Nikolaus Blome

Merz und die CDU Es gibt ein Recht auf Rückständigkeit

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Friedrich Merz stellt sich selbst bloß, weil ihm eine konservative Urtugend abgeht: sein Unbehagen an einem Stück Fortschritt zu artikulieren, ohne die Fortschrittlichen zu verletzen.
Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz

Foto: Lukas Schulze / Getty Images

Friedrich Merz bei Live-Interviews unter Druck kommen zu sehen, das ist, wie bei einem Autounfall zuzuschauen. Man hält den Atem an, die Schultern spannen. Dann geht es entweder gerade noch gut. Oder es scheppert.

Bei seinem ersten Anlauf auf den CDU-Vorsitz räumte Friedrich Merz in einem Live-Interview widerwillig ein, Millionär zu sein, und erklärte sich trotzig zur "gehobenen Mittelschicht". Da ich dieses Interview mit einer wunderbaren "Bild"-Kollegin Ende 2018 selbst führen durfte, kann ich berichten: Im entscheidenden Moment war regelrecht zu hören, wie in Friedrich Merz' Kopf ein kleines Rädchen aus dem Getriebe sprang. "Pling!", und dann verlor er sich. Millionär will Mittelschicht sein? Politisch war das ein böser Patzer, aber irgendwie auch zum Lachen und damit harmloser als das, was dem Kandidaten vergangene Woche unterlief.  

Erneut bei "Bild", wieder live, und wieder konnte man das "Pling!" hören, als Friedrich Merz auf Nachfragen plötzlich einen Satz formulierte, der Homosexualität in eine ziemlich direkte Verbindung zu Pädophilie brachte. Dieses Mal mangelte es Friedrich Merz nicht an liberal-konservativer Souveränität, seinen Reichtum in eine glaubwürdige Beziehung zu seinen politischen Ambitionen zu setzen. Als es dieses Mal darauf ankam, mangelte es ihm, schlimmer, an einer konservativen Urtugend, ohne die man in einer modernen, bunten, sich zusehends ausfächernden Gesellschaft nicht im besten Sinne konservativ sein kann. Das ist die Fähigkeit, das eigene leise Unbehagen an bestimmten Facetten des Fortschritts so zu artikulieren, dass andere Menschen nicht verletzt werden, denen dieser Fortschritt besonders wichtig ist, weil er ihnen zum Beispiel viel zu lange verweigert wurde. Es ist paradox: Ein breites Spektrum überhaupt nicht konservativer Geister empört sich (zu Recht) über einen Mann, der so gesehen nicht konservativ genug ist.

Fremdheitsgefühl und leises Unbehagen

Zum ganzen Bild gehört freilich, dass es schwerer geworden ist, Fremdheitsgefühl und leises Unbehagen öffentlich zu artikulieren, wenn es um gesellschaftlichen Fortschritt geht. Selbstverständliche Akzeptanz von Homosexualität ist ein solcher gesellschaftlicher Fortschritt, das steht für mich außer Frage. Es hat damit viel zu lange gedauert: Bis sage und schreibe Mitte 1994 hatte der Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs Gültigkeit, der Sex zwischen zwei Männern unter Strafe stellte.

Vielleicht ist diese schändlich lange Kriminalisierung heute einer der Gründe, weshalb es bei diesem Thema vielen so schwerfällt, das Unbehagen mancher anderer zu ertragen. SPD-Vize Kevin Kühnert twitterte über Merz: "So laviert jemand, der nicht kaschieren kann, dass er mit der Normalisierung des Umgangs mit Homosexualität eigentlich nichts anfangen kann." Das ist geschickt geframed, im politischen Wettbewerb legitim, aber absichtsvoll unpräzise: Es nicht die "Normalisierung", mit der Merz "nichts anfangen" kann. Er hat mehrfach klar zum Ausdruck gebracht, dass ein homosexueller Kanzler - als ein beispielhafter Moment von Normalisierung - für ihn definitiv kein Problem wäre. Es ist vielmehr Homosexualität an sich, die Merz fremd zu sein scheint, und das ist ein Unterschied. Vermutlich gehört sie nicht zu seiner persönlichen Lebenswelt, und es würde ihn nicht stören, wenn es so bliebe. Wäre allein das schon feindselig, also homophob? Müsste man ihn allein dafür schon aus der Stadt jagen? Ich schätze, viele hier beantworten die Frage mit Ja; ich würde eher Nein sagen. Denn feindselig wurde Merz' Haltung erst, als er sie in einen Satz kleidete, in dem Homosexualität, Gesetze und Pädophilie eine ganz üble Gedankenkette bilden.

Merz müsste von Angela Merkel lernen

Kann Friedrich Merz seine Kandidatur damit also schon aufgeben? Ich wäre mir da nicht so sicher. Die 1001 CDU-Delegierten, die Anfang Dezember beschließen, sind kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, welche die Merz'schen Assoziationen mehrheitlich bestimmt ablehnen würde. Es ist noch nicht einmal ein Querschnitt der CDU-Wählerschaft, dazu fehlt eine zweistellige Prozentzahl weiblicher Delegierter. Was aber, wenn Friedrich Merz den CDU-Vorsitz erringt und hernach als Kanzlerkandidat antritt? Dann müsste er etwas über sich bringen, was er wohl noch nie über sich gebracht hat: Er müsste von Angela Merkel lernen.

Die Kanzlerin, damals auch noch CDU-Vorsitzende, war lange eine politische Gegnerin der sogenannten Homo-Ehe. "Ich persönlich tue mich schwer damit", lautete jahrelang ihr Satz dazu. Dass sie damit meines Wissens nie einen Empörungssturm entfesselte, muss an Person, Tonalität und Wortwahl gelegen haben. Erst im Wahljahr 2017 ließ Merkel eine Beschlussfassung über die Homo-Ehe im Bundestag zu. Sie selbst stimmte dagegen und wurde trotzdem nicht dem 19. Jahrhundert oder dem Ku-Klux-Klan zugeordnet. Denn keine Gesellschaft geht im Gleichschritt, außer sie wird gleichgeschaltet. Folglich lässt sich ein Recht auf persönliche Rückständigkeit durchaus reklamieren, wenn man es mit Bedacht anstellt. Also deutlich anders als Friedrich Merz in der vergangenen Woche.

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