Plagiate in Laschet-Buch Der Seiten-Hieb

Nun hat auch Armin Laschet seinen Plagiatsfall – und schon wieder muss sich der Kanzlerkandidat der Union entschuldigen. Ändert er jetzt seinen abwartenden, passiven Kurs?
Kanzlerkandidat Laschet: »Auch eine Frage des Respekts vor anderen Autoren«

Kanzlerkandidat Laschet: »Auch eine Frage des Respekts vor anderen Autoren«

Foto:

Christoph Hardt / imago images / Future Image

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Armin Laschet entschuldigt sich. Wieder einmal, muss man sagen. Erst vor knapp zwei Wochen musste er öffentlich um Verzeihung bitten. Sein Gekicher während einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Katastrophengebiet hängt ihm bis heute nach.

Diesmal geht es um ein Buch. »Die Aufsteigerrepublik« heißt der Titel. Der heutige CDU-Chef hatte es 2009 veröffentlicht. Damals war Laschet Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen.

Zwölf Jahre ist das her. Das Buch ist längst vergriffen. Nun aber könnte es zum wichtigen Faktor werden in einem Wahlkampf, der ohnehin weitgehend entkoppelt ist von den politischen Fragen dieser Zeit.

Denn jetzt ist klar: Laschet hat in dem Buch abgeschrieben, mindestens einmal. Der Autor und Berater Karsten Weitzenegger machte das Plagiat am späten Donnerstagabend öffentlich. Laschet hat offenbar große Teile einer Passage über Arbeitsmigration aus einem von Weitzeneggers Texten übernommen – ohne Quellenangabe.

»Peinlich«, twittert Weitzenegger.

Und Laschet? Schon wenige Stunden später meldet sich der CDU-Chef zu Wort. Am Freitag, um kurz vor 11 Uhr, veröffentlicht die Nachrichtenagentur dpa sein Eingeständnis.

Für die Fehler in dem Buch wolle er »ausdrücklich um Entschuldigung bitten«, wird Laschet zitiert. »Denn sorgfältiges Arbeiten beim Verfassen von Werken und die Achtung des Urheberrechts sind für mich auch eine Frage des Respekts vor anderen Autoren.« Er lasse das Buch jetzt prüfen, sagt Laschet – auf weitere Fehler.

Baerbock als Warnung

Es ist die nächste Panne in Laschets Wahlkampf  und vielleicht sogar die schwerwiegendste. Nicht, weil ein paar zusammenkopierte Sätze das größte denkbare moralische Vergehen wären.

Doch solche Schludrigkeiten können ausreichen, dass Menschen an der Integrität von Kandidaten zweifeln – an deren Eignung für den wichtigsten Posten der Republik: den im Kanzleramt. Zumal Laschet sich schon in der Vergangenheit für Schlampereien rechtfertigen musste: Als Lehrbeauftragter der RWTH Aachen verteilte er einst Noten an Studierende, obwohl er deren Klausuren verloren hatte. Das Honorar für sein Buch aus dem Jahr 2009 versteuerte er nicht als Einnahme – setzte den Betrag aber als Spende steuerlich ab.

Was ihm nun möglicherweise blüht, konnte Laschet über Wochen bei der Konkurrenz beobachten: Grünenchefin Annalena Baerbock hatte für ihr jüngst erschienenes Wahlkampfbuch im größeren Stil abgekupfert.

Die Plagiatsaffäre ihrer Spitzenkandidatin trug entscheidend dazu bei, dass die Ökopartei von ihrem zwischenzeitlichen Umfragehoch stürzte. Übrigens unter tatkräftiger Mithilfe mancher Unionspolitiker, die sich genüsslich über Baerbocks Patzer ausließen.

Nun gibt es durchaus Unterschiede zwischen Baerbocks und Laschets Fall. Der CDU-Vorsitzende hat sein Buch vor vielen Jahren in einer völlig anderen Rolle verfasst. Baerbock dagegen wollte mit ihrem Buch gezielt im laufenden Wahlkampf glänzen.

Zudem sind bei Laschet deutlich weniger Textplagiate bekannt als bei seiner Konkurrentin. Zumindest bislang. Und: Während die Grünen nach den ersten Vorwürfen gegen Baerbock mit wilden Schimpftiraden anfangs alles noch schlimmer machten, gibt sich Laschet sofort geläutert.

Dennoch, der Schaden ist da. Zum wiederholten Mal liefert Laschet seinen Gegnern eine Steilvorlage. »Ich bin gespannt, was da bei Laschet nach seiner Entschuldigung noch alles kommt«, spottet SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.

Und Carsten Schneider, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, ätzt, Laschet habe für die Auseinandersetzung über Zukunftsthemen »leider bisher nichts anzubieten«. Er dürfe sich nicht wundern, wenn dann nur über sein Buch geredet werde.

Wunder Punkt der Kampagne

Laschets vielleicht größtes Problem: Schneider trifft durchaus einen wunden Punkt der Unionskampagne. Die ist bislang auf die Strategie aufgebaut, möglichst unauffällig ins Ziel zu segeln, während sich die Mitstreiter aufreiben.

Mit großen inhaltlichen Initiativen fiel Laschet jedenfalls bislang nicht auf. Nicht einmal nach der Hochwasserkatastrophe. Während etwa die Grünen darauf nun öffentlichkeitswirksam mit einem klimapolitischen Hundert-Tage-Sofortprogramm reagieren , wehrte Laschet Rufe nach einer Kurskorrektur ab: »Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik«, lautet ein Satz, der ihm jede Menge Kritik einbrachte.

Laschets Passivität im Wahlkampf sorgt auch in den eigenen Reihen für Unmut – insbesondere bei jenen in der Union, die ohnehin schon immer gegen seine Kandidatur waren. Gerade jetzt, da CDU und CSU in den meisten Umfragen wieder unter die 30-Prozent-Marke gefallen ist. Die Furcht vor einer Schlappe bei der Bundestagswahl wächst.

Laschets Strategie des Wegduckens funktioniere nicht, heißt es, wenn er selbst Fehler mache und unter schlechten Beliebtheitswerten leide. Eine inhaltliche Offensive müsse nun her.

Einer, der mit Laschet sowieso selten einverstanden ist, macht auch jetzt aus seinem Frust keinen Hehl. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der das Ringen um die Kanzlerkandidatur gegen Laschet verloren hatte, sagte dem SPIEGEL  noch vor Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe: »Wir werden künftig wieder mehr über Inhalte reden müssen.«

Dann folgte ein ziemlich vergifteter Satz: »Armin Laschet ist ein sehr guter Kanzlerkandidat, der aber als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen derzeit vor allem mit der Bewältigung der Flutkatastrophe beschäftigt ist.« Soll wohl heißen: Zu anderen Themen kommt von Laschet zu wenig.

Am Wochenende will Laschet offenbar versuchen, daran etwas zu ändern.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident fliegt nach Polen, nimmt in der Hauptstadt an den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Opfer des Warschauer Aufstandes teil.

Politiker erhoffen sich von solchen Reisen oft staatsmännische Auftritte. Und sie bieten die Chance, den Ärger in der Heimat für einen Moment hinter sich zu lassen. Beides kann Laschet derzeit sicher gut gebrauchen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.