CDU-Landeschef Strobl Endlich wieder Leitwolf

Die CDU in Baden-Württemberg wollte ihn nicht als Spitzenkandidaten. Doch nach der historischen Wahlschlappe wird Landeschef Strobl zum Strippenzieher für Grün-Schwarz.
Baden-Württemberger CDU-Landeschef Thomas Strobl

Baden-Württemberger CDU-Landeschef Thomas Strobl

Foto: Marijan Murat/ dpa

Drei Wörter bei Google genügen, um die Schmach eines prominenten CDU-Politikers ins Gedächtnis zu rufen: 1. Thomas, 2. Strobl, 3. Niederlage. Die Suchmaschine spuckt eine endlose Liste aus über jenen Tag im Dezember 2014, als er den größten Knick seiner Karriere erlebte, einen "Schlag in die Magengrube", wie Strobl später selbst sagte.

Damals wählte die CDU in Baden-Württemberg ihren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2016. Strobl hatte bis dahin viel erreicht in der CDU: Merkel-Stellvertreter in der Bundespartei, Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Anführer der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten, Landeschef der Christdemokraten. Als Ministerpräsident im einstigen CDU-Stammland wollte er seinen Einfluss noch weiter steigern.

Doch die Basis wollte nicht den Bundespolitiker, den Profi. Sie wollte den Gegenkandidaten, Guido Wolf, den Landtagspräsidenten, den jenseits der Landesgrenzen niemand kannte, der aus Sicht der Mitglieder aber volksnäher war.

Das Ergebnis ist bekannt: Wolf bescherte seiner Partei das schlechteste Ergebnis aller Zeiten. Und Strobl steht plötzlich wie ein später Sieger da. Er ist jetzt wieder der Leitwolf der Christdemokraten.

Politisch auferstanden

Seit Jahren wirbt er für Bündnisse der CDU mit den Grünen, schon am Wahlabend pries er die "Kiwi-Koalition" an. An diesem Freitag, knapp drei Wochen später, sind nun die Gespräche zwischen Grünen und Union über ein künftiges Regierungsbündnis gestartet. Mittendrin Thomas Strobl. Er verhandelt federführend mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Strobl versucht, die Niederlage von 2014 in einen persönlichen Triumph zu verwandeln. In der Stunde der historischen Schmach für die Partei sieht der Landesvorsitzende die Chance zur eigenen Rehabilitation.

Im Rückblick dürfte es Strobl fast als Glück betrachten, dass ihm der Job als Spitzenkandidat erspart geblieben ist. Zu mies waren die Wahlkampfbedingungen, zwischen AfD, Flüchtlingskrise, und dem populären Kretschmann. Fraglich, ob die CDU mit Strobl viel besser abgeschnitten hätte als mit Wolf. Doch das soll nicht mehr seine Sorge sein: Als Macher von Grün-Schwarz kann er jetzt neu an Profil gewinnen. Dass die CDU zur Juniorpartnerin geschrumpft ist, schmeckt ihm natürlich nicht. Aber wäre es andersherum gekommen, wäre Strobl jetzt nicht der starke Mann.

"Berlin ist seine Welt"

Zum Start der Koalitionsgespräche gibt er sich staatstragend. "Beide Seiten wollen für Baden-Württemberg das Maximum herausholen." Für das Land könne "das nur gut sein, Konkurrenz belebt das Geschäft".

Strobl weiß um die Widerstände in seiner Partei, aber er will die Verhandlungen schnell erfolgreich abschließen, vor dem 12. Mai, wenn der Landtag den Ministerpräsidenten wählen will. "Wir wollen auch unsere Parteibasis bestmöglich einbeziehen", sagt Strobl. "Ich warne aber davor, zu trödeln. Das kann sich keiner der Beteiligten leisten". Das klingt nicht danach, als strebe er einen echten Mitgliederentscheid an. Mit dem hat Strobl ja - siehe Spitzenkandidatur - auch persönlich schlechte Erfahrungen gemacht.

Klappt es mit den Grünen, steht die große Frage im Raum, ob es Strobl als Minister in ein Kretschmann-Kabinett zieht. Er brächte Expertise für den Job des Innenministers mit. Als Vizeregierungschef könnte er den starken Gegenspieler Kretschmanns geben - verbunden mit der Hoffnung, die CDU bei der nächsten Landtagswahl wieder an die Macht zu führen.

Strobl schweigt bislang zu seiner politischen Zukunft. "Meine Konzentration liegt ganz auf der Sache", sagt er. Immerhin spricht er voller Respekt über Kretschmann, den er seit Jahren kennt.

Im Familienclan von Wolfgang Schäuble

Noch kursieren kaum Namen für Ministerposten, was auch daran liegt, dass die CDU im Ländle nicht viel taugliches Personal vorzuweisen hat. Offen ist auch das Schicksal von Konkurrent Wolf. Er hat sich nicht, wie von vielen erwartet, zurückgezogen, sondern als Fraktionschef im Landtag bestätigen lassen. Womöglich beansprucht Wolf auch in Zukunft eine Schlüsselrolle, trotz anhaltender Rücktrittsforderungen aus der Partei.

Doch Strobl und Wolf verbindet wenig. Wäre für beide Platz im Grün-Schwarz-Experiment? Hätte Strobl genügend Rückhalt für einen Job in der Landesregierung? Und ist es tatsächlich denkbar, dass Strobl seinen Platz in Berlin aufgibt? "Berlin ist seine Welt", sagen politische Weggefährten. Sie sagen aber auch: Die Rufe an Strobl, ins Land zu gehen, nehmen zu.

Eigentlich wurde lange gemunkelt, Strobl würde nach seiner Niederlage 2014 wieder verstärkt auf eine Karriere in Berlin setzen. Doch da bieten sich auf absehbare Zeit kaum Aufstiegschancen. Seine Frau ist die älteste Tochter von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Zwei Kabinettsmitglieder aus demselben Familienclan - das wäre schwer vermittelbar.

In Stuttgart könnte er seiner Partei hingegen schon jetzt einen Dienst erweisen. Doch auch der Schritt ins Land ist nicht ohne Risiko. Unionsintern fürchten nicht wenige, Kretschmann könne die CDU als kleinen Koalitionspartner zermahlen, so wie es auch der SPD in der grün-roten Regierung ergangen ist. Selbst prominente Hilfe aus Berlin, heißt es, könnte im schlimmsten Fall daran wenig ändern.

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