Tilman Kuban Neuer JU-Chef kritisiert "Gleichschaltung" in der CDU

Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, greift in einem Interview die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel mit einem Begriff aus der NS-Zeit an. Nachträglich bezeichnete er die Wortwahl als "unpassend".

Der neue JU-Vorsitzende Tilman Kuban
Alexander Becher/ EPA-EFE/ REX

Der neue JU-Vorsitzende Tilman Kuban


Scharfe Worte des neuen Chefs der Jungen Union (JU), Tilman Kuban: "In den letzten Jahren haben sich viele in der CDU nicht mehr wohlgefühlt, weil wir bei unserer Ausrichtung eine Gleichschaltung erlebt haben", sagte Kuban der "Welt".

Mit dem Begriff "Gleichschaltung" wird gemeinhin die Unterdrückung der Meinungsvielfalt in der NS-Diktatur beschrieben.

Kuban sagte, vor allem in der Flüchtlingskrise habe die Parteibasis eine andere Politik gewollt. "2015 hat eine schweigende Mehrheit in der CDU den Kurs der Führung nicht mitgetragen. Eine Mitgliederbefragung hätte ein anderes Ergebnis als ein Parteitag gehabt."

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hätte damals "viel früher ein Stoppsignal setzen müssen", denn ihre Politik sei auch juristisch fragwürdig gewesen, sagte Kuban, der am vergangenen Wochenende an die Spitze der Nachwuchsorganisation von CDU und CSU gewählt worden war. "Die Rechtslage zur Grenzöffnung ist ja letztlich nie ausgeleuchtet worden."

"Wir brauchen wieder drei Flügel und Persönlichkeiten, die ihre Meinung sagen."

Nach der Veröffentlichung des Interviews äußerte sich Kuban auf seiner Facebook-Seite zu dem Begriff "Gleichschaltung". Die Wortwahl sei "unpassend" gewesen, schrieb er. "Ich stehe aber dazu, dass andere Meinungen nicht von oben tabuisiert werden dürfen."

Merkel sei kein Idol für ihn gewesen

Auch den von Merkel vorangetriebenen Atomausstieg bewertete der 31-jährige JU-Vorsitzende äußerst kritisch. "Der kurzfristige Atomausstieg war ein Fehler, weil er nicht in eine europäische Lösung eingebettet wurde", sagte er. Sichere deutsche Meiler seien abgeschaltet worden, weniger sichere ausländische Meiler hingegen weiter am Netz geblieben. "Nach Fukushima wurde eine emotionale Entscheidung getroffen, obwohl sich die Sicherheitslage in Deutschland nicht verändert hatte."

Über die Kanzlerin sagte Kuban: "Ich habe Respekt vor der Leistung Angela Merkels, aber sie war kein Idol von mir." Am Montag wird der 31-Jährige dem Bericht zufolge als JU-Vorsitzender zum ersten Mal an einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands teilnehmen und dort auch Merkel treffen.



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insgesamt 183 Beiträge
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egonv 23.03.2019
1.
Über den Atomausstieg kann man streiten. Besonders die Spontanität könnte man kritisieren. Jedoch ist die ständige Nörgelei über Merkels Flüchtlingspolitik nicht mehr zu ertragen. Es war eine humanitäre Krise. Merkel hat Deutschland, ja vielleicht ganz Europa, davor bewahrt sämtliche Moral über Bord zu werfen. Das ist es was eine Führungsperson manchmal tun muss, auch gegen alle anderen Stimmen. Wenn ich die ganzen Kritikern von Merkels Flüchtlingspolitik höre, tauchen Bilder in meinem Kopf auf, wie Millionen Menschen verhungern, sie Soldaten an den Grenzen auf Mütter mit Kindern schießen, wie Europa mit seiner Kaltherzigkeit am Pranger der Welt steht. Dank Merkel blieb uns und den anderen Menschen das zumindest in dem Ausmaß erspart.
Taraviva 23.03.2019
2.
Zum hundertsten Mal, Merkel hat keine Grenze geöffnet!!! Das wird auch durch x- te Wiederholung in den Medien nicht wahr. Die Grenze war immer offen und sie ist es auch jetzt noch. Es stimmt auch nicht, dass die Rechtslage nie ausgeleuchtet wurde. Schon allein, weil sie nicht dunkel ist. Herr Kuban hat nur keine Lust, sich mit den Untiefen des Dublin III - Abkommens auseinanderzusetzen, weil platte Begriffe wie "Grenzöffnung" und im übrigen auch "Gleichschaltung" für den populistischen Diskurs immer besser sind.
prof.unrat 23.03.2019
3. schlimme Entwicklung
Ich hatte mir die Parteitagsauftritte der JU auf Phoenix angeschaut. Da krakelen junge Männer herum, die in ihrem Leben noch nie etwas substantielles geleistet haben und faseln da etwas von Härte, starkem Staat (aber bitte nur im polizeilichem Sinne , nicht im ökonomischen) , unterstellen nun auch Gleichschaltung, vielleicht auch gleichgeschalteten Medien. Gesellschaftliche Toleranz, sozial gerechte Daseinsfürsorge, vernünftige Infrastruktur auch für abgehängte Regionen, Nachhaltigkeit (was passiert mit den radioaktiven Abfällen, mit denen sich alle nachfolgenden Generationen rumschlagen müssen ?) all das ist unwichtig. Der geistige Horizont dieser CDU Nachwuchskräfte ist echt bedenklich.
mr_stagger_lee 23.03.2019
4. Begrifflichkeit
Von Gleichschaltung zu sprechen wenn es um politische Organe geht (nicht um Elektrizität) ist schon starker Tobak und historisch schwer belastet. Ich hoffe einige in der CDU vermissen nicht einfach nur den Mumm in den Knochen.
Pela1961 23.03.2019
5. Im Grunde ist das gut so.
Die letzten Personalentscheidungen der CDU zeigen eindeutig, wo der Dampfer in dieser angeblich "christlichen" Partei hingeht - zurück in die Vergangenheit. Weg mit dem sozialen Touch, den es in den letzten Jahren gab, Umweltschutz wird überbewertet, Menschlichkeit ist eh Blödsinn. Alles für die Wirtschaft, nichts für Arbeitnehmer. Okay - dann weiß man als Wähler wenigstens Bescheid. Und die SPD wird sich wohl endgültig von dem Gedanken an eine Groko verabschieden. Obwohl man das bei den Wendehälsen niemals so ganz genau weiß.
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