Bundeswehr Zapfenstreich im Fulda-Gap

Aus den Schlagzeilen ist Strucks Bundeswehrreform fast verschwunden - aus dem Leben der betroffenen Soldaten nicht: Allein in Nordhessen werden entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze drei große Garnisonen dichtgemacht. Ein Besuch beim Ex-Bollwerk gegen den Kommunismus.
Von David Costanzo

Fuldatal - Vergangenen Dienstag, 8 Uhr, Haus T 13, Besprechungsraum. Oberst Dirk Engels steht vor den 60 wichtigsten Soldaten der Kaserne. Einer wirft den Projektor an, es erscheint eine Karte mit Bundeswehr-Kasernen, einige sind durchgestrichen. Der Oberst sagt, was alle wissen, aber nicht glauben wollen. Er sagt es nicht im Kommandoton, nicht zackig, eher in sich gekehrt. Es klingt nach einer verlorenen Schlacht: "Kameraden, unser Standort wird aufgegeben."

Jetzt hat es einer laut gesagt, nun ist es sicher: Fuldatal wird dicht gemacht. Sechs Stunden später legt Verteidigungminister Peter Struck (SPD) in Berlin einen telefonbuchdicken Katalog mit dem Namen "Die Stationierung der Bundeswehr in Deutschland" vor, auf Seite 86 steht: "Fuldatal: Standortaufgabe".

"Standortsicherung" steht dagegen auf den beiden Ordnern von Bürgermeisterin Annegret Werderich. In den letzten Monaten sind sie ziemlich dick geworden von den vielen Briefen an Strucks Ministerium und an die hessische Landesregierung, von den Protokollen der Gespräche mit den Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis, mit dem Landrat, mit dem Kasseler Oberbürgermeister, mit den Amtskollegen der Nachbargemeinden. Die Bürgermeisterin sagt: "Wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert und gedacht, wenn eine Kaserne bleibt, dann sind wir es. Aber jetzt haben sie ganz Nordhessen ausradiert."

Die Nordflanke des "Fulda-Gap" dichthalten

Mit der Kaserne in Fuldatal werden auch die Garnisonen in Hessisch Lichtenau und Sontra geschlossen. Die drei Orte liegen nur 50 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, wie mit dem Lineal parallel zur ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gezogen. Wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre, hätten sie die erste Verteidigungsreihe gegen die anstürmenden Panzer des Ostblocks gebildet, hätten die Nordflanke des "Fulda-Gap" dichthalten müssen, die Lücke bei Fulda, in der die NATO-Taktiker einen Angriff für am wahrscheinlichsten hielten.

Doch nun ist die deutsch-deutsche Grenze nur noch die hessisch-thüringische und die Standorte liegen mitten in Deutschland. Die Bundeswehr braucht sie und ihre Waffen nicht mehr. Die Panzeraufklärung in Sontra? Wird aufgelöst. Die Artillerie in Lichtenau? Überflüssig. Die Flugabwehr in Fuldatal? Wird deutlich verkleinert und an die Ostsee verlegt - 14 Jahre nach der Einheit.

Peter Struck führt eine Reform fort, die seine Vorgänger Volker Rühe (CDU) und Rudolf Scharping (SPD) angefangen und nur halbherzig durchgezogen hatten. Weil er sparen und die Truppe gleichzeitig fit für immer mehr Auslandseinsätze machen muss, schrumpft die Bundeswehr in den kommenden Jahren um 35.000 Soldaten auf 250.000 und von den 503 Standorten werden 105 geschlossen, viele kleine, aber auch einige große. In Sontra und Hessisch Lichtenau fallen jeweils 800 Dienstposten weg, in der Fuldataler "Fritz-Erler-Kaserne" - eine der wenigen, die nach einem SPD-Politiker benannt ist - sogar 1400.

"Die Kleine hat schon geheult"

Stabsfeldwebel Dietmar Czap, Chef der Werkstatt, ist einer von ihnen. Er hat gleich unter der Kaserne, die auf einem Hügel im Ortsteil Rothwesten liegt, ein Haus an das seiner Eltern angebaut, viel Geld investiert. Er ist 43 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, 7 und 13 Jahre, sie gehen in Fuldatal zur Schule. Czap dachte, er muss nie wieder fort von hier. Jetzt soll seine Einheit nach Lütjenburg an der Ostsee, 500 Kilometer von Fuldatal. "Die Kleine hat heute schon geheult", sagt er.

Umziehen? In drei Jahren vielleicht, weil die Kinder dann ohnehin die Schule wechseln müssten. "Aber das ist eine ganz andere Welt da oben", sagt er. Pendeln? Unmöglich, zu teuer, 1000 Kilometer am Wochenende, fast immer weg von der Familie. Er kennt das von seinem Auslandseinsatz, sechs Monate im Kosovo, die Kinder haben ihn nicht mehr erkannt, sie hatten sich an ein Leben ohne Vater gewöhnt. Und seine Frau müsste alleine bleiben mit seiner 70-jährigen Mutter, sie ist gestern wieder am Bypass operiert worden. "Die Scheidungsrate bei der Bundeswehr ist nicht umsonst so hoch", sagt Czap.

Mehr Arbeitslose, weniger Umsatz

Auch die kleinen Kommunen kommen in Schwierigkeiten. Schon jetzt liegt die Arbeitslosigkeit mit bis zu 14 Prozent höher als der Schnitt in Westdeutschland. Entlang der ehemaligen Zonengrenze gibt es kaum Industrie, und nach der Wende sind die gewitzten Unternehmer über die Landesgrenze nach Thüringen gesprungen, wo sie Subventionen kassieren und geringere Löhne zahlen als in Hessen. Und jetzt müssen die Thüringer noch nicht einmal einen Bundeswehr-Standort abgeben, grummeln die Leute.

