Castor-Proteste Wut-Schottern im Wendland

In Niedersachsen rüstet sich die Region Wendland für die alljährliche Castor-Schlacht. Elf Stahlkolosse mit strahlender Fracht rollen am Wochenende nach Gorleben, bewacht von 19.000 Polizisten. Auch die Protestbewegung hat sich formiert - Tausende stehen bereit für das Katz-und-Maus-Spiel mit den Beamten.

Von , Wendland


Noch ist es still im Wendland. Still und kalt. Der Nebel hängt seit Tagen über Lüchow, Dannenberg und Gorleben, richtig hell wird es nicht. Hin und wieder flackert Blaulicht auf, die Polizei ist schon da. Auf den Hauptverkehrsstraßen rollen Mannschaftswagen im Konvoi hin und her. Und auch die Gegenseite macht mobil. Protestcamps entstehen auf der grünen Wiese, immer mehr Autos mit auswärtigen Kennzeichen treffen ein. Vom klapprigen Kleinwagen bis zum schicken Wohnmobil ist alles dabei. Die meisten tragen "Atomkraft? Nein Danke"-Aufkleber auf der Heckklappe.

Wenn am Wochenende die elf Behälter mit radioaktivem Müll ihre mehr als 1200 Kilometer lange Reise im Wendland vorerst beenden, stehen Zehntausende Atomkraftgegner als Empfangskomitee bereit. Ihr Auftrag: Den Transport behindern, wo es nur geht, Schlagzeilen und massive Verspätungen produzieren, ein Zeichen setzen.

"Wir hoffen, dass es sogar noch mehr Demonstranten werden als im letzten Jahr", sagt der Wirt eines Gasthofs in Trebel, rund zehn Kilometer südwestlich des Zwischenlagers. Das klingt ein wenig nach Wunschdenken, immerhin war 2010 ein Jahr der Rekorde. Mehr als 50.000 Menschen nahmen damals, nur eine Woche nach der Laufzeitverlängerung für die deutschen AKW, an der zentralen Demo in Dannenberg teil. Der Castor-Transport benötigte mit rund 90 Stunden so lange wie noch nie.

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Wendland vor dem Castor: Wütende Bürger, wachsame Beamte
Und in diesem Jahr? Sind die Vorzeichen umgekehrt. Seit dem Sommer ist der Atomausstieg beschlossene Sache - und auch mit den Transporten nach Gorleben könnte es bald vorbei sein. Die elf französischen Container in diesem Jahr sind die vorerst letzte Lieferung. Erst 2014 schickt die Atomanlage im britischen Sellafield noch einmal strahlenden Abfall. Dann ist Schluss, so der Plan.

Dem harten Kern der Szene ist das egal - der Protest muss weitergehen. Schon bevor der Zug die Anlage im französischen La Hague überhaupt verlassen konnte, lieferten sich Atomkraftgegner am Mittwoch Scharmützel mit der Polizei vor Ort. Erst der Einsatz von Tränengas brachte die Aktivisten davon ab, Schienen nahe der Verladestation Valognes weiter zu beschädigen.

Gegner feiern, bevor der Transport gestartet ist

Dabei sollte der Castor-Zug eigentlich schon, einen Tag früher als geplant, am Mittwoch gegen 14.30 Uhr starten, um genau solche Störaktionen auszuhebeln. Auf Twitter und in den einschlägigen Foren feiern die Atom-Gegner ihren ersten Erfolg - bevor der Transport überhaupt begonnen hat.

Erst mit zweistündiger Verspätung ging der Spezialzug auf die Schiene. Bei einem Zwischenhalt im französischen Longueau kam es offenbar zu einer Sicherheitspanne, als ein Fotograf rund zehn Minuten ungestörten Zugang zu den stehenden Castor-Behältern hatte.

