Kramp-Karrenbauer und Merz beim CDU-Parteitag Sie kämpft, er lauert

Annegret Kramp-Karrenbauer fordert das Vertrauen der CDU ein, die Parteifreunde haben sie eindrucksvoll bestätigt. Auch Friedrich Merz gibt sich loyal - hält die eigentliche Führungsfrage aber weiter offen.

Clemens Bilan/ EPA-EFE/ REX; Odd Andersen/ AFP

Aus Leipzig berichtet


Am Ende ist es ein Déjà-vu: Annegret Kramp-Karrenbauer steht in der Mitte der großen Parteitagsbühne, Tränen in den Augen, die Delegierten applaudieren stehend, minutenlang.

So war das im vergangenen Dezember in Hamburg, Kramp-Karrenbauer hatte sich gerade in der Stichwahl um den CDU-Vorsitz knapp gegen Friedrich Merz durchgesetzt. Und so ist es an diesem frühen Freitagnachmittag in der Leipziger Messehalle 2. Die Vorsitzende, nicht einmal ein Jahr im Amt, hat den Delegierten die Vertrauensfrage gestellt - und im Saal sind die meisten sofort aufgesprungen. Sieben Minuten dauern die Standing Ovations.

Wenn sie nicht bereit seien, ihren Kurs mitzugehen, dann sollten sie dies beim Parteitag entscheiden, hat Kramp-Karrenbauer den Parteifreunden zuvor zugerufen. "Dann lasst es uns heute aussprechen. Dann lasst es uns heute auch beenden. Hier und jetzt und heute." Anderthalb Stunden hat die Vorsitzende da schon geredet, völlig überraschend kommt diese Ansage.

Die Antwort ist umso klarer. "Der Applaus zeigt: Heute wird nicht Schluss gemacht", sagt Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer, der in diesem Moment das Tagungspräsidium leitet, nachdem sich der Saal wieder beruhigt hat. "Heute geht es erst richtig los."

Kramp-Karrenbauer darf nach der Reaktion der Delegierten das Gefühl haben, dass die Partei hinter ihr steht. Dass die CDU trotz allen Streits und aller Misserfolge, die auch auf Fehler der Chefin zurückzuführen sind, mit ihr weitermachen will. Vorerst. Denn ob Kramp-Karrenbauer die starke Figur ist und sein kann, die ihre Partei jetzt braucht, ist weiter offen. Erst recht die Frage der Kanzlerkandidatur.

Merz gibt sich loyal - und kontert dennoch

Das zeigt sich spätestens, als Friedrich Merz in der Aussprache zur Rede der Vorsitzenden ans Pult tritt. Anders als in Hamburg - damals enttäuschte Merz mit einer weitschweifigen und unkonzentrierten Rede - hält er sich in Leipzig kurz. Merz stützt Kramp-Karrenbauer demonstrativ, lobt ihre Rede. Aber jeder im Saal merkt, dass da einer steht, der noch etwas will.

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Tatsächlich ist für die CDU nichts geklärt an diesem Freitagnachmittag in Leipzig: Kramp-Karrenbauer macht weiter als gefühlt wiedergewählte Vorsitzende, Merz als erster Anwärter auf die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien.

Und auch das Profil der beiden ist nur noch schärfer geworden. Auf der einen Seite ist da die Sachpolitikerin an der Parteispitze. Kramp-Karrenbauer hat ungefähr jedes Ressort im Saarland verantwortet und war jahrelang Ministerpräsidentin, bevor sie zunächst als CDU-Generalsekretärin in die Bundespolitik wechselte, inzwischen ist sie Verteidigungsministerin. Das spiegelt ihre Rede wider, ungefähr jedes Thema arbeitet sie darin ab.

Auf der anderen Seite ist da der Projektionspolitiker Merz. Der frühere Unionsfraktionschef steht für einfache Antworten und klare Ansagen. Für die gute alte CDU. Was Merz genau und was er anders machen will, weiß man auch nach dieser Rede nicht.

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CDU-Parteitag: Kramp-Karrenbauer trumpft auf - vorerst

Kramp-Karrenbauers Rede ist ein Plädoyer für den Wert des Kompromisses in der Politik. Maß und Mitte - das sind ihre Leitplanken. "Das hat nichts mit Weicheiern zu tun", sagt die Vorsitzende. Aber weil sie so lange und detailliert spricht, birgt das oft wenig inhaltliche Spannung. Das ist ihr Verständnis von programmatischer Arbeit, die im Kern dieses Parteitags stehen soll. "Wir lassen uns nicht in den Ruin hineinschreiben", sagt Kramp-Karrenbauer, stattdessen müsse die CDU Antworten auf konkrete Probleme liefern. In der Klimapolitik habe die Partei bereits eine große Lücke geschlossen, findet sie, in anderen Bereichen müsse sie nachziehen.

