CDU-Pleite in Niedersachsen Wo sich Bernd Althusmann verzockt hat

Die Umfragen glänzend, dazu der Kanzlerinnen-Bonus: Was sollte schief gehen für Niedersachsens CDU? So ziemlich alles. Spitzenkandidat Bernd Althusmann leistete sich gleich zwei Schnitzer.

CDU-Spitzenkandidat Althusmann
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CDU-Spitzenkandidat Althusmann

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Manchmal reicht ein Heißgetränk, um den Lauf der Geschichte zu verändern. Als Ende Juli die niedersächsische CDU in den Umfragen noch bei etwa 40 Prozent lag, da traf Parteichef und Spitzenkandidat Bernd Althusmann die Grüne Landtagsabgeordnete Elke Twesten in Bad Fallingbostel auf eine Tasse Kaffee. Die beiden unterhielten sich über einen Wechsel von Twesten mitsamt ihres Mandats in die CDU-Fraktion. Althusmann fand die Idee gut. Sein Vorsprung vor der SPD war gewaltig, die Aussicht auf einen frühzeitigen Regierungswechsel verlockend. Denn durch Twesten sollte die rot-grüne Landesregierung über Nacht ihre hauchdünne Mehrheit verlieren.

Wenn es einen Geburtsfehler der CDU-Wahlkampagne in Niedersachsen gibt, dann war es die Idee, mit Hilfe der Überläuferin Twesten die Regierungszentrale in Hannover zu erobern. Das musste nach hinten losgehen. Denn Althusmann, ehemaliger Kultusminister und Hauptmann der Reserve, verlor durch den fragwürdigen Pakt gleich doppelt: Glaubwürdigkeit und Zeit.

Beides war fatal.

Zur Glaubwürdigkeit: Elke Twesten machte nie einen Hehl daraus, dass sie sich nicht aus Liebe zur CDU hingezogen fühlte. Sie hatte eine Rechnung mit ihrer alten Partei, den Grünen, zu begleichen, die sie in ihrem Wahlkreis nicht mehr zur Landtagswahl aufgestellt hatten. Ihr Motiv war verletzter Stolz.

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Landtagswahl in Niedersachsen: Lange Gesichter bei der CDU, Jubel bei der SPD

Das fragwürdige Motiv der Überläuferin warf einen Schatten auf den CDU-Wahlkampf und auf Herausforderer Althusmann. Sein Image als unbefangener Kritiker von Rot-Grün war angekratzt. Gab es womöglich doch ein "unmoralisches Angebot"? Darüber spekulierte die Regierungsfraktion. SPD-Ministerpräsident Stephan Weil wurde bis zum Wahlabend nicht müde, auf "die Intrige" der CDU und "den Verrat" durch Twesten hinzuweisen. Noch bevor Althusmann überhaupt im Land bekannt war, haftete bereits ein Makel an ihm.

Der Faktor Zeit: Ohne den Fall Twesten hätten die Niedersachen erst am 14. Januar 2018 einen neuen Landtag gewählt. Nach dem Verlust der Ein-Stimmen-Mehrheit für Rot-Grün musste es Neuwahlen geben. Weil traf das hart, weil es seine Wahlkampfpläne über den Haufen warf. Bernd Althusmann traf das härter. Sein Problem: Im Gegensatz zum Ministerpräsidenten war er vielen Bürgern unbekannt. Nun fehlte ihm die nötige Zeit, sich im Land vorzustellen. Viele kannten den Mann auf den CDU-Plakaten mit der Aufschrift "Nicht lange reden. Einfach machen." überhaupt nicht. Seine freundlich-zurückhaltende Art machte den Mann, der auf die richtige Aussprache seines Namens hinweisen musste, nicht gerade bekannter. "Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe. Alt h u s mann."

Ausgerechnet Twesten, von Althusmann selbst in die Partei geholt, verkürzte seine Wahlkampfphase drastisch. Warum ließ er sich darauf ein? Sie hätte die Grünen auch verlassen können, ohne in die CDU aufgenommen zu werden.

