Landtagswahl in Sachsen 44 von 60 CDU-Kandidaten lehnen Koalition mit AfD ab

Um den AfD-Bürgermeister in Görlitz zu verhindern, bekam die Gruppe "Zukunft Sachsen" Hilfe aus Hollywood. Jetzt wollte sie von den CDU-Direktkandidaten wissen: Wie halten Sie es nach der Wahl mit der AfD?

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen
DPA / Sebastian Kahnert

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen

Von


Eine ungewöhnliche SMS erhielt Sascha Kodytek, 23, an einem Tag Ende Mai: Er werde gleich den Kontakt von George Clooney erhalten, las er verwundert. Kodytek rief umgehend den Absender der mysteriösen Botschaft an. Am anderen Ende der Leitung war Michael Simon de Normier, der Produzent des Films "Der Vorleser".

Mit anderen Hollywoodstars wolle er einen Brief über Kodyteks Initiative "Zukunft Sachsen" veröffentlichen. Der Aufruf richtete sich an die Einwohner des sächsischen Görlitz, um dort einen AfD-Bürgermeister zu verhindern. In der Filmbranche kennt man die Kleinstadt als Drehort für Blockbuster. Fast wäre in Görlitz ein AfD-Politiker an die Spitze des Rathauses gewählt worden. Unterschrieben haben den Brief aus Hollywood unter anderem die Schauspieler Tom Wlaschiha ("Game of Thrones") und Daniel Brühl ("Inglourious Basterds").

Es war die bisher spektakulärste Aktion der Initiative "Zukunft Sachsen", einer Gruppe aus elf Personen, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie sind Studenten, Auszubildende und Angestellte, leben in verschiedenen Orten in Sachsen und wollen eine AfD-Beteiligung an der Landesregierung verhindern.

"Methoden der Nationalsozialisten"

Ihr neuester Vorstoß ist eine Befragung aller CDU-Direktkandidaten für die anstehende Landtagswahl in Sachsen am 1. September. Die Initiative fragte die Politiker, ob sie eine Koalition mit der AfD nach der Wahl ausschließen. Am Montag will die Gruppe das Ergebnis vorstellen, der SPIEGEL konnte die Antworten vorab einsehen. Demnach schließen 44 von 60 Direktkandidaten eine gemeinsame Regierung mit der AfD aus.

Unter ihnen sind zum Beispiel Justizminister Sebastian Gemkow und der Fraktionsvorsitzende Christian Hartmann, der eine mögliche Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten zeitweise nicht grundsätzlich verneinen wollte. Der Görlitzer Matthias Reuter droht in seiner Antwort sogar, aus der CDU auszutreten, sollte es zu einer Koalitionsbildung kommen. "Es sind zu viele dabei, die mit den Methoden der Nationalsozialisten arbeiten", sagt Reuter in seiner Antwort über die AfD.

Von den übrigen 16 Kandidaten erhielt die Initiative keine Antwort, obwohl man mehrere Mails und Briefe an alle geschickt habe, wie Kodytek sagt.

Bisher gibt es einen Bundesbeschluss der CDU, der jede Kooperation mit der AfD ausschließt. In mehreren Kommunen kommt es jedoch längst dazu. In Sachsen beteuert Landeschef und Ministerpräsident Michael Kretschmer zwar immer wieder, dass es keine Koalition geben werde, auch an der Umfrage von "Zukunft Sachsen" beteiligte er sich. Einen entsprechenden Beschluss dazu hat der Landesverband bisher aber nicht gefasst.

Bei der Europawahl im Mai wurde die AfD in Sachsen mit 25,3 Prozent stärkste Kraft. Die Umfragen für die Landtagswahl variieren, mal liegt die CDU vorn, mal ist die AfD gleichauf oder sogar knapp in Führung. So oder so, der CDU drohen komplizierte Koalitionsverhandlungen, für eine Wiederauflage des aktuellen Bündnisses mit der SPD dürfte es nicht mehr reichen.

Werbung für die Kenia-Koalition

Begonnen hatte die Gruppe "Zukunft Sachsen" im März mit einer Website, auf der sie dafür wirbt, CDU, SPD oder Grüne zu wählen. Die sogenannte Kenia-Koalition habe rein mathematisch die beste Aussicht, gegen eine Mehrheit von CDU und AfD anzukommen, glauben die jungen Sachsen.

"Wir sind nicht parteipolitisch", sagt Kodytek dennoch. Zwar gebe es in der Gruppe Mitglieder der SPD und der CDU, aber das stehe bei ihrem Anliegen nicht im Vordergrund. Würde es rechnerisch reichen, würde man auch für Rot-Rot-Grün werben.

"Die Antworten der CDU auf unsere Befragung sprechen für sich", findet Kodytek. Er nehme der CDU ab, dass sie in keine AfD-Koalition eintreten will. Und wenn es rechnerisch tatsächlich keine andere Möglichkeit gibt? "Nur dann besteht die Gefahr, dass sich einige in der CDU es noch mal anders überlegen könnten", glaubt Kodytek. Dazu dürfe es gar nicht erst kommen. "Daran arbeiten wir ja gerade." Zur Not könnte die Gruppe noch mal George Clooney nach Unterstützung fragen.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.