Wie Politiker sich ablenken Sitzung mit »Candy Crush« und Sudoku

Handyspielchen während der Krisensitzung? Bodo Ramelows »Candy Crush«-Outing sorgte für Wirbel. Dabei hat die Ablenkung im Politikeralltag Tradition.
Bodo Ramelow in einem Video über »Candy Crush«

Bodo Ramelow in einem Video über »Candy Crush«

Foto: Die Linke. Thüringen / YouTube

Es war einer der Aufreger der Woche: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow erzählte bei einem nächtlichen Talk in der Audio-App Clubhouse, dass er während der wichtigen Corona-Krisensitzungen der Ministerpräsidenten und mit der Kanzlerin gern mal auf dem Handy spielt.

Hintergrund war eine SPIEGEL-Geschichte, in der es hieß, dass sich ein Ministerpräsident in den mehrstündigen Runden nebenbei mit dem Spiel »Candy Crush« auf seinem Smartphone die Zeit vertreibe. SPD-Vize Kevin Kühnert fragte im Clubhouse-Talk bei Ramelow nach, welcher Ministerpräsident das sei – und Ramelow outete sich. Als das die breitere Öffentlichkeit erreichte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Der Vorwurf: Ramelow sei nicht bei der Sache, wenn die Politik über Corona-Tote und Freiheitseinschränkungen diskutiere.

Dafür, dass er die Kanzlerin in dem Talk zudem noch »Merkelchen« nannte, entschuldigte sich Ramelow später. Die Aufregung über seine »Candy Crush«-Zockerei findet er dagegen unangemessen. Seine Leidenschaft für das Spiel war in der Tat längst bekannt. Er hatte sie sogar im Wahlkampf genutzt und ein eigenes Video dazu produziert . Der »Zeit« sagte er nun, es gehe allein darum, sich in den teilweise zehn Stunden langen Sitzungen kurz abzulenken.

Allerdings sagt der Neuropsycholge Hans-Otto Karnath von der Uniklinik Tübingen, dass es vor allem Männern schwerfalle, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. »Man kann davon ausgehen, dass andere Informationen zusätzlich zum Handyspiel so gut wie nicht oder überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden können«, so Karnath.

Andererseits: Hohe Konzentration ist nur über einen gewissen Zeitraum überhaupt möglich. Karnath vergleicht das etwa mit einem Besuch einer Achterbahn. Nur wenige Minuten macht das dem Menschen Spaß. Wenn es länger geht, wird das als negativ empfunden. Werden hingegen kurze Pausen eingelegt, kann schon nach wenigen Minuten das Achterbahnfahren wieder für Erheiterung sorgen.

Übertragen auf das Thema Konzentration heißt das: »Wenn eine hohe Konzentration gefordert ist, sind Pausen sinnvoll und wichtig«, so der Professor. Wie das nun geschehe, ob sich der eine einen Kaffee hole, kurz an die frische Luft gehe oder eben mit dem Handy spiele, sei dabei unerheblich.

Ramelow sollte also nicht unbedingt um das nächste »Candy Crush«-Level kämpfen, wenn es gerade um wichtige Weichenstellungen im Krisenmanagement geht. Gegen die Zerstreuung in einer kurzen Konferenzpause ist dagegen nichts einzuwenden.

Tatsächlich gerät bei aller Aufregung über Ramelows Clubhouse-Outing in Vergessenheit, dass Thüringens Ministerpräsident wahrlich nicht der erste Politiker ist, der sich in langatmigen Sitzungen ablenkt.

Ein paar Beispiele:

1. Das Smartphone

Das Smartphone dient seit einigen Jahren als bevorzugtes Ablenkungsinstrument auch auf der Regierungsbank. Dazu gehört das Nachrichtenchecken und Nachrichtenschreiben. Von Kanzlerin Angela Merkel ist bekannt, dass sie vor allem über SMS kommuniziert. In der Konferenz mit den Ministerpräsidenten hantiert sie sogar mit mehreren Smartphones gleichzeitig, so ist es überliefert.

Aber nicht alle hantieren immer dienstlich mit dem Handy. Der Linkenabgeordnete Fabio De Masi gestand in einem Interview mit »Vice« einmal ein, dass er im Parlament das Handyspiel »Subway Surfers« zockt, bei dem man als Graffitisprüher über fahrende Züge springen muss.

Wolfgang Schäuble spielte einst als Finanzminister auf seinem iPad heimlich Sudoku, was damals für Empörung sorgte. Heute ist es Fotografen laut Geschäftsordnung des Bundestages untersagt, »persönliche Unterlagen« so abzulichten, »dass diese erkennbar oder lesbar sind«. Dazu gehören auch Mobiltelefone und Tablets. Die Tablets ersetzen inzwischen auch gedruckte Zeitungen, die im Plenum nicht erwünscht sind.

2. Stricken

Foto: Roland Witschel / dpa

Zugegeben: Die Grünen stricken nicht mehr, aber eine Zeit lang gehörte es dort zum guten Ton, auf Parteitagen nebenbei auch Strümpfe oder Schals anzufertigen. Es gibt auch Abgeordnete, die während der Sitzungen zeichnen.

3. Fußball schauen

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Der linke Landtagsabgeordnete Marco Böhme staunte nicht schlecht, als er einige Abgeordnete der sächsischen CDU-Landtagsfraktion dabei entdeckte, wie sie bei einer Diskussion im Parlament nebenbei Fußball schauten. Es war das Vorrundenspiel zur WM 2018: Deutschland gegen Südkorea.

Im Zeitalter der Smartphones ist auch das kein Problem. Allerdings sollten bewegte Bilder besser ohne Ton angesehen werden. Im Plenum des Bundestages ist es zum Beispiel grundsätzlich untersagt, Geräte anzuschalten, die laute Töne von sich geben, heißt es von der Bundestagsverwaltung.

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