Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung Gegen den Hass

Zwei Leipziger Kitas nehmen Schweinefleisch vom Speiseplan - es folgen Morddrohungen. In einem emotionalen Appell wendet sich der Oberbürgermeister gegen die Hetze.

Burkhard Jung: "Wer das nicht akzeptiert, der akzeptiert die Freiheit nicht"
Christian Grube/ imago images

Burkhard Jung: "Wer das nicht akzeptiert, der akzeptiert die Freiheit nicht"

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"An den Galgen mit dir oder standrechtlich erschießen."

Diese Drohung ging, mit Rotstift auf einen Zettel geschrieben, ganz offenbar bei einer Kindertagesstätte ein. Sie sei nur eine von vielen solcher Hassbotschaften, die jüngst zwei Leipziger Kitas erreichten, teilte der Oberbürgermeister der Stadt, Burkhard Jung, mit.

In einem mit "Zwischenruf" überschriebenen Facebook-Post machte der SPD-Politiker mehrere Drohungen publik, die demnach "schriftlich oder ganz unverhohlen persönlich überbracht" bei den Einrichtungen eingingen:

  • "Frau, sie führen sofort wieder Schweinefleisch ein, bis 30.7. ansonsten wird die Kita abbrennen, wenn auch zum Nachteil der Kinder", zitiert Jung.
  • In einer anderen Hassbotschaft heißt es laut Leipziger OB: "Ich werde sie nicht nur krankenhausreif schlagen, ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz".

Was war passiert?

Aus Rücksicht auf muslimische Kinder hatten zwei Leipziger Kitas Schweinefleisch von ihren Speiseplänen gestrichen. Die Entscheidung fand weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung, die "Bild"-Zeitung berichtete über das vermeintliche Schweinefleischverbot.

Beatrix von Storch, Vizechefin der AfD-Bundestagsfraktion, sprach von "kultureller Unterwerfung", der Generalsekretär der CDU Sachsen, Alexander Dierks, kritisierte das "Verbot". Die CSU-Bundestagsfraktion twitterte: "Einmal mehr überdrehen die Vertreter linker Political Correctness!"

Mitarbeiter der Kitas berichteten von Drohungen. Vor den Einrichtungen standen zwischenzeitlich Polizeiautos. Der Träger der Kitas nahm die Entscheidung schließlich zurück. "Wir sind überwältigt von der ganzen Sache", sagte der Leiter der beiden Einrichtungen.

In seinem Facebook-Beitrag kritisiert Leipzigs Oberbürgermeister die Rolle von Union und AfD scharf: "Es ist unverantwortlich, die Essensauswahl einer Kita zum Untergang unserer Kultur hochzustilisieren, wie in den letzten Tagen, von der CDU, der AfD und vor allem aus konservativen Kreisen geschehen."

Nein, die Entscheidung der Leipziger Kitas sei keine kulturelle Unterwerfung, sondern eine freie Entscheidung in einem freien Land. "Wer das nicht akzeptiert, der akzeptiert die Freiheit nicht und bringt sie sogar in Gefahr."

Jung ist seit Juni auch Präsident des Deutschen Städtetags - als erster Vertreter einer ostdeutschen Kommune. Die Diskussion über die Leipziger Kitas ist nicht der erste Anlass in diesem Zeitraum, bei dem er sich mit dem Thema Hetze auseinandersetzt.

Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten und CDU-Politiker Walter Lübcke sagte Jung dem SPIEGEL: "Es kann nicht sein, dass wir uns an Hass und Verleumdung oder sogar an Gewalt gewöhnen." (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Er selbst bekomme seit Beginn der Flüchtlingsdebatte fast täglich E-Mails mit Drohungen, Verleumdungen und Beschimpfungen als "Volksverräter", sagte Jung. Kollegen berichteten von Beleidigungen und Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen, insbesondere aus der rechten Szene. "Erst kommen die Worte, und daraus entsteht dann die Angst vor der Tat."



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