PR-Offensive der Bundeswehr Aus der Not eine Jugend gemacht

Die Bundeswehr wirbt auf allen Social-Media-Kanälen um Schulabgänger. Und noch nie gab es so viele minderjährige Rekruten wie in diesem Jahr. Wirkt die PR-Offensive?
Gelöbnis von Rekruten (in Thüringen, Archivbild)

Gelöbnis von Rekruten (in Thüringen, Archivbild)

Foto: Martin Schutt/ picture alliance / dpa

Eine Zahl sorgt dafür, dass die Zuhörer plötzlich gerader auf ihren Stühlen sitzen. "Die Bundeswehr zahlt den Studenten 1800 Euro im Monat. Netto." Auch als Zeitsoldat sind schnell 1600 Euro netto drin, sagt der Mann, der ein bisschen aussieht wie ZDF-Moderator Claus Kleber. Nur dass es hier nicht um Nachrichten aus aller Welt geht, sondern darum, die Bundeswehr als Arbeitgeber anzupreisen. Der Claus Kleber der Truppe heißt Ralf Meyer, er ist Kapitänleutnant.

Ein Samstagvormittag im Januar, Jobmesse in Hamburg. Der Kapitänleutnant schaut bei seiner Präsentation in die Gesichter vieler Zweiergrüppchen, die vor ihm und der Leinwand Platz genommen haben. Vater mit Sohn, Mutter mit Sohn oder Tochter. Manchmal auch die ganze Familie. Das Alter der Jugendlichen rangiert zwischen 15 und 20 Jahren. Es ist die Zielgruppe, die die Bundeswehr und der Kapitänleutnant ganz besonders erreichen wollen: junge Schulabgänger. Denn die Truppe braucht Personal - vor allem Soldaten. "Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber", verkündet Meyer. Für jeden Schulabschluss sei etwas dabei.

Kapitänleutnant Ralf Meyer auf der Jobmesse

Kapitänleutnant Ralf Meyer auf der Jobmesse

Foto: Joerg Modrow

Als er die hohen Nettoverdienste anspricht, schauen viele Kinder ihre Eltern an. Die nicken. Er wolle nicht verschweigen, dass es "Herausforderungen" gebe, sagt der Kapitänleutnant. "Das bedeutet auch: eine Gefährdung von Leib und Leben."

Die Bundeswehr hat mehrere Probleme. Sie hat zu wenig Soldaten, die Truppe ist überaltert - und braucht dringend Nachwuchs. Doch geeignete Bewerber zu finden, ist eine große Herausforderung. Seit dem Wegfall der Wehrpflicht musste die Bundeswehr in den Kampf um Schulabgänger auf dem freien Markt einsteigen, die Umstellung fällt schwer, zuletzt hat sie stark in Werbung investiert. Und es gibt offenbar erste Erfolge.

Noch nie gab es so viele Rekruten unter 18 Jahren wie heute. Zum Stichtag 1. November 2016 zählte die Bundeswehr 1576 Minderjährige, die bei der Bundeswehr anfingen - ein Höchstwert. Sie beginnen eine Laufbahn als Zeitsoldat oder auch als Freiwillige Wehrdienstleistende. Die Zahl stieg seit 2011 von 689 bis heute kontinuierlich an, wie aus einer Anfrage der Linken an das Verteidigungsministerium hervorgeht.

Doch wie kommt es zu Anstieg bei denjenigen, die nur mit dem Einverständnis von Mama und Papa zum Militär dürfen? Eine Spurensuche.

Attraktivitätssteigerungsgesetz, Trendwende Personal - es gibt viele umständliche Begriffe für die Programme, mit denen die Bundeswehr ihr Image aufpolieren möchte. Dafür nimmt sie viel Geld in die Hand.

  • 2015 gab das Verteidigungsministerium für die Nachwuchsrekrutierung rund 35 Millionen Euro aus, fünf Millionen mehr als 2014.
  • Bis Herbst 2013 verfügte die Truppe nicht mal über einen offiziellen Facebook-Auftritt. Inzwischen präsentiert sie sich in vielen sozialen Netzwerken, wirbt bei Instagram, Facebook und YouTube. 125 Mitarbeiter kümmern sich um die interne und externe Kommunikation, schreibt die "Welt".

Wer sich auf der Jobmesse umhört, was die Jugendlichen eigentlich mit der Bundeswehr verbinden, hört immer wieder von der Serie "Die Rekruten". Diese YouTube-Serie ist wahrscheinlich eines der erfolgreichsten Werbeinstrumente der Truppe. Zwölf junge Erwachsene wurden bis Anfang Februar über drei Monate mit der Kamera in ihrer Grundausbildung begleitet - dem Zuschauer wird zwischen Liegestützen, Tarnfleck und Schießtraining vor allem Abenteuer, Kameradschaft und Disziplin vermittelt. Über 260.000 YouTube-Nutzer haben die Videos über die jungen Rekruten abonniert. Kosten für die Webserie: 1,7 Millionen Euro.