Kämpferisch und mitreißend ist das selten, dafür ist Kramp-Karrenbauers Finale dann umso dramatischer. Eine Vorsitzendenwahl stand auf dem Parteitag nicht an - nun darf sie sich über diesen ungewöhnlichen Weg bestätigt fühlen. Ohne Abstimmung.

Merz hat schon vor diesem Parteitag angekündigt, dass er die Machtprobe in Leipzig nicht suchen werde. Der Vorsitz interessiert ihn ohnehin nur instrumentell, schon die Kandidatur in Hamburg zielte auf das Kanzleramt. Entsprechend zahm tritt er nun am Rednerpult auf. Dennoch erntet Merz immer wieder rauschenden Beifall. Beispielsweise mit Sätzen wie: "Furcht oder Freiheit ist die Frage, vor der wir stehen." Grünen Untergangsszenarien müsse die CDU Optimismus entgegenstellen, verlangt er.

Vom Leipziger Parteitag müsse die Botschaft ausgehen, dass die Christdemokraten ihre Verantwortung für Deutschland in den nächsten Jahren so wahrnehmen wollten wie in den vergangenen Jahrzehnten, sagt Merz. "Dafür möchte ich zusammen mit Ihnen kämpfen."

Die Machtfrage muss noch geklärt werden

Allerdings muss Merz sich die Frage stellen, ob er diesem Anspruch bislang gerecht geworden ist. Viele in der CDU waren enttäuscht darüber, dass sich Merz nach seiner Niederlage in Hamburg selbst abseits stellte und für die Führungsgremien nicht zur Verfügung stand. Vizepräsident des CDU-Wirtschaftsrats - das ist ein bisschen wenig für einen, der so viel will. Und in den vergangenen Wochen wunderten sich sogar Unterstützer über seine ständigen Sticheleien gegen die Bundesregierung und die Parteiführung.

Nun spricht er am Rednerpult über Loyalität als Wert der CDU. Es gehe nicht um ihn "oder gar irgendwelche niederen Motive, die mir unterstellt werden".

Für Merz könnte es in den kommenden Monaten eine ziemliche Herausforderung werden, diesen Verdacht dauerhaft auszuräumen. Kramp-Karrenbauer wiederum weiß, dass sie ihn so schnell nicht loswerden wird. "Nein, nicht dieser Parteitag wird die endgültigen Entscheidungen bringen", betont Merz nämlich auch. "Wir sind am Anfang dieses Prozesses und ganz gewiss nicht am Ende."

Die Feststellung von Ministerpräsident Kretschmer stimmt also in jedem Fall: Nun geht es erst richtig los.



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insgesamt 123 Beiträge
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krapfen70 22.11.2019
1. Taktisch sehr klug von Merz...
Friedrich Merz hat sich sehr klug verhalten, er musste heute gar nicht in die Offensive gehen. Merz weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Eine CDU unter AKK kann und wird keine Wahlen gewinnen.
derfriemel 22.11.2019
2. Einfach cool bleiben
Ganz cool bleiben und die Dame reden lassen. Sie redet sich schneller um Kopf und Kragen, als mal Hick sagen kann. Nicht war, Herr Merz?
lothar.thuermer 22.11.2019
3. Wettbewerb
belebt das Geschäft. Auch das politische. AKK spürt den Atem ihrer innerparteilichen Konkurrenten im Nacken. Das wird sie zu permanenten Höchstleistungen inspirieren. Gut so!
pombaer 22.11.2019
4. Cdu
der Parteitag der CDU ist völlig für die Katz. Er hätte nach dem SPD-Verbleib-Entscheid über die Koalition stattfinden müssen. Nach einem Ausstieg der SPD hätte man dann gleich einen Kanzlerkandidaten ausrufen können. Die wenigsten Prozente hätte meiner Meinung nach Neuwahlen die CDU mit AKK, die meisten Prozente mit Herrn Maaßen als Kandidat.
angelobonn 22.11.2019
5. Der Mut fehlt!
Schade, die CDU hätte sich heute mutig für eine positive Zukunft entscheiden können. Merkel lähmt das Land, AKK steht für ein "Weiter-so" und nicht für eine dringend notwendige Korrektur der vielen gravierenden Fehler Merkels. Merz wäre genau der Bundeskanzler, den das Land jetzt braucht. Der sich entschieden gegen die laute Links-Grüne Minderheit stellt, die der hart arbeitenden Bevölkerung überall das Leben schwer macht.
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