Bundeswehr-Verstärkung in Afghanistan Obama schont Merkel

Die US-Verbündeten sollen mehr Soldaten nach Afghanistan schicken - doch Deutschland bekommt erst mal Zeit. Präsident Obamas Unterhändler Holbrooke verspricht, die Entscheidung ganz Merkels Regierung zu überlassen. Das Pentagon geht auf Distanz zur angeblich geforderten Zahl von 2000 Soldaten.

Bundeswehr bei Kunduz: "Ultimativer Test für die Nato"
AFP

Bundeswehr bei Kunduz: "Ultimativer Test für die Nato"


Düsseldorf/Berlin - Rund 4500 deutsche Soldaten sind zurzeit in Afghanistan stationiert - nach dem Wunsch der USA sollen es mehr werden. Man wolle aber keinen Druck auf Deutschland ausüben, sagte der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke. Es bleibe den Deutschen selbst überlassen, über das weitere Vorgehen zu entscheiden, sagte er dem "Handelsblatt". Ähnlich äußerte sich eine hochrangige Pentagon-Mitarbeiterin.

Die Bundeswehr habe schon mehr als 30 Soldaten in Afghanistan verloren, das sei "historisch", sagte Holbrooke. Er habe daher Verständnis für die Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit einer Entscheidung über zusätzliche Truppen bis zur internationalen Afghanistan-Konferenz in London im Januar zu warten. Die deutsche Präsenz im Norden Afghanistans sei aber extrem wichtig.

Auch von einem Treffen der Nato-Außenminister am Freitag in Brüssel erwartet Holbrooke keine konkreten Zahlen, wie er sagt. Die US-Regierung fordert vor allem politische Zusagen ihrer Verbündeten. Wenn das westliche Bündnis keinen Erfolg in Afghanistan habe, sei mit einem "sehr ernsten Anstieg der Gewalt" zu rechnen. Afghanistan sei der "ultimative Test" für die Nato und das gesamte westliche Bündnis, sagte Holbrooke dem "Handelsblatt".

US-Präsident Barack Obama hatte in einer Rede über seine Afghanistan-Strategie angekündigt, dass er in der ersten Jahreshälfte 2010 die US-Truppen in Afghanistan um 30.000 auf knapp 100.000 Soldaten aufstocken wird. In den vergangenen Tagen wurde immer wieder die Zahl von 2000 zusätzlichen deutschen Soldaten genannt, die die USA in Afghanistan sehen wollen.

"Realitätscheck" zwischen Washington und Berlin

Die Pentagon-Mitarbeiterin Julianne Smith sagte der "Financial Times Deutschland", mit der Bundesregierung werde nur über Zahlen gesprochen, die aus Berlin genannt worden seien. Die Direktorin der Abteilung für Europa- und Nato-Angelegenheiten des US-Verteidigungsministeriums bekräftigte, die Zahlen beruhten auf Schätzungen von Militärexperten der Bundesregierung. Danach wären tausend bis 2500 zusätzliche Bundeswehrsoldaten einsatzfähig. Bei den Gesprächen zwischen Washington und Berlin gehe es jetzt lediglich um einen "Realitätscheck".

Die Bundesregierung will erst Ende Januar nach der internationalen Afghanistan-Konferenz über eine Aufstockung des deutschen Truppenkontingents entscheiden. Die Konferenz am 28. Januar in London soll Aufschluss darüber geben, wie der internationale Einsatz zukünftig gestaltet wird und wann er beendet werden kann.

In einer Abstimmung entscheidet der Bundestag am Donnerstag über die Verlängerung des Einsatzes in Afghanistan. Eine Zustimmung des Parlaments gilt als sicher. Das Mandat der Bundeswehr in der Nato-Truppe Isaf in Afghanistan soll um ein weiteres Jahr verlängert werden. Die Obergrenze bleibt bei 4500 Soldaten.

Der frühere Uno-Sonderbeauftragte für Afghanistan und heutige Grünen-Abgeordnete Tom Koenigs forderte die Regierung in dem Blatt auf, deutlich mehr Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Mehr Soldaten seien dagegen nicht erforderlich. Ihm habe schon 2007 anlässlich einer Verstärkung des Bundeswehr-Kontingents der afghanische Präsident Hamid Karzai gesagt, dass er lieber Polizeiausbilder als Soldaten im Land habe.

Auch die FDP-Wehrexpertin Elke Hoff betonte in der "Leipziger Volkszeitung" vom Donnerstag, Deutschland müsse den zivilen Bereich in Afghanistan stärken und keine Debatten über Kampftruppen führen. Außenminister Guido Westerwelle hatte am Mittwoch gesagt, Deutschland sei bereit, beim zivilen Aufbau mehr zu tun: "Insbesondere wollen wir ja eine Übergabe in Verantwortung. Das setzt voraus, dass auch die afghanischen Polizeistrukturen aufgebaut werden müssen, damit auch die Afghanen selbst für ihre eigene Sicherheit mehr tun können als bisher."

kgp/dpa/AFP/AP/Reuters

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Seite 1
Rübezahl 02.12.2009
1.
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Nein ! Zum einen wird der Abzug wie bei den Engländern um 1843 blutig verlaufen, zum anderen wird es nicht zurück nach Amerika gehen sondern weiter nach Pakistan.
Bettelmönch, 02.12.2009
2. Kann der Plan die Wende bringen?
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Der Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Meckermann 02.12.2009
3.
In Afganistan geht es im Grunde nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Hätte man diesen Krieg von Anfang an mit einem klaren Konzept und den notwendigen Mitteln (zum Beispiel denen, die dann für den Irak drauf gingen) geführt, dann sähe es dort heute vielleicht ganz anders aus. So war es aber nunmal nicht und nun muss man aus dem vorhandenen das beste machen. Ich denke Obama geht hier den richtigen Weg: noch einmal eine richtige Kraftanstrengung aber mit Deadline bis zu der Ergebnisse vorliegen müssen.
Stefanie Bach, 02.12.2009
4.
Zitat von BettelmönchDer Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Kann man ohne Sprache denken? (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/) Wohl nicht, deshalb ist es gut, dass Obama sehr klar gesagt hat, dass dieser Krieg im vitalen amerikanischen Interesse ist - letzlich dient er der Stabilisierung der Atommacht Pakistan. Auch Deutschland sollte sich zügig von unrealistischen Begründungen seiner Kriegsbeteiligung verabschieden. Entweder wir stehen dazu, dass wir dort Krieg führen, weil wir den Amerikanern zur Bündnistreue verpflichtet sind, oder wir lassen es ganz.
leser75 02.12.2009
5.
Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu befrieden - deshalb wird auch diese Ankündigung eines amerikanischen Präsidenten wie eine Seifenblase zerplatzen - es ist das dritte Engagement mit vielen Gefallenen in den eigenen Reihen, das scheitert nach Vietnam und dem Irak. Europa muß lernen, sich eine eigene Meinung und Strategie im Vorfeld solcher "Abenteuern" zu bilden, wir sind kein Anhängsel.
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