Stefan Kuzmany

CDU unter Kramp-Karrenbauer Das endgültige Ende der Union (wie wir sie kennen)

Der Albtraum aller Breitbeiner: Mit der Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers ist die CDU unwiderruflich in der Gegenwart angekommen - obwohl AKK womöglich konservativer ist als Friedrich Merz und Jens Spahn zusammen.
Annegret Kramp-Karrenbauer

Annegret Kramp-Karrenbauer

Foto: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX

Na, schon in die CDU eingetreten? Nicht? Warum nicht? Haben Sie es etwa noch nicht gehört? Das ist jetzt eine demokratische Partei! Also nicht nur treu dem Grundgesetz, das war sie ja schon immer, sondern - jetzt neu! - so richtig super pluralistisch auch im Inneren. Konnte doch jeder sehen, der den spannenden Wahlkampf um den Vorsitz verfolgt hat, diesen Wettstreit dreier ganz außergewöhnlich fähiger Kandidaten. Allesamt hätten sie das Amt verdient, wie Ihnen jeder CDU-Funktionär sogar im Schlaf bestätigen kann. Aber toll: Wie da um Positionen gerungen wurde! Mit offenem Visier! Eine echte Richtungsentscheidung!

Das war es tatsächlich, was sich am vergangenen Freitag in Hamburg vollzogen hat: eine Richtungsentscheidung. Sie ist nun gefallen, nach hartem Ringen. Die CDU hat sich mit der knappen Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers unwiderruflich verändert. Oder sagen wir besser: mit der Nicht-Wahl von Friedrich Merz. Sie ist endgültig in der Gegenwart angekommen. Es wird kein Zurück mehr geben.

Die Hoffnung der Herrenreiter

Die Wiederkehr des Friedrich Merz war ein Lockruf der Vergangenheit. Sie wirkte auf die alten Herrenreiter nicht nur in der CDU, sondern im ganzen Land wie Viagra. Angela Merkel verabscheuen herkömmliche Breitbeiner nicht nur wegen ihrer Flüchtlingspolitik, sondern auch und gerade wegen ihres Politikstils. Ihre Zurückhaltung, ihre Verweigerung jeder Provokation, ihre Verweigerung auch, sich provozieren zu lassen, ist ihnen unerträglich. Am Freitag sollte endlich der Tag ihrer Rache kommen.

Für reaktionäre Autoritäre sind die gesellschaftlichen Verhältnisse vor Merkel ein fast schon verblasster Sehnsuchtsort: Als noch auf den Tisch gehauen werden durfte. Als ein Pakt noch ein Pakt war, der bei Bier und Schnaps geschlossen wurde. Als niemand dazwischenredete. Als Machtworte noch Angst einflößten und nicht Belustigung.

Sie schienen ihre große Zeit längst hinter sich gelassen zu haben, jetzt war die Chance da, noch einmal die Zukunft zu gestalten: nach den Spielregeln ihrer glorreichen Vergangenheit. Der ewige Schattenkanzler Wolfgang Schäuble zog die Strippen in der CDU, erst spät setzte er per "FAZ"-Interview öffentlich den vermeintlich entscheidenden Schlag. Die "Bild"-Zeitung trommelte derweil fleißig für Merz, mit dem es zwar vielleicht "die AfD nie gegeben" hätte, der aber mit einer "Agenda für die Fleißigen" winkte. Das "Handelsblatt" malte die CDU-Apokalypse an die Wand, sollte er nicht gewählt werden: "Merz oder Untergang". Dessen ehemaliger Chefredakteur podcastete und morningbriefte, als würde er dafür bezahlt: "Merz muss Kanzler werden." Roland Koch, die Jüngeren haben ihn lange vergessen, ließ einen Hauch von Andenpakt durch den SPIEGEL wehen.

Der Auto-Pate schläft nicht

Es half alles nichts. Hat nicht geklappt. Nach Annegret Kramp-Karrenbauers Sieg in Hamburg konnte man neben ihren jubelnden Anhängern in versteinerte Gesichter der Merz-Freunde blicken. Es war doch eigentlich alles klar gewesen, und jetzt das. Friedrich Merz fing sich schnell und zeigte sich als fairer und würdiger Verlierer. Manch anderem gelang das nicht.

Eine AKK-freundliche Parteitagsregie, so machte bald die Runde, habe Merz das Mikrofon leiser gedreht, sodass seine (tatsächlich überraschend schwache) Rede nicht kraftvoll wirken konnte. Kramp-Karrenbauer selbst habe sich für die Stichwahl vom JU-Chef Paul Ziemiak kontrollierte Stimmen besorgt - gegen das Versprechen, ihn zum Generalsekretär zu machen. Erste Enttäuschte sollen die Partei bereits verlassen haben.

Auch außerhalb der Parteitagshalle machte sich bei manchem nach dem Merz-Rausch ein unschöner Kater bemerkbar. Geschmackloser Höhepunkt der Selbstentblößung war ein Tweet von Franz W. Rother, von Beruf Chefredakteur des "Handelsblatt"-Ablegers "Edison". Auf Twitter firmiert er zudem als "Pate Handelsblatt Autogipfel" und, kleiner Scherz, sieht auch genauso aus. "Und wieder eine weiße, alte, hässliche Frau", twitterte Rother um 4.24 Uhr des frühen Samstagmorgen und komplettierte die Peinlichkeit nach Löschung seiner Entgleisung später mit einer Entschuldigung: Er habe einen Witz machen wollen. Und wünsche AKK "einen guten Start".

Das Ende der Illusion

Der Spuk ist vorbei. Und keine Sorge: Die CDU ist auch mit einer weiteren Frau an der Spitze noch eine konservative Partei. Sie war es übrigens auch in den vergangenen Jahren. Angela Merkel hat mit ihrer zurückhaltenden Koalitionspolitik, ihrem vernunftgeprägten außenpolitischen Auftreten und dem kurzen Sommer ihrer Flüchtlingsfreundlichkeit nur die Illusion politischer Fortschrittlichkeit geschaffen. Ihre Nachfolgerin wird sich an diesem riskanten Kunststück kaum versuchen wollen.

Annegret Kramp-Karrenbauer ist katholisch geprägt. Sie ist gegen die Aufhebung des §219a. Die Ehe für alle hält sie für ein Einfallstor für Forderungen nach der Heirat von Verwandten oder der Vielehe. Und sie will härter abschieben lassen als Horst Seehofer. AKK ist womöglich konservativer als Friedrich Merz und Jens Spahn zusammen.

Das mit dem Parteieintritt sollten Sie sich also gut überlegen.

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