Neue CDU-Führungsriege Merkel und die fünf Fragezeichen

Merkel und sonst nichts. Das ist die Wahlkampfstrategie der CDU, die ihre Chefin mit einem Rekordergebnis von fast 98 Prozent wiederwählt. Doch die Konzentration auf die Kanzlerin offenbart ein Problem - wer wird einmal Nachfolger der alles überragenden Vorsitzenden?
Neue CDU-Führungsriege: Merkel und die fünf Fragezeichen

Neue CDU-Führungsriege: Merkel und die fünf Fragezeichen

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Berlin - Die Funktionäre aus Nordrhein-Westfalen schauen genau auf die Uhr. "Hamwa's?", fragt einer seinen Nachbarn, während er sich die Hände heiß klatscht. "Jo, Leipzig hamwa jetzt", ruft der zurück. Dann applaudieren sie noch kräftiger. Erst nach sieben Minuten und 45 Sekunden hören sie auf. Mission erfüllt: Die Delegierten haben ihre Parteivorsitzende nach ihrer Rede beim Bundesparteitag in Hannover lang genug gefeiert. Deutlich länger als beim gleichen Anlass vor einem Jahr.

Die CDU setzt alles auf Angela Merkel. Das ist die Botschaft, die von Hannover für das Wahlkampfjahr 2013 ausgehen soll. Warum auch nicht? Die Kanzlerin ist beliebt wie nie im Volk, die Menschen vertrauen ihr als unaufgeregte Krisenmanagerin. Mehr staatstragend als kämpferisch präsentiert sich die CDU-Chefin auch bei ihrem Auftritt in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Nur ein paar kleine Attacken gegen die SPD und Rot-Grün setzt sie in ihrer Rede - der Rest ist Eigenlob für die "erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung". Die anschließende Aussprache findet weitgehend vor leerem Saal statt - das Mittagessen ruft.

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CDU-Parteitag: Eigenlob von der Chefin

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Merkel, die Unangefochtene, Merkel, die Überragende: Mit mehr als 97 Prozent wählen die rund tausend Delegierten Merkel am Nachmittag erneut zur CDU-Chefin. Ein fulminantes Ergebnis, und ein Rekord: So hat Merkel noch nie triumphiert. Vor zwei Jahren bekam sie 90,4 Prozent. Die Parteivorsitzende ist glücklich und zufrieden, mit sich und mit dem Zuspruch ihrer Partei. "Wer mich kennt, der weiß: Ich bin platt und bewegt", sagt Merkel und gibt die Losung für den Wahlkampf vor: "Ran an den Speck, wir haben viel vor."

Der Jubel über die große Geschlossenheit ist groß. Doch die Selbstgewissheit und die Konzentration auf die alles überragende Kanzlerin birgt Gefahren. Sie verstellt den Blick auf die Zukunft. Die Frage steht zwar nicht unmittelbar an, doch irgendwann wird sie beantwortet werden müssen. Wer folgt auf Merkel? Die meisten ihrer internen Rivalen haben sich verabschiedet, mehr oder weniger freiwillig. Unter den Unionsministerpräsidenten drängt sich niemand wirklich auf, der letzte Hoffnungsträger David McAllister muss in Niedersachsen den Machtverlust fürchten. Aus dem Bundeskabinett wird gelegentlich noch Verteidigungsminister Thomas de Maizière als Kanzler der Reserve gehandelt.

Nun wird der engste Führungszirkel der CDU aufgestockt und aufgefrischt. Aber ist jemand darunter, an den Merkel auf lange Sicht den Führungsstab übergeben könnte? Zumindest bleiben bei allen Fragezeichen:

Die Ambitionierte - Ursula von der Leyen

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Mit nur 69 Prozent wird Ursula von der Leyen, 54, zur stellvertretenden CDU-Vorsitzenden wiedergewählt. Das ist ein arg enttäuschendes Ergebnis für die Bundesarbeitsministerin, vor zwei Jahren bekam sie noch rund 85 Prozent Zuspruch. Die Ohrfeige zeigt deutlich, dass von der Leyen nicht von allen in der Partei geliebt wird. Dem konservativen Flügel ist sie suspekt, seit sie den Krippenausbau vorangetrieben und die Familienpolitik der Union umgekrempelt hat. Die Wirtschaftsfreunde vergrault sie mit ihrem Einsatz für Frauenquote und Mindestlohn. Mit ihrem Vorstoß zur Zuschussrente hat sie zuletzt sogar die Kanzlerin verärgert. Doch von der Leyen ist ehrgeizig, schon lange werden ihr Ambitionen auch auf das Kanzleramt nachgesagt. Auch die nötige Zähigkeit und Durchsetzungskraft hat sie, mancher in der CDU sagt gar, sie sei "härter als die Kanzlerin". Und die musste sich auch durchbeißen und wurde von den alten Männern der Union nur als Übergangslösung an der Parteispitze belächelt.

