Carola Rackete "Sea-Watch"-Kapitänin kritisiert deutsche Regierung

Carola Rackete attackiert in ihrem ersten Interview nach der Freilassung die Regierungen in Berlin und Rom. Besonders scharf kritisiert die Kapitänin im SPIEGEL die Innenminister Seehofer und Salvini.
Kapitänin Rackete: Agieren, statt reden

Kapitänin Rackete: Agieren, statt reden

Foto: Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Die Kapitänin des Rettungsschiffs "Sea-Watch 3", Carola Rackete, fühlte sich während ihrer Odyssee auf dem Mittelmeer mit Dutzenden geretteten Migranten an Bord von der Bundesregierung alleingelassen. "Mein Eindruck war, dass auf nationaler und internationaler Ebene niemand richtig helfen wollte", sagte Rackete dem SPIEGEL im ersten Interview nach ihrer Freilassung . "Die haben die heiße Kartoffel immer weitergereicht, während wir zuletzt noch immer 40 Gerettete bei uns an Bord hatten."

Deutsche Kommunen hätten zwar angeboten, Flüchtlinge von der "Sea-Watch" aufzunehmen. "Es scheiterte dann aber auch an Bundesinnenminister Horst Seehofer, der keine Lust hatte, die Angebote der Städte anzunehmen", so Rackete.

Im SPIEGEL-Gespräch wehrt sich die 31-jährige Kapitänin auch gegen Matteo Salvini, den rechtspopulistischen Innenminister Italiens. "Mich hat überrascht, wie persönlich es geworden ist." Es sollte um das Versagen der Europäischen Union gehen, "nicht um Einzelpersonen wie mich, die zufälligerweise in Erscheinung treten", sagt Rackete. "Es ist keine Situation, die ich mir gewünscht habe. Ich bin sowieso nur eingesprungen für einen Kollegen, der eigentlich eingeplant war." Salvinis Politik verstoße gegen Menschenrechte: "Seine Art, sich auszudrücken, ist respektlos, für einen Spitzenpolitiker ist das nicht angemessen."

An Bord habe die Crew jeden Tag medizinische Reports über den Zustand der Geretteten abgeschickt, unter anderem an die italienische Rettungsleitstelle in Rom. "Aber wir fanden kein Gehör, keiner antwortete." Die Leitstelle habe nur mitgeteilt, dass die Berichte ans italienische Innenministerium weitergeleitet worden seien, sagt Rackete: "Das war's."

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Rackete war mit den geretteten Flüchtlingen fast 17 Tage im Mittelmeer unterwegs, bevor sie in der Nacht zum 29. Juni gegen den Willen der italienischen Regierung in Lampedusa anlegte. Nach ihrer Festnahme und vier Tagen Hausarrest wurde sie am Dienstag freigelassen. Mit der Heldenrolle, die ihr nun zugeschrieben wird, tut sie sich schwer. "Das ist noch nicht richtig bei mir angekommen. Im Übrigen bin ich eine Person, die lieber agiert, statt zu reden", sagt Rackete.

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