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"Echt unterhaltsam" findet Ben Sendker, 17, die Videos. Er ist mit seinem Vater auf der Jobmesse unterwegs. Die beiden sind eher zufällig in die Präsentation des Kapitänleutnants geraten. Sendker würde ein Studium reizen, zum Beispiel die Ausbildung zum Piloten. Über die Gefahren eines Auslandseinsatzes hat er sich "noch nicht so viele Gedanken" gemacht. "Ich vertraue darauf, dass die uns gut ausbilden." Sein Vater sagt dazu nichts.

Ben Sendker mit einem Karriereberater der Bundeswehr

Ben Sendker mit einem Karriereberater der Bundeswehr

Foto: Joerg Modrow

So wie die beiden schleichen viele Eltern-Kind-Gespanne um den Stand der Bundeswehr herum. Viele interessieren sich auch für eine zivile Laufbahn, sie sehen in der Bundeswehr einen sicheren Arbeitgeber. Einige Kinder werden sanft von ihren Eltern zu den Karriereberatern geschoben. Die warten schon auf sie, haben ihre Unterarme auf den Stehtisch abgelegt. In den Gesprächen fällt immer wieder ein Satz: "Dir ist klar, dass wir dich vor allem als Soldat wollen."

Die Bundeswehr wirbt in ihrer millionenschweren Medienkampagne mit Slogans wie "Was sind schon 1000 Freunde im Netz gegen einen Kameraden" oder "Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken", und diese entfalten offenbar Wirkung.

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Bundeswehr wirbt um Personal: Karrieren zwischen Matsch und Marine

Foto: Joerg Modrow

Das findet auch Thomas Koch, der an der Universität Mainz den Lehrstuhl für Unternehmenskommunikation leitet. "Die Werbekampagne erreicht die richtige Zielgruppe", sagt Koch. Auffällig ist für den Medienexperten die Sprache der Bilder. "Mensch und Maschine", so könnte man es aus seiner Sicht wohl am besten auf den Punkt bringen. Auf allen Kanälen von Facebook bis YouTube sind immer wieder Panzer, Hubschrauber, Sporteinheiten, Abenteuer und Zusammenhalt zu sehen. In den Videos über die Rekruten findet eine starke Personalisierung statt. "Das wird im Journalismus schon lange so gemacht." Die Kampagne ist aus seiner Sicht sehr professionell.

Bundeswehr verzeichnet mehr Zugriffe auf Karrierewebsite

Macht sie die Bundeswehr wirklich attraktiver? Seit dem Start der "Rekruten"-Serie sei die Zahl der Zugriffe auf die Karriereseite der Bundeswehr um 40 Prozent gestiegen, sagt Bundeswehrsprecher Matthias Gebler. Ob die Kampagnen allein der Grund für die gestiegene Zahl der minderjährigen Rekruten ist, kann er nicht pauschal beantworten. Ein Faktor sei sicherlich auch, dass einige Schüler häufiger schon nach zwölf Jahren die Schule mit Abitur verlassen würden. Insgesamt sind die Bewerberzahlen laut Bundeswehrangaben in den vergangenen Jahren konstant, liegen meist zwischen 52.000 und 59.000 Bewerbungen.

Die Anwerbung von minderjährigem Personal sehen viele kritisch. Etwa die Linke - die schon von einer "Kinderarmee" spricht. Auch der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) mahnt, die Zahl sollte nicht weiter steigen, die Rekrutierung Minderjähriger solle eine Ausnahme bleiben.

Die Truppe steckt im Dilemma. Das macht auch das Beispiel des Wehrbeauftragten deutlich. Denn gleichzeitig erhöhte Bartels als "Anwalt der Truppe" den Druck, die Zahl der Soldaten aufzustocken. "Schneckentempo" warf er jüngst dem Verteidigungsministerium unter Leitung von Ursula von der Leyen bei den Reformen vor. Bis zu 185.000 Soldaten sind eigentlich vorgesehen. Diese Zahl wird längst nicht erreicht.

Der Wehrbeauftragte spricht von einem Mehrbedarf von 14.300 Soldaten. Doch bis 2023 werden nur 7300 eingestellt - und das bei einem wachsenden Berg von Aufgaben. Also müssen Leute her - ob diese 17 oder 25 Jahre alt sind, das spielt für die Bundeswehr selbst offenbar keine Rolle.

Auslandseinsätze seien vor dem 18. Lebensjahr ohnehin nicht möglich, heißt es aus der Presseabteilung der Bundeswehr. Die Ausbildung würde meist länger dauern. In der Praxis seien viele bei Auslandseinsätzen meist dann schon 20 oder älter. Davon abgesehen gingen die Auszubildenden bei der Polizei schon mit 17 auf Streife. Das sei wesentlich gefährlicher, so Karriereberater und Presseabteilung. Und da mosere auch niemand.

Das heißt im Umkehrschluss: Die Social-Media-Offensive geht weiter.

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