CDU-Chef in Brandenburg Die Saat des Generals

In der DDR kämpfte Ulrich Junghanns für Ernteerfolge, nach der Wende wurde er Minister und CDU-Landeschef. Doch die Brandenburger Christdemokraten sind zerstritten - und Junghanns ist als Symbolfigur der Vor-Wende-Zeit das perfekte Feindbild.

Von


Berlin - Es ist so eine Sache mit dem Unterbewusstsein: Ulrich Junghanns, Brandenburgs Minister für Wirtschaft, balanciert auf einem Kanu der "Rheinsberger Adventure Tours". Eine "Schlossführung" auf dem "Wasserrevier" steht vergangenen Donnerstag auf dem Programm einer Frühsommerreise. "Die Schwimmweste, Herr Minister", ruft ein Mann von "Adventure Tours", und der Minister ist bemüht, pfiffig zu sein. "Toller Termin, oder?", raunt er den Fotografen zu. Junghanns, 52, hat gerade den linken Arm in die Weste gefädelt, da brechen sich plötzlich seine diffusen Ängste bahn. "Lieber eine Schwimmweste", ruft er den Gaffern zu, "als ein Rettungsring!"

CDU-Landeschef Junghanns: Schwimmweste, Rettungsring?
AP

CDU-Landeschef Junghanns: Schwimmweste, Rettungsring?

Schwimmweste, Rettungsring? Eines jedenfalls scheint schon für ihn selbst klar zu sein: Aus eigener Kraft kann er sich nicht über Wasser halten. Junghanns ist der traurigste CDU-Landeschef Deutschlands.

Er hat schon vieles hinter sich, der "Uli", wie ihn der "Matthias" nennt, Ministerpräsident Platzeck (SPD), sein Koalitionspartner. Junghanns war Funktionär der DDR-Bauernpartei, kämpfte für maximale Erfolge der "LPG Frohe Zukunft" und des "VEB Broilerproduktion". Er wurde Wende-Vorsitzender der einstigen Blockpartei, dann Minister im vereinten Deutschland. Auf dem Papier ist er seit knapp zwei Jahren auch Vorsitzender von über 6000 Brandenburger Christdemokraten. In Wirklichkeit aber führt er lediglich Teilstreitkräfte dieser Landes-Union; er ist Warlord in einem nicht enden wollenden innerparteilichen Bürgerkrieg.

Vor ein paar Tagen schlug mal wieder friendly fire ein: Die "schlechteste CDU Deutschlands" zu sein, attestierten vier märkische Unionisten der eigenen Partei - ein Verhalten, das nun selbst CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla "nicht länger hinnehmen will". Den Potsdamer Parteifreunden gab er einen ausgefeilten Ratschlag: Man dürfe nicht ins eigene, sondern in das Tor des Gegners schießen.

Rauf aufs Pöstchen - und wieder runter

Niemand kann so recht erklären, warum die Landespartei sich so zerlegt, dass ihr früherer Boss und Noch-Innenminister Jörg Schönbohm, 70, schon davor warnt, die SPD in eine rot-rote Koalition zu treiben. 1999 hatte der Ex-General die märkische CDU übernommen, in die Regierung geführt und die heillos zerstritten Truppe geeint. Alles nicht von Dauer, wie sich jetzt erweist, seit der Deckel Schönbohm vom Unionstopf runter ist.

Sprechen Beteiligte über ihre internen Gefechte, klingt es, als sei dies eine Art unabwendbares Naturereignis, aber eines, dass sich mit Schaudern genießen lässt. Da werden mit Leidenschaft Affären inszeniert, Informationen durchgestochen, Grundstückskäufe von Ministern angezweifelt, Lebensläufe ausspioniert, Personen auf Pöstchen gehoben und wieder entfernt. Und am allerliebsten wird gegen Junghanns geschossen, dessen Vita eine geeignete Angriffsfläche bietet. Mitsamt DDR-Zeitungsartikeln wurde sein Vor-Wende-Leben über eine Internet-Seite aus dem Pazifik-Atoll Tokelau ins Netz gestellt, in Auftrag gegeben von einem Anonymus.

So ist auch jener peinliche Satz von Junghanns aus dem Juli 1989 verewigt, ein fettes Lob für Walter Ulbrichts Mauerbau: "Was die Mauer betrifft, so lassen wir uns nicht deren Schutzfunktion ausreden." Unzählige Male hat er diese Äußerung schon bedauert, erklärt, mit seiner Biografie leben zu müssen. In anderen Bundesländern ist das politische Feuer auf vergleichbare DDR-Kader längst eingestellt, in Sachsen-Anhalt wurde ein SED-Mann a.D. für die SPD Innenminister, in Thüringen ein verdienter Lehrer des Sozialismus für die CDU Ministerpräsident. Aber die Gegner von Junghanns, die sich um Schönbohms einstigen Zögling scharen, Landesvize Sven Petke, geben nicht Ruhe.

"Vielen Dank, Genosse Minister"

Und so sehr Schönbohm auch seine Unterstützung für Junghanns betont, so sehr ist es doch die Saat des Generals, die nun aufgeht. Schließlich war er es, der wie ein Meteorid in der politischen Landschaft Brandenburgs eingeschlagen war; der gegen das "proletarisierte" Ostvolk wetterte, der Schluss machen wollte mit "sozialistischen Wärmestuben", der "kleinen DDR" Brandenburg. Sogar "umpflügen" wollte der Offizier die Mark. Es ist dieser Geist, aus dem sich jetzt die Feindseligkeiten gegen Junghanns speisen, diese Symbolfigur der Vor-Wende-Zeit.

Ulrich Junghanns ahnt, dass diese brandenburgische Schlacht für ihn nicht zu gewinnen ist. Er will versuchen, die so unterschiedlichen Kräfte zusammenzuführen, aber Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen im kommenden Jahr nicht mehr werden. Die nächsten Attacken sieht er schon kommen, falls die CDU bei der Kommunalwahl im September schwächelt.

Solange aber reist er noch durch das Land und erfüllt das Klischee, das ihm vorgehalten wird. Wie ein freundlicher, aber etwas verspäteter LPG-Vorsitzender tritt er auf, begrüßt auch in Rheinsberg die "Verantwortlichen", spricht von der "Bestätigung für den eingeschlagenen Weg", lobt "Sachkompetenz aus Verantwortung heraus".

Manchmal hört man ihn schon wieder von der "Einheit von Wirtschaft und Sozialpolitik" reden und die Gelobten ein "Vielen Dank, Genosse Minister" antworten.

Aber das ist natürlich eine Sinnestäuschung. Eine Sache des Unterbewusstseins eben.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.