Castor-Nacht Non-Stop-Einsatz macht Polizisten mürbe

Die Demonstranten haben sich extra frei genommen für die Castor-Blockade - sie wollen so lange aushalten wie möglich. Die Polizisten hingegen klagen: über den 20-Stunden-Dauereinsatz, miese Versorgung - und meuternde Wendländer.

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Polizisten aus Leipzig sichern den Eingang zum Zwischenlager in Gorleben, blaue Uniformen, schwarze Mützen. Sie atmen in ihre hochgestellten Kragen, es ist kalt im wendländischen Wald. Die Motoren ihrer Busse laufen, ab und an setzen sie sich in die beheizten Wagen.

Die Einsatzkräfte haben Gitter auf der Straße aufgestellt, dahinter sitzen rund 3000 Demonstranten auf der Straße. Weitere kommen dazu, meldet die Polizei. Sie kommen durch den Wald und über die Straße aus Gedelitz, wo die Protestbewegung ein Camp aufgeschlagen hat.

Eine von den Demonstranten, die seit Sonntagmittag unter einer Plastikfolie und Rettungsdecken kauert, ist Doris. Die 29-jährige Kunststudentin kommt ebenfalls aus Leipzig - ihr Mann passt zu Hause auf die beiden Kinder auf, während sie demonstriert. Es ist für Doris die erste Sitzblockade. Sie schiebt ihren dicken Schal ein Stückchen vom Mund weg und sagt: "Atomkraft geht gar nicht."

Sie wolle ihren Kindern und nachfolgenden Generationen nicht noch mehr Strahlenmüll aufhalsen. Auch die Proteste um Stuttgart 21 hätten sie zur Reise ins Wendland bewogen. "Diese Fotos von dem Mann, dessen Augen von einem Wasserwerfer ausgeschossen wurden. Das ist doch schrecklich." Andererseits hätten die Bilder aber dazu geführt, dass sie sich mehr für Politik interessierte.

Sogar ein Pizzaofen wurde im Demo-Camp aufgebaut

Andreas, 44, ist selbstständig. Er verkauft Solaranlagen, sein Protest gegen Atomkraft ist sozusagen Zukunftssicherung in eigener Sache. "Für die Branche ist die Laufzeitverlängerung eine Katastrophe", sagt er. Neben ihm unter der Plane sitzt Andrea. Die 47-Jährige arbeitet als Bürokauffrau bei einem Bio-Landwirt, ihr Chef ist selber zu Protesten unterwegs und hat ihr frei gegeben. "Ansonsten hätte ich mir aber Urlaub genommen." Die beiden sind am Montagabend zur Blockade gestoßen, haben ihr Auto in Gedelitz geparkt und sind unbehelligt von der Polizei am Zwischenlager vorbei zur Sitzblockade gelangt. Nun warten sie darauf, dass die Polizei die Blockade räumt, um dem Castor den Weg frei zu machen.

Auch für Selina, 28, und Thorsten, 24, ist der Sitzprotest eine Premiere. Die beiden Studenten sind am Freitagabend aus Hamburg angereist, haben im Camp von X-Tausendmalquer übernachtet und sich auf die Blockade vorbereitet. Mit anderen Aktivisten haben sie geübt, wie man sich von Polizisten möglichst schmerzfrei wegtragen lassen kann. Dass sie womöglich noch bis Dienstag hier sitzen, haben sie mit ihrem Professor abgesprochen - im Studiengang Umwelttechnik, Schwerpunkt erneuerbare Energien, fast schon Ehrensache.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag haben sie gut überstanden. Sie liegen eng aneinander gekuschelt in ihren Schlafsäcken auf Isomatten, darunter ist noch eine Schicht Strohsäcke. Die Abdeckung mit einer schweren weißen Plane schützt sie gegen die Nässe. Essen und Getränke schaffen die Organisatoren mit Autos herbei, es gibt Tee, Kaffee, sogar ein Pizzaofen ist aufgebaut.

Wer die Nacht nicht in seinem Nest aus Planen und Deckenverbracht hat, konnte tanzen: Ein Soundsystem hatte die Versammlung beschallt, die zu dem Zeitpunkt eigentlich schon keine mehr sein darf. Die Polizei erklärte die angemeldete Veranstaltung am Samstagabend für beendet, seitdem warten sie auf ihre Räumung.

Polizisten aus Uelzen sind bereits 29 Stunden im Einsatz

Die Unterbringung der Demonstranten in den Camps und auf der Blockade ist rustikal - aber oftmals besser als die der Beamten. Die stehen an Straßenecken, sitzen in ihren Autos oder warten in Behelfsquartieren auf ihren Einsatz. "Wir sind zum Teil mit vier Mann auf vier Quadratmetern untergebracht", sagt Heiko Teggatz vom Fachverband Bundespolizei der Deutschen Polizeigewerkschaft. "Das fördert die Stimmung sicherlich nicht." Gesetzlich vorgeschrieben seien eigentlich sechs Quadratmeter pro Person.

Auch dass Kollegen aus Uelzen bei der Blockade an den Bahngleisen bei Kilometer 188 bei Hitzacker 29 Stunden am Stück im Einsatz waren, kritisiert er. Die Versorgung der weit im Wendland verstreuten Posten und Einsatzzüge sei auch nicht immer optimal. Der Einsatz sei aber insgesamt gut gestartet, nur die zunehmende Gewaltbereitschaft einiger Demonstranten bereiten Teggatz Sorge.

