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24. Dezember 2010, 12:01 Uhr

Castor-Proteste

Unter Schotterern

600 Trecker, 50.000 Demonstranten, zwei Sitzblockaden: Die Anti-Atom-Proteste sorgten dafür, dass der Castor-Transport teuer und langwierig wurde. Ole Reißmann berichtete für SPIEGEL ONLINE aus dem Wendland.

Es ist frühmorgens, in der Nacht zuvor hat es gefroren. Mit mehr als Tausend Menschen jage ich im Laufschritt sechs Kilometer durch einen Wald im Wendland. Über uns eine Dampfwolke aus Atemluft, neben uns dreißig Polizisten in Kampfmontur, die Köpfe hochrot vom Dauerlauf. Unser Ziel: Die Bahngleise, auf denen der Castor-Transport mit deutschem Atommüll aus Frankreich auf seinem Weg nach Gorleben rollen soll.

Ich bin als Reporter "embedded" bei einer Gruppe, die das Bahngleis "schottern" will, so viele Steine abtragen, dass die Schienen in der Luft hängen. Ein paar Stunden zuvor habe ich eine SMS mit dem Treffpunkt bekommen, auf dem Weg dorthin durchsucht die Polizei mein Auto und meinen Rucksack. Im Wendland herrscht an diesen Tagen Ausnahmezustand: 50.000 Menschen demonstrieren in und um Gorleben gegen den Castor - und gegen die Atompolitik der Bundesregierung.

Die Anti-Akw-Bewegung erlebt ein Revival, seitdem die schwarz-gelbe Koalition den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig gemacht hat. Nirgendwo ist der Protest so plakativ, so einfach zu haben wie in Gorleben: Atomkraft, nein danke!

Schienen blockieren

Seit Monaten haben Castor-Gegner ihre Aktionen vorbereitet, sie wollen die Schienen blockieren und sich auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben hinsetzen - wie jedes Mal, wenn ein Atommüll-Transport aus der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague angeliefert wird. Neu in diesem Jahr war der Aufruf zum "Schottern". Selbst die Bundeskanzlerin erreichte die Kampagne. "Das ist keine friedliche Demonstration, sondern ein Straftatbestand", hatte Angela Merkel gewarnt, die Polizei versprach konsequentes Vorgehen.

Die Schotterer sind eine bunte Mischung, viele Schüler und Studenten sind dabei, nicht wenige protestieren zum ersten Mal gegen den Castor. Die meisten sind nicht einheitlich schwarz gekleidet, es ist kein gewaltbereiter "schwarzer Block". Wir kommen an die Bahngleise - wo die Polizei schon wartet, mit Wasserwerfern und gezogenem Reizgas-Spray. Die Schotterer gehen einfach drauf los, so sollen wenigsten ein paar die Polizeikette durchbrechen.

Die Beamten drängen sie mit ihren Schlagstöcken in den Wald zurück, es kommt zu Rangeleien. Wir Journalisten stolpern hinterher. Im Medienzentrum wird dem ZDF nahegelegt, das Kamerateam doch lieber abzuziehen, aus Sicherheitsgründen. Wir bleiben - doch gegen Mittag, etliche erfolglose Versuche später, setzen wir uns ab: Das groß angekündigte Schottern ist ausgefallen.

Die folgenden zwei Tage berichte ich von den gewohnten Sitzblockaden. Die sind weniger aufregend - dafür deutlich erfolgreicher: Der Castor-Transport braucht insgesamt drei Tage, 19 Stunden und 24 Minuten. Es ist ein neuer Rekord.

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