Im Wendland laufen die letzten Vorbereitungen. Bisher geht man davon aus, dass der Zug am Sonntag die Verladestation in Dannenberg erreicht, per Tieflader geht es dann auf die letzten 20 Kilometer bis zum Zwischenlager. Dutzende Bündnisse und Organisationen haben Proteste angekündigt, mal mehr, mal weniger friedlich. Der Gruppe "Castor? Schottern!" wurde ihr Camp im Örtchen Dumstorf kurzerhand von den Behörden verboten. Zu groß sei die Gefahr, dass Camp-Bewohner aus der nahen Schienenstrecke Steine entfernen - und damit den Transport gefährden könnten.

Eine Sprecherin des Bündnisses kündigte bereits an, dass man sich durch das Verbot nicht von geplanten Aktionen abhalten werde. Das "Schottern" gilt als effektive Methode, den Schienentransport zu behindern. Im letzten Jahr konnte nur durch rabiates Einschreiten der Polizei eine Unterhöhlung des Gleisbetts verhindert werden.

Die Angst vor dem Endlager

Doch auch weniger radikaler Protest formiert sich: "Bis die Endlagerfrage nicht geklärt ist, hören wir nicht auf zu demonstrieren, so viel ist sicher", sagt ein Anwohner in Gorleben. Keine zwei Kilometer von seinem Haus entfernt lagern die Castor-Container im Zwischenlager, abends strahlt das Areal hell erleuchtet. Wenige Meter weiter liegt die streng gesicherte Zufahrt zum Salzstock.

Hier, so die größte Angst der Menschen im Wendland, könnte irgendwann eine letzte Ruhestätte für die hochgiftigen Atomabfälle entstehen. Schon Tage vor dem geplanten Transport ist das Personal offenbar zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen. Neugierige Blicke werden mit nicht minder neugierigen Fragen des Sicherheitsdienstes quittiert.

Die Menschen im Wendland setzen auch optisch teils drastische Zeichen gegen ein Atomlager in ihrer Nachbarschaft. An den Häusern prangt das gelbe "X" - als Symbol des Widerstandes, mal klein und hölzern, an einer Stelle meterhoch und aus schweren Stahlträgern. In den Waldgebieten rund um Gorleben und Dannenberg haben Aktivisten gelbe Fässer mit dem Atom-Logo verteilt. Auf Bänken, an Bushaltestellen sitzen selbstgebastelte Puppen wie zu einer Mahnwache. Und überall hängen Transparente: "Gorleben soll leben", "Wir widersetzen uns", "Kein Endlager - nirgends", solche und ähnliche Sprüche finden sich in jedem Dorf.

Nahezu abgeschlossen sind die Vorbereitungen der Gegenseite. Um Peinlichkeiten wie im vergangenen Jahr zu verhindern, als Schichtwechsel danebengingen und Beamte bis zu 24 Stunden in der Kälte ausharren mussten, hat die Polizei dieses Mal groß aufgefahren: Rund 19.000 Männer und Frauen sollen bis zum Wochenende im Wendland bereit stehen. "Die Stimmung ist bisher noch entspannt, wir sind bereit", sagte ein Sprecher der Polizei in Lüneburg.

Protest der Polizeigewerkschaft

Doch vielen Beamten ist nicht nur beim Gedanken an Endlosschichten bei eisigen Temperaturen unwohl. Die rheinland-pfälzische Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte Anfang der Woche gefordert, die Transportroute zu ändern und die Castoren schon im baden-württembergischen Philippsburg zwischenzulagern. Nur so könne eine Dauerbestrahlung des Begleitschutzes ausgeschlossen werden.

Zuvor hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace berichtet, dass die Strahlengrenzwerte rund um das Lager in Gorleben in diesem Jahr überschritten werden könnten. Ähnliches fürchten die Beamten auch bei einem Einsatz in unmittelbarer Nähe der Transport-Container. Der Protest der GdP blieb jedoch ohne Erfolg, der Castor rollt mit erheblichem Polizeischutz.

Ein anderes, nicht unerhebliches Problem scheinen die Behörden in diesem Jahr immerhin in den Griff bekommen zu haben. Den Beamten stehen entlang der Castor-Strecke Toilettenhäuschen im XXL-Format zur Verfügung. In den regulären Örtlichkeiten war zuletzt der eine oder andere Ordnungshüter ob seiner martialischen Schutzausrüstung steckengeblieben.



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