Landtagswahl Niedersachsen 2017

Vorläufiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
33,6
-2,4
SPD
36,9
+4,3
Grüne
8,7
-5
FDP
7,5
-2,4
Die Linke
4,6
+1,5
AfD
6,2
+6,2
Sonstige
2,5
-2,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
55
12
50
11
9
Quelle: Landeswahlleiter

Vielleicht waren die Sinne der niedersächsischen CDU berauscht von den eigenen Umfragewerten. Vor dem Wahlkampf lag die CDU in Umfragen zwölf Prozentpunkte vor der SPD. Was sollte da noch schiefgehen? "Uneinholbar", hieß es. Schon gar nicht in so kurzer Zeit. Außerdem gab es ja noch den Merkel-Effekt, die ebenfalls uneinholbar vorn zu liegen schien.

Die CDU drängte auf einen Termin möglichst nah am 24. September. Althusmann und seine Strategen hofften auf Rückenwind durch die Bundestagswahl. In Berlin deutete alles auf einen souveränen Sieg der Bundeskanzlerin Angela Merkel hin. Und einen Absturz der SPD.

Aber aus dem Berlin-Bonus wurde ein Berlin-Malus.

Plötzlich sahen sich die CDU-Wahlkämpfer in Niedersachsen mit einer geschwächten Bundeskanzlerin konfrontiert und potenziellen Koalitionspartnern, die sich schon vor den ersten Sondierungsgesprächen in den Haaren lagen. Auch das leidige Thema "Obergrenze" für Flüchtlinge stand wieder auf der Tagesordnung. Jamaika lässt grüßen. Und Bernd Althusmann? Wollte der nicht auch Jamaika für Niedersachsen, falls es für Schwarz-Gelb nicht reichen würde?

Im Video: SPD-Wahlsieg in Niedersachsen - "zurückhaltend euphorisch"

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Stephan Weil hingegen gelang es, sich erfolgreich vom Negativtrend der SPD im Bund abzukoppeln. Er setzte ausschließlich auf niedersächsische Themen - und auf sich selbst. Mit dieser schlichten Strategie avanciert der ehemalige Bürgermeister und Kämmerer von Hannover nun zum Hoffnungsträger der SPD.

Nun lief "Berni", wie sie Althusmann in der Jungen Union rufen, auf einmal die Zeit davon. "Ein paar Monate mehr wären vielleicht gut gewesen", sagt einer aus den Reihen der CDU. "Die Geschichte mit Twesten war vielleicht doch keine so gute Idee." Althusmann habe sich wohl verzockt.

Dabei ist noch längst nicht ausgemacht, wer am Ende Ministerpräsident von Niedersachsen wird. Zunächst ist Stephan Weil am Zug. Aber auch Althusmann will sondieren, ob ein Bündnis mit ihm als Ministerpräsident möglich ist. Ein Jamaika-Bündnis? Das dürfte allerdings mit ähnlichen Querelen verbunden sein, wie in Berlin. Vorsichtshalber teilte Althusmann am Wahlabend schon einmal mit, er werde sich um den Posten des CDU-Fraktionsvorsitzenden bewerben.

Elke Twesten hat übrigens nicht für den Landtag kandidiert.

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
kay_ro 16.10.2017
1.
Sollte der Twesten Wechsel tatsächlich die Ursache der CDU Niederlage sein, dann kriege ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Wie schleimig war die ganze Angelegenheit und dann hat es sich nicht mal gelohnt.
Pensionskassen 16.10.2017
2. In die Wüste schicken.
Herr Althusmann hat nach eigenen Angaben als Berater der Konrad-Adenauer-Stiftung die Politiker in Namibia beraten. Hier wurde offensichtlich Geld in den Wüsten-Sand gesetzt, denn auf solche Berater können die Namibianer gut verzichten. Man sollte ihn das nächste Mal besser in die Sahra schicken als "einsamen Rufer in der Wüste".
spitzaufknoof 16.10.2017
3. Wenn
sich hier jemand verzockt hat dann die Grünen, die jetzt komplett von der FDP abhängig sind.
isi-dor 16.10.2017
4. Verzockt
Verzockt hat sich vor allem Frau Twesten. Das ist dann doch ziemlich dumm gelaufen.
K:F 16.10.2017
5. Merkel Malus
Besser wäre und ist es immer noch, Merkel in die Wüste zu schicken. Merkel ist verantwortlich, ganz einfach. Von den Eliten-CDUlern auf Wolke 7, will das nur leider keiner wahr haben. Wer den MP in Niedersachen stellen wir, steht auch noch in den Sternen.
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