SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Dezember 2015, 11:22 Uhr

Bundeswehr

"Wir sind absolut im roten Bereich"

Einsätze gegen den "Islamischen Staat", im Mittelmeer, für Flüchtlinge in Deutschland: Deutsche Soldaten übernehmen immer mehr Aufgaben, aber laut Bundeswehrverband ist in manchen Einheiten nur jede zweite Stelle besetzt.

Die Bundeswehr ist am Limit. Hatte sie nach der Wiedervereinigung noch 600.000 Soldaten, sind es jetzt nur noch 178.000. "Die Bundeswehr ist seit 25 Jahren personell im freien Fall", sagt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels. Er fordert eine Aufstockung der Truppe um mindestens 7000 Soldaten. "Es kann nicht weiter zurückgehen, es muss hoch", betont der SPD-Politiker.

Die Bundeswehrreform, die 2010 eingeleitet wurde, sieht 185.000 Soldaten vor. Das müsse dringend wieder erreicht werden, fordert Bartels. "Warum nicht auch 187.000 oder sogar mehr? Man muss die Zahl erreichen, die nach den Strukturen, die ausgeplant sind, wirklich gebraucht wird."

Das Verteidigungsministerium prüft derzeit eine Aufstockung, die Ergebnisse dürften spätestens im Frühjahr vorliegen. Die Marine hatte beispielsweise schon vor Jahren einen Nachwuchsmangel konstatiert. Allein 2013 fehlten demnach 1000 bis 1500 Soldaten, besonders technische Spezialisten. Ende August hatte der SPIEGEL berichtet, von der Leyen wolle die Anzahl der Berufssoldaten um 5000 erhöhen und im Gegenzug die Zahl der Zeitsoldaten senken. Hintergrund ist der Bedarf an technisch versierten Fachkräften, die länger an die Truppe gebunden werden sollen.

Verbandschef Wüstner fordert Ende der Flüchtlingshilfe

Der Bundeswehrverband macht seit Monaten Druck: Verbandschef André Wüstner fordert ebenfalls mehr Personal für die überlastete Truppe. Mit rund 20.000 Soldaten in Auslandseinsätzen sei die Bundeswehr derzeit ausgebucht, "in Teilen überbucht", sagte er am Sonntag im Deutschlandfunk. "Und das alles, was wir machen sollen, das geht mit dem jetzigen Personal und Material so nicht mehr weiter." Es gebe Einheiten und Verbände, die nur zu 50 Prozent personell besetzt seien. Das liege an dem immer noch mangelhaften Umbau zur Freiwilligenarmee. 5000 bis 10.000 zusätzliche Soldaten seien nötig.

Als erste Konsequenz verlangt Wüstner den Rückzug der Soldaten aus der Flüchtlingshilfe - und zwar bis Ende 2016. "Es ist nicht unsere Kernkompetenz und auch keine Kernaufgabe", sagte er. Jetzt würden aus politischen Gründen rund 9000 Soldaten täglich dort eingesetzt. Diese fehlten im Grundbetrieb und im Einsatz. Den Ausstieg aus der Flüchtlingshilfe bezeichnete Wüstner als "zentrale Forderung". "Die Länder und Kommunen müssen nach einer gewissen Zeit auch in der Lage sein, diese Probleme und Herausforderungen wieder selbst zu lösen."

Mehr als jeder zweite Deutsche ist einer aktuellen Umfrage zufolge dafür, dass die Bundeswehr mehr Personal bekommt. Neben Personalmangel machen der Bundeswehr schon lange ein desolates Beschaffungswesen und Ausrüstungsmängel zu schaffen. Das beeinträchtigt ihre Fähigkeit, Aufgaben zu erfüllen. Im Zuge des Einsatzes gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) wurde etwa bekannt, dass offenbar nicht einmal jeder zweite "Tornado"-Kampfjet einsatzbereit ist. Von 93 "Tornados" sollen nur 66 in Betrieb und davon wiederum nur 29 einsatzbereit sein. Kaum besser sieht es beim "Tornado"-Nachfolger "Eurofighter" und bei den "Transall"-Transportmaschinen aus.

Wie am Samstag bekannt wurde, richtet sich die Bundeswehr im Zuge des Syrienkonflikts auf einen weiteren Auslandseinsatz ein. Zur Unterstützung derTürkei verlegt die Nato vorübergehend mehrere "Awacs"-Aufklärungsflugzeuge vom nordrhein-westfälischen Geilenkirchen auf den türkischen Einsatzflugplatz Konya, wie aus einem Informationsschreiben der Bundesregierung an die zuständigen Bundestagsausschüsse hervorgeht. "Da wir 30 Prozent des Bordpersonals stellen, wird das natürlich auch Bundeswehrangehörige betreffen", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Dem Sprecher zufolge ist kein Bundestagsmandat für den Einsatz notwendig, da die in türkischem Luftraum fliegenden Militärmaschinen nur zur Erstellung des Luftlagebilds beitragen sollen. Außerdem sei derzeit kein Einsatz von Waffengewalt zu erwarten.

Anfang Dezember hatte der Bundestag entschieden, dass sich die Bundeswehr auch am Kampf gegen den IS in Syrien beteiligt. Im Januar sollen Aufklärungs-"Tornados" der Bundeswehr erstmals die Luftangriffe gegen den IS unterstützen.

heb/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung