Verteidigung Bundeswehr wirbt um Cyber-Start-ups

Ein neues Team von Techies und Start-up-Unternehmern soll dafür sorgen, dass die Bundeswehr beim Cyber-Wettrüsten mithalten kann. Doch passen die Digitalszene und die schwerfällige Truppe überhaupt zusammen?
Hauptmann Nicolas Heyer (graue Uniform), Fregattenkapitän Marcel Yon (mit dunkler Uniform) und Jan Andresen

Hauptmann Nicolas Heyer (graue Uniform), Fregattenkapitän Marcel Yon (mit dunkler Uniform) und Jan Andresen

Foto: Dominik Butzmann/ DER SPIEGEL

Wieherndes Gelächter. Was für eine absurde Frage. Ob man als Start-up-Unternehmer Geschäfte mit dem Staat machen würde? Fünf Jahre warten, bis sich eine Behörde endlich durchgerungen hat? Nee, stöhnen die drei Männer, never ever, totale Zeitverschwendung.

"Bevor ein Start-up einen Euro Umsatz mit der Öffentlichen Hand gemacht hat", sagt Marcel Yon, "schafft es woanders zehn Euro." Jan Andresen und Nicolas Heyer nicken. Fünf Jahre sind unendlich lang, wenn man in einer Welt lebt, die in Hundejahren tickt und alles siebenmal so schnell ist.

So wie ihre Welt. Yon und Andresen sind Cyber-Unternehmer. Sie gründen, bauen auf, verkaufen. Dann geht es wieder von vorne los. Andresen hat seine erste Firma für Computerspiele mit drei Freunden in der elften Klasse gegründet, seine letzte verkaufte er 2014 an den Bertelsmann-Konzern.

Bundeswehr startet "Cyber Innovation Hub"

Heyer war Hubschrauberpilot bei der Bundeswehr, arbeitete bei einem Start-up und sechs Jahre lang für Google. Gerade gründete er sein eigenes Unternehmen, doch jetzt hat er als Hauptmann der Reserve mit Yon und Andresen ausgerechnet bei einer Institution angeheuert, gegen die ein Großtanker so beweglich erscheint wie eine Springmaus. Die drei Männer bilden den Kern einer neuen Truppe, die dafür sorgen soll, dass die Streitkräfte technologisch nicht abgehängt werden.

"Cyber Innovation Hub" heißt die Einrichtung, die in diesen Tagen starten soll. Serienunternehmer Yon ist die treibende Kraft hinter der neuen Innovationsagentur der Bundeswehr. Der frühere Investmentbanker, der mit dem Verkauf seiner Firmen Millionen gemacht haben dürfte, trägt inzwischen Uniform. Als Fregattenkapitän der Reserve hat er um sich Techies, Cyber-Spezialisten und Start-Up-Unternehmer versammelt, die demnächst standesgemäß in ein Loft in der Nähe der Berliner TU ziehen werden.

Das Projekt ist erst einmal auf drei Jahre begrenzt und soll in der Endstufe auf 30 Männer und Frauen anwachsen. 12,6 Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr den Unterhalt ihres Innovationsteams kosten, weitere 15 Millionen stehen für Projekte zur Verfügung.

80 Prozent der militärischen Neuentwicklungen finden im Cyberbereich statt

Yon und seine Leute sollen das machen, wozu die Bundeswehr nicht in der Lage ist. Nach interessanten Innovationen fahnden, "Studien, Pilotprojekte, Ideenwettbewerbe etc. zur Validierung von Technologien durchführen", wie es in einem internen Ministeriumspapier heißt und selbst als "Initiator oder Auftraggeber für die (Weiter-)Entwicklung disruptiver Technologien wirken".

Es geht nicht darum, Cyber-Offensivwaffen zu entwickeln, sondern zivile Erfindungen für das Militär nutzbar zu machen. Yon nennt zwei Beispiele: Software, die Künstliche Intelligenz dazu nutzt, riesige Datenmengen nach unentdeckten Viren abzusuchen. Oder die Frage, ob sich die "Blockchain"-Technologie der manipulationssicheren Transaktionen auch militärisch nutzen lässt.

Die schwierigste Aufgabe wird sein, die Neuerungen in den Moloch Bundeswehr einzuführen. In den sechs Jahrzehnten ihres Bestehens hat sich die Truppe einen soliden Spitzenrang in der Gruppe der schwerfälligsten Institutionen gesichert. Das ging so lange gut, wie die neueste Glattrohrkanone oder Panzerung über Sieg oder Niederlage im Rüstungswettlauf entschied. Innovationszyklen wurden in Dekaden und nicht in Jahren bemessen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Bis zu 80 Prozent der militärisch relevanten Neuentwicklungen finden heute im Cyberbereich statt, schätzt man im Berliner Verteidigungsministerium. Damit muss die Bundeswehr in einer Umgebung operieren, in der sie keine Peilung hat. Die Welt der Hundejahre ist ihr fremd.

Blick in die USA und nach Israel

Digitale Innovationen haben ein extrem hohes Tempo, es geht um Monate und nicht um Jahrzehnte. Die Entwicklung findet nicht linear, sondern exponentiell statt, weil jede Innovation die Geschwindigkeit noch steigert. Schnell zu scheitern gilt nicht als Niederlage, sondern als Gewinn, bevor man sich in aussichtslosen Projekten verzettelt. Auch die Akteure verändern sich. Kleine Start-up-Unternehmen, zu denen die Bundeswehr keinen Zugang hat, werden wichtiger, die Bedeutung der großen Anbieter schrumpft.

Seit Monaten reisen Abgesandte des Ministeriums nach Washington, Kalifornien und nach Israel, um Ideen zu bekommen, wie sich das Dilemma lösen lässt. Amerikaner und Israelis pflegen schon lange den Austausch zwischen Militär und Gründerszene. Das Pentagon unterhält im Silicon Valley eine eigene Innovationsagentur, in Israel gibt es ein dichtes Geflecht von Armee, Hochschulen und Ex-Militärs mit ihren Start-ups.

Der "Cyber Innovation Hub" der Bundeswehr ist der Versuch, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen. "Ach", sagt Multi-Unternehmer Andresen, "ich habe 23 Jahre lang gehört: Das funktioniert bestimmt nicht. Dabei fängt der Spaß doch damit überhaupt erst an."