Carola Rackete "Sea-Watch"-Kapitänin kritisiert deutsche Regierung

Carola Rackete attackiert in ihrem ersten Interview nach der Freilassung die Regierungen in Berlin und Rom. Besonders scharf kritisiert die Kapitänin im SPIEGEL die Innenminister Seehofer und Salvini.

Kapitänin Rackete: Agieren, statt reden
Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Kapitänin Rackete: Agieren, statt reden


Die Kapitänin des Rettungsschiffs "Sea-Watch 3", Carola Rackete, fühlte sich während ihrer Odyssee auf dem Mittelmeer mit Dutzenden geretteten Migranten an Bord von der Bundesregierung alleingelassen. "Mein Eindruck war, dass auf nationaler und internationaler Ebene niemand richtig helfen wollte", sagte Rackete dem SPIEGEL im ersten Interview nach ihrer Freilassung. "Die haben die heiße Kartoffel immer weitergereicht, während wir zuletzt noch immer 40 Gerettete bei uns an Bord hatten."

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Heft 28/2019
Carola Rackete über die dramatische Rettungsfahrt ihrer "Sea-Watch 3"

Deutsche Kommunen hätten zwar angeboten, Flüchtlinge von der "Sea-Watch" aufzunehmen. "Es scheiterte dann aber auch an Bundesinnenminister Horst Seehofer, der keine Lust hatte, die Angebote der Städte anzunehmen", so Rackete.

Im SPIEGEL-Gespräch wehrt sich die 31-jährige Kapitänin auch gegen Matteo Salvini, den rechtspopulistischen Innenminister Italiens. "Mich hat überrascht, wie persönlich es geworden ist." Es sollte um das Versagen der Europäischen Union gehen, "nicht um Einzelpersonen wie mich, die zufälligerweise in Erscheinung treten", sagt Rackete. "Es ist keine Situation, die ich mir gewünscht habe. Ich bin sowieso nur eingesprungen für einen Kollegen, der eigentlich eingeplant war." Salvinis Politik verstoße gegen Menschenrechte: "Seine Art, sich auszudrücken, ist respektlos, für einen Spitzenpolitiker ist das nicht angemessen."

An Bord habe die Crew jeden Tag medizinische Reports über den Zustand der Geretteten abgeschickt, unter anderem an die italienische Rettungsleitstelle in Rom. "Aber wir fanden kein Gehör, keiner antwortete." Die Leitstelle habe nur mitgeteilt, dass die Berichte ans italienische Innenministerium weitergeleitet worden seien, sagt Rackete: "Das war's."

Guglielmo Mangiapane/ File Photo/ REUTERS

Rackete war mit den geretteten Flüchtlingen fast 17 Tage im Mittelmeer unterwegs, bevor sie in der Nacht zum 29. Juni gegen den Willen der italienischen Regierung in Lampedusa anlegte. Nach ihrer Festnahme und vier Tagen Hausarrest wurde sie am Dienstag freigelassen. Mit der Heldenrolle, die ihr nun zugeschrieben wird, tut sie sich schwer. "Das ist noch nicht richtig bei mir angekommen. Im Übrigen bin ich eine Person, die lieber agiert, statt zu reden", sagt Rackete.