Prognose: Trotz des schwachen Ergebnisses: Von der Leyen bleibt vorerst Anwärterin Nummer eins auf die Merkel-Nachfolge - wenn sie selber will. Wichtiger denn je scheint nun allerdings, ob die Partei sie wollen würde.

Die Bodenständige - Julia Klöckner

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Der bislang geltende Regionalproporz sah eigentlich keinen Posten für die Rheinland-Pfalz-CDU vor. Nun holt die einstige Weinkönigin Julia Klöckner, heute Landes- und Fraktionschefin, das mit Abstand beste Ergebnis der neuen Vize-Riege: 92,9 Prozent. Ein Zeichen dafür, wie beliebt Klöckner in der Partei ist, weil sie es schafft, modern zu wirken und zugleich die konservativen Werte der CDU hochzuhalten. Sie gehört mit bald 40 Jahren zur jungen CDU-Generation, ist dynamisch, stets gut gelaunt, bodenständig - und zugleich machtbewusst. Sie hat einen zerstrittenen Landesverband befriedet und ist bei der letzten Wahl Dauer-Ministerpräsident Kurt Beck bedrohlich nah gekommen. Später hat sie den Druck hochgehalten, so sehr, dass mancher Parteifreund und Beobachter ihr schon vorwarf zu überdrehen.

Prognose: Klöckner könnte eine große Zukunft in der CDU vor sich haben. Allerdings wird ihr Angriff auf die Staatskanzlei in Mainz nicht einfacher, seit Beck angekündigt hat, das Zepter an Malu Dreyer zu übergeben. Klöckner wird ihr Temperament nun zügeln müssen.

Das Auslaufmodell: Volker Bouffier

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, 60, wirkt neben den Powerfrauen von der Leyen und Klöckner wie ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen CDU-Zeit. Bouffier verkörpert im engsten Führungszirkel das Konservative - die Zukunft ist er nicht. Doch für die Ausgewogenheit ist wohl auch ein Bouffier im Kreis der Merkel-Stellvertreter noch vonnöten. Die Delegierten auf dem Parteitag in Hannover schenken ihm 83,4 Prozent der Stimmen. Es ist das zweitbeste Ergebnis hinter Klöckner und liegt fast auf dem Niveau von 2010.

Prognose: Trotz des guten Abschneidens in Hannover - Bouffier spielt mittelfristig in der CDU keine gewichtige Rolle mehr.

Die Trümmermänner: Armin Laschet und Thomas Strobl

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Die Chefs der beiden stärksten CDU-Landesverbände werden mit einer Doppelbeförderung belohnt: Der NRW-Vorsitzende Armin Laschet, 51 (oben), und sein baden-württembergisches Pendant Thomas Strobl, 52, (unten) rücken in Merkels Stellvertreterriege auf. Ein Schritt, der beiden noch vor kurzem kaum prophezeit worden wäre. Denn Laschet und Strobl sorgen als Vizes zwar für den richtigen Regionalproporz, gelten aber in der Bundespartei nicht als charismatische Führungspersonen. In Hannover bekommen sie für ihre Bewerbungsreden mäßigen Applaus. Ihre Wahlergebnisse sind aus ihrer Sicht ordentlich, aber nicht herausragend: Knapp 67 Prozent für Laschet, 68 für Strobl.

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Sowohl der Aufstieg von Laschet als auch der von Strobl stützt sich auf die Niederlage ihrer Vorgänger in den Bundesländern. Laschet übernahm den NRW-Vorsitz vom gefallenen CDU-Star Norbert Röttgen. Strobl diente der Südwest-CDU als Generalsekretär, bevor er nach Filzaffären und Intrigen Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus beerbte.

Prognose: Laschet und Strobl dürften sich in absehbarer Zeit kaum zu bundespolitischen Schwergewichten mausern, sondern müssen daheim erst einmal Aufbauarbeit leisten: Ihre Landesverbände liegen in Trümmern, im Südwesten verlor die CDU nach einem halben Jahrhundert die Macht, in Nordrhein-Westfalen kassierte die Partei zwei Wahlschlappen hintereinander.

Mitarbeit: Merlind Theile