Castor-Transport "Auf Biegen und Brechen"

Ein symbolischer Tag X: Voraussichtlich am 27./28. März rollt wieder ein Castor-Transport nach Gorleben - der erste unter Rot-Grün. Dem niedersächsischen Wendland steht der größte Polizei-Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik bevor.

Von Hubertus von Hörsten


Polizeiaufgebot beim Castor-Transport nach Gorleben im Jahre 1997
REUTERS

Polizeiaufgebot beim Castor-Transport nach Gorleben im Jahre 1997

Dannenberg - "Geht nicht gibt's nicht!", lautet der Leitspruch von Hans Reime, Direktor der Polizei bei der Bezirksregierung Lüneburg: "Ich glaube nur, was hieb- und stichfest ist, und meistens glaube ich nur, dass etwas nicht geht, wenn ich selbst daran gescheitert bin." Seine Kollegen bezeichnen den 55-Jährigen als "durch und durch Polizist", "pragmatischen Teamplayer" und "ungenießbar vor 10 Uhr" - für junge Atomkraftgegner im Wendland ist er schlicht "der Oberbulle". Reime ist der Gesamteinsatzleiter beim Sixpack-Castor-Transport nach Gorleben.

Dass es "keineswegs ein Traumjob" werden würde, so Reime, war ihm "klar", als er vergangenes Jahr die Leitung der Polizei-Inspektion Goslar abgab und nach Lüneburg abberufen wurde. Er sei immer froh gewesen, "die Castor-Einsätze aus der Ferne betrachten zu können." Zwischen ständigen Lagebesprechungen und Einsatzkräftebeurteilungen kommt Reime denn auch manchmal ins Grübeln: "Wenn ich hier leben würde, hätte ich wahrscheinlich auch keinen Spaß daran, dass man mir den gesamten Atommüll der Nation vor die Haustür kippt."

Verständnis für die Rolle der Polizei wecken - das ist Ziel einer "beispiellos offensiven Werbekampagne", sagt Reime. Auf den Lüchow-Dannenberger Wochenmärkten verteilen Freunde und Helfer Handzettel ("Protest ja, Gewalt nein!"), die Polizei lädt zu Podiumsdiskussionen ein, in Dannenberg wird ein Info-Haus eingerichtet. Und zwölf Konfliktmanager-Teams zu je drei Polizisten tingeln durch den Landkreis und versuchen bei Hausbesuchen mit den Atomkraftgegnern ins Gespräch zu kommen.

"Der gewalttätige Buhmann"

Die Reaktionen seien höchst unterschiedlich. Manchmal werde man zum Kaffeetrinken eingeladen, mitunter auch vom Hof gejagt, resümiert einer der Konfliktmanager seine ersten Erfahrungen mit den Wendländern.

Wo immer die Konfliktmanager auch auftreten - immer wieder stellen ihnen die Atomkraftgegner die Gegenfrage: "Und wer schützt uns vor der Polizeigewalt?" Nach dem letzten Gorleben-Transport 1997 zählte die örtliche Bügerinitiative (BI) über 400 verletzte Demonstranten, die Polizei registrierte 88 Verletzte in ihren Reihen. Für Gesamteinsatzleiter Hans Reime ist klar, wie diese Zahlen zu Stande kommen: Das mildeste geeignete Mittel der Polizei sei bei einer Blockade "das Wegtragen", so Reime, "im Einsatz müssen wir Polizisten zu zweit anfassen, nachfassen, zerren. Und schon ist die Polizei wieder der gewalttätige Buhmann."

"Quatsch", entgegnet Atomkraftgegner Jochen Stay, 35. Der Polizei gehe es ausschließlich darum, die Transporte als "sozialverträglich" zu verkaufen. Das Konfliktmanagement der Einsatzkräfte hält er für einen "Etikettenschwindel und PR-Gag". Konflikte könne, nach seiner Auffassung, nur eine neutrale Instanz sinnvoll schlichten und nicht Polizisten, die Teil des Konflikts seien: "Und was können ein paar unbewaffnete Polizei-Schlichter denn ausrichten, wenn hier 15.000 schwer bewaffnete Kollegen zum Einsatz kommen?"

Der Konflikt sei programmiert, ist der Wendländer Stay überzeugt. Er ist Organisator von "x- tausend mal quer", der größten bundesweiten Castor-Blockadegruppe. 1997 folgten rund 9000 Atomkraftgegner dem Aufruf und setzten sich auf die Straße. In diesem Jahr haben bereits 5000 Demonstranten schriftlich angekündigt, sich in Wendisch-Evern bei Lüneburg auf die Eisenbahngleise setzen zu wollen.

"Kein Recht auf Blockaden"

Die Bezirksregierung Lüneburg erwägt nun ein weitreichendes Demonstrationsverbot entlang der Castor-Strecke. Das heißt für Stay und die anderen Atomkraftgegner: "Ich kann nur auf der Strecke demonstrieren, wenn ich eine Ordnungswidrigkeit begehe, wie Falschparken. Dann zahle ich eben 20 oder 30 Mark Bußgeld."

"Es gibt kein Recht auf Blockaden", empört sich Gesamteinsatzleiter Reime und kündigt für diesen Fall eine harte Gangart an. Er habe zwar Angst davor, den Transport "auf Biegen und Brechen" durchbringen zu müssen, "aber wenn man mich zwingt, mache ich auch das."

Bisher laufe aber alles nach Plan, bilanziert Reime die Vorbereitungen auf den Tag X im Wendland: "Und wenn die Kokillen im Zwischenlager sind, ohne dass es Verletzte in größerem Ausmaß gegeben hat, und alles andere leidlich geklappt hat - dann hau' ich mir einen in die Birne!"



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