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Seite 1
Seneca 05.07.2019
1. Schlanken Fuß
Kapitänin Rackete hat sicherlich recht mit ihrer Kritik. Doch bei all dem vermisse ich auch ein entsprechendes Eingreifen der katholischen wie der evangelischen Kirche. Entwender überlese ich die Hilfeleistungen dieser Kirchen oder es wird nichts darüber berichtet. Oder aber sie machen sich wie bei fast allen Themen, die die Menschenrechte und Menschenwürde betreffen, einen schlanken Fuß. Seehofer ist zwar Mitglied einer sogenannten christlichen Partei. Doch diese Bezeichnung bezieht sich ja eher auf einen kulturellen Hintergrund und hat nichts, überhaupt nichts, mit dem Evangelium zu tun.
siryanow 05.07.2019
2. Frau Rackete , EU . Fluechtlinge
B R A V O Frau Rackete ,großartig. .Tja Salvini, es war abzusehen dass es pervers ist die größten Mafiosi in Freiheit zu sehen waehrend Frau Rackete , die Menschenleben rettet,kriminalisiert wird. Es wird der Tag kommen an dem keine Ausrede mehr greift fuer die Schuld aller anderen, besonders der EU. An diesem Tag werden sich alle fragen: Was hat dieser Salvini fuer das Wohl der Menschen eigentlich getan . Und dann jagen sie ihm zum Teufel . Je früher je besser, Es ist Schande und Verbrechen . Länder in Nordafrika die nicht so reich sind wie Europa ospitieren Flüchtlinge in einer Menge derer sich die EU schämen sollte. Die EU nimmt mit ihrer Flüchtlingspolitik in Kauf das Mittelmeer zum Massengrab zu machen . Es gibt bereits Stimmen die Trump ein humaneres Umgehen mit den Flüchlingen aus Mittel-und Südamerika bescheinigen. Man kann sein Gewissen nicht beruhigen indem Erdogan , Lybien und andere bezahlt werden um die Drecksarbeit zu erledigen . Wenn die EU diesen Weg voranschreitet verkommt diese Politik zu einer Art "Naziterror"
egonv 05.07.2019
3.
Vielleicht wird Salvini ja von Rakete auf den Mond geschossen oder so...Entschuldigung, das bietet sich so an. Stimmt das: Es gab Gemeinden, die die Flüchtlinge aufnehmen wollten und sowas wird nicht sofort und dankend angenommen? Andere Frage: Was macht Italien, wenn Seehofer sagt, wir nehmen alle auf? Darf die SeaWatch dann sofort einlaufen? Meine Idee wäre: Gemeinden europaweit Flüchtlinge zukommen zu lassen, wenn sie sich anbieten. Hinterher dann einige finanzielle Mittel aus der EU geben, am besten statt Ungarn und Co. Rakete ist tatsächlich eine Heldin, schon alleine, weil sie die Debatte am Leben hält. Es muss endlich eine offizielle von der EU organisierte Seenotrettung geben. Die EU muss am besten Flüchtlinge nach Kontingenten an der Lybischen Küste holen, damit weniger auf die Idee mit Schleppern kommen. Es ist unsagbar peinlich, dass Leute wie Salvini hier über 40 Menschen diskutieren und sie als Plattform zur Eskaltion benutzen. Eigentlich müsste die italienische Regierung vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt werden.
haarer.15 05.07.2019
4. Sagen, was gesagt werden muss
Klasse Frau Rackete ! Die taffe Kapitänin lässt berechtigt ihren Frust heraus. Es hat Hand und Fuß, was sie sagt.Schonungslos ehrlich. Bei Herrn Seehofer, Frau Merkel und Co. hat man ja schon lange das Gefühl, dass sie Probleme nur noch aussitzen. Flüchlinge sind ja nicht das einzige Thema mit Sprengkraft, wo man nichts auf die Reihe kriegt. Und europäisch passiert erst recht nichts mit einer fairen Verteilung, es ist eine Bankrotterklärung. Salvini - der Mann hat weder Stil noch Anstand, noch Diplomatie. Seine Wortwahl sind eines Innenministers nicht würdig. Katastrophe, dieser Mensch ...
enfield 05.07.2019
5. Respekt!
Endlich darf man mal was mit Frau Rackete kommentieren :-) Diese Gelegenheit nutze ich um ihr meinen Respekt und auch etwas wie Bewunderung auszusprechen. Taten und Worte sind derart wohl gesetzt und gewählt, dass einige/viele bei denen dies eigentlich klar zum Berufsbild gehört vor Scham im Boden versinken müssten. Tun die natürlich nicht und spüren vermutlich nichtmal irgendwas wie Scham, weil es zu deren Werteschema gehört NICHT zu reflektieren und grundsätzlich Menschenrechte sowie jeglichen humanistischen Konsens vehement abzulehnen. Das ist krank. Einzel und für die Gesellschaft. Aber es wird und Rackete ist bei weitem nicht allein! Danke für Ihren Einsatz Frau Rackete. Es lohnt sich für jeden einzelnen Menschen!
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