Die Polizeigewerkschaften sind angesichts solcher Klagen von Polizisten erzürnt. "Wir haben seit Jahren kritisiert, dass auf dem Rücken der Polizei politische Entscheidungen und Fehler ausgetragen werden", sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut. Er ist selbst bei den Anti-Castor-Protesten unterwegs, um sich ein Bild von der Situation für die Beamten zu machen. "Ob in Stuttgart oder heute im Wendland, meine Kolleginnen und Kollegen kommen wegen politischer Fehlentscheidungen nicht mehr aus ihren Einsatzanzügen."

Die Polizei-Gewerkschafter weisen natürlich auch in eigenem Interesse auf Missstände hin. Witthaut etwa will Ende November auf dem GdP-Bundeskongress Nachfolger des bisherigen GdP-Chefs Konrad Freiberg werden. Da kann es nicht schaden, sich in den Augen der 170.000 GdP-Mitglieder zu profilieren.

Manche Situationen fordern geduldige, ausgeruhte Beamte

Doch neben den Gewerkschaftern und Polizisten berichten auch andere Beobachter von Missständen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann war selbst sieben Mal als Polizistin bei Anti-Atom-Protesten im Wendland im Einsatz. Sie wirft dem Planungsstab von Polizei und Innenministerium in Niedersachsen Fehlplanung vor. "Trotz Warnungen ist die Intensität der Proteste völlig falsch eingeschätzt worden", sagt Lühmann. Als "parlamentarische Beobachterin" ist sie mit anderen Abgeordneten im Wendland unterwegs und versucht, zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten zu vermitteln.

Am Sonntag sprach sie am Rande der Gleisblockade in Harlingen mit Polizisten: "Alle waren mehr als 20 Stunden im Einsatz", berichtet sie. "So etwas habe ich bei meinen eigenen Einsätzen im Wendland noch nicht erlebt." Von 1983 bis 2009 arbeitete Lühmann als Schutzpolizistin. Sie habe Einsätze erlebt, in denen Kollegen wegen unerwarteter Blockaden bis zu 19 Stunden im Dienst waren. "Aber das waren absolute Ausnahmen", sagt Lühmann.

Dabei sei es sehr wichtig, dass die Beamten ausgeruht sind, wenn sie sich mit den Demonstranten auseinandersetzen müssen. "Manche Situationen erfordern Ruhe und Gelassenheit."

"Belastung geht über das übliche Maß hinaus"

Bis zu 20.000 Polizisten waren und sind im Wendland unterwegs, um die Demonstranten in Schach zu halten. Es gab bundesweit so gut wie keine Reserven mehr, die zum Austausch der Einheiten angefordert werden konnten.

Doch von einer Überforderung der Polizei will das Innministerium nichts wissen. "Das Ereignis war absehbar und ist sehr, sehr gut vorbereitet worden", erklärte ein Sprecher. Auch die Gesamteinsatzleitung in Dannenberg sieht keine großen Fehler. "Der Einsatz verläuft so wie in früheren Jahren, und wir lernen jedes Jahr hinzu", sagte Sprecher Torsten Oestmann. Zur Situation der Beamten im Einsatz meinte er: "Es gibt keine Überbeanspruchung, aber die Belastung geht über das übliche Maß hinaus."

Der Chef der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, dagegen sieht die Polizisten "absolut am Ende ihrer Kräfte". Beamte berichteten von abgeschnittenen Nachschublinien, Traktor-Blockaden meuternder Wendländer hätten zudem den Austausch von Einheiten verhindert.

"Nicht nur über die endlosen Dienstzeiten haben unsere Einsatzkräfte mit Recht Klage geführt, sondern auch darüber, dass sie in der Kälte teilweise nicht oder nur sehr spät mit heißen Getränken oder einer Suppe versorgt wurden", sagte Dietmar Schilff von der GdP in Niedersachsen. Teilweise hätten Versorgungstrupps gar nicht gewusst, wo denn Einsatzkräfte stehen. Die Gewerkschaft habe von Beamten gehört, dass sie sogar mehr als 24 Stunden am Stück Dienst schieben mussten.

Das hatte sich die Einsatzleitung natürlich auch anders vorgestellt. Auf Anfrage der GdP hieß es, die langen Dienstzeiten seien eine Folge der Blockaden. Man habe es nicht geschafft, die Ablösung zum Schutz der Bahngleise rechtzeitig in Position zu bringen. "Und die Gleise konnte und wollte man nicht mehr aufgeben", sagt GdP-Sprecher Reiner Fischer.

Auch die schlechte Versorgung wurde mit den zahlreichen Straßensperren und Blockaden erklärt, was der Mann von der GdP jedoch nicht gelten lassen will. "Über Schleichwege sind wir doch hingekommen. Die Leute im Wald haben dann von der GdP ihre warme Suppe bekommen."

Noch bevor der Einsatz beendet ist, kündigt Fischer an: "Da werden wir nacharbeiten müssen. So etwas werden wir uns beim nächsten Mal nicht bieten lassen."

Mit Material von dpa und dapd

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Gluteusmaximus 02.11.2010
1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
Robert Rostock, 02.11.2010
2.
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
GyrosPita 02.11.2010
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
Eutighofer 02.11.2010
4. pseudo-religiöser Wahn
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
rehabilitant 02.11.2010
5. Reaktion
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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