Die nordhessischen Gemeinden aber verlieren ihren wichtigsten Arbeitgeber. Dabei geht es gar nicht um die Soldaten, sondern nur um die zivilen Angestellten der Bundeswehr, die in den Kantinen Karotten putzen und Teller waschen. Allein in Fuldatal verschwinden so 120 Arbeitsplätze.

Und mit den Soldaten auch gute Kunden: In Sontra sollen die Verluste bei 10 Millionen Euro im Jahr liegen, in Fuldatal bei etwa 5 Millionen Euro. Die Gemeinde selbst kann gerade einmal 23 Millionen Euro im Jahr ausgeben und in Zukunft noch weniger, wenn von der Bundeswehr keine Gebühren mehr für Abwasser in die Stadtkasse fließen und die Geschäfte noch weniger Gewerbesteuer zahlen.

Im Fuldataler Ortsteil Rothwesten bei der Kaserne hat Rewe vor kurzem einen riesigen Supermarkt mit ausgelagerter Getränkeabteilung gebaut. Normalerweise braucht die Kette 6000 Einwohner im Umkreis, damit sich das Geschäft lohnt. In Rothwesten wohnen aber nur 2200 Menschen, für den Rest sorgen die Soldaten. Die fallen nach Dienstschluss in den Laden ein, um sich mit Zeitschriften, Chips und Bier einzudecken. Was passiert, wenn die Soldaten gehen, darüber will der Marktleiter nicht reden.

Zauberwort "Nachnutzung"

In der gleichen Straße liegt auch die "Grillstation" von Nazir Ahmadi in einer stillgelegten Tankstelle, der Renner bei den Soldaten: Cheeseburger - vor allem, wenn das Essen in der Kaserne mal wieder schlecht war. Wenn die Soldaten hier nicht mehr essen, "kann ich mich arbeitslos melden", sagt Ahmadi. Und doch hat er Hoffnung. "Vielleicht bekomme ich ja andere Kundschaft?"

"Nachnutzung" lautet derzeit nämlich das Zauberwort in den Gemeinden. Gesucht werden Unternehmen, die auf dem Kasernengelände möglichst viele Jobs schaffen. Nur: Die sind in Nordhessen weit und breit nicht in Sicht. Die Kasernen sind schlecht an den Verkehr angebunden, die nächsten Autobahnen oder Güterbahnhöfe sind kilometerweit weg. Wie soll da ein Unternehmen Produkte an den Kunden schaffen?

Bürgermeisterin Werderich spekuliert zumindest auf einen Windenergie-Park. "Das bringt zwar keine Jobs, aber immerhin Geld", sagt sie. Na gut, so ein Unternehmen müsste erst einmal für Millionen Euro die Altlasten aus dem Boden holen, alte Munition, noch aus dem Zweiten Weltkrieg. "Vielleicht sind das Träume, aber wovon sollen wir hier sonst leben?", sagt die 57-jährige gelernte Arzthelferin. "Wir müssen jetzt die Trauerarbeit beenden."

Am besten steht noch Hessisch Lichtenau da. Das Kasernengelände ist riesig, 450 Fußballfelder groß, der größte Teil flach. "Ein absolutes Filetstück, direkt an der zukünftigen A 44", sagt Bürgermeister Jürgen Herwig. Seine Amtskollegen beneiden in darum. In den Fünfzigern habe sogar VW einmal überlegt, dort ein großes Werk zu bauen, erzählt er.

SPD-Mann Herwig war einmal im Asta an der Uni Hannover. In einem Clinch mit dem konservativen RCDS war sein Verteidiger ein junger Anwalt namens Gerhard Schröder. Herwig gehörte zu den absoluten Gegnern der Bundeswehr. Heute hängt ein großes Bild im Büro des 53-jährigen Bürgermeisters, vom einheimischen Panzerartilleriebataillon auf Mission in Prizren im Kosovo, Ende 2003. Die Fahne Hessisch Lichtenaus weht über den Köpfen der jungen Männer. "Ich bin sehr stolz auf die Bundeswehr und die Friedenseinsätze", sagt Herwig.

An der MG probieren

So ist das in allen Gemeinden: Zum Fuldataler Bergfest binden sich Soldaten Schürzen um die Uniformen und braten Haxen. In Hessisch Lichtenau kommen viele Bürger zum Hauptfeldwebelschießen, da darf sich jeder am Maschinengewehr ausprobieren. Und zum Tag der offenen Tür der Kaserne in Sontra kamen im vergangenen Jahr 15.000 Besucher, bei weniger als 9000 Einwohnern. Überall steht das gesellschaftliche Leben beim Abzug der Truppen auf dem Spiel. Vielleicht wackelt sogar die Kommunalpolitik, denn auch dort sind Soldaten vertreten.

Sontras Bürgermeister Karl-Heinz Schäfer hat als Kind noch auf dem Gelände gespielt, auf dem 1962 die "Husarenkaserne" gebaut wurde. Auf dem Einweihungsfoto steht er links unten mit einer Schirmmütze auf dem Kopf. Schäfer war 29 Jahre lang in der Kaserne stationiert, wurde Oberstabsfeldwebel. Er hat dort viele Freunde. "Jetzt muss ich abgeben, was ich lieb und gerne hatte." Aber, sagt der SPD-Mann, "als Soldat bin ich für diese Reform - und als Bürgermeister dagegen."

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