerber brauche sie jährlich. "Gerade weil diese Zahlen so ernst sind, ist die Frage der Attraktivität entscheidend", so ihre Analyse.

Statt ihre Reform weiter zu verteidigen, watschte von der Leyen dann die Kritiker ab. Allen voran General Kujat. Dieser hatte ihr vorgeworfen, sie solle statt eines Wohlfühlprogramms für die Soldaten daheim lieber mehr Geld für die Ausrüstung der Soldaten im Einsatz in Afghanistan, dem Kosovo oder in Afrika einplanen. Ähnliche Töne hört man auch unter Soldaten. Gerade die Verbände, die oft in Einsätze gehen, wollen sich mit der Idee einer Wohlfühlarmee nicht anfreunden und schon gar keine Weicheier sein.

Hört nicht auf die Nörgler

Von der Leyen wollte diese Kritik nicht gelten lassen. Sie rechnete in Berlin vor, dass die Bundeswehr bereits Milliarden für die bestmögliche Ausrüstung bei den Einsätzen ausgebe. Die nun von ihr vorgeschlagenen Verbesserungen in Deutschland hingegen würden mit rund 100 Millionen nur einen Bruchteil kosten. Es gelte also das Prinzip "sowohl als auch".

Für Kujat persönlich hatte von der Leyen trotzdem noch ein paar deutliche Worte übrig. "Ich glaube, daraus spricht vor allem Angst, nämlich Angst vor Veränderung", sagte sie in Richtung ihres Dauer-Kritikers. Sie jedenfalls bekomme aus der Truppe viel Zuspruch für ihre Pläne, viele der Anregungen aus der Bundeswehr habe sie auch in ihr Konzept eingearbeitet. Zwischen den Zeilen ließ von der Leyen damit erkennen, wie sie die Lage sieht: Hört nicht auf die Nörgler, die nicht mehr im Dienst sind - unter meiner Führung entsteht eine ganz neue Bundeswehr.

Trotz der Flucht nach vorn dürfte von der Leyen aus den vergangenen Tagen einiges gelernt haben. Ihre Schonzeit ist vorbei. Zum ersten Mal schlug ihr der raue Ton einer Truppe entgegen, die schon viele Reformideen gehört hat, die mehr schlecht als recht umgesetzt wurden. Vor allem aber dürfte von der Leyen aufmerksam registriert haben, dass es nach der Kritik am Wochenende kaum Unterstützer aus der eigenen Partei gab, die ihr beigestanden haben. Für Krisen in der Zukunft ist das kein gutes Vorzeichen.

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