CDU-Parteitag Der König ist tot, es lebe die Königin

Das war fast ein DDR-Ergebnis: Mit über 95 Prozent der Stimmen wählten die Delegierten des CDU-Parteitages Angela Merkel zu ihrer neuen Vorsitzenden. "Wir sind wieder da", rief sie in ihrer Grundsatzrede und brachte die letzten Zweifler in der Partei auf ihre Seite.

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Essen - Der Applaus wollte einfach nicht aufhören. Stehend und bravo rufend zeigten die Delegierten ihren Überschwang. Immer wieder musste Angela Merkel aufstehen - sechs oder sieben Mal. Auf diesen Augenblick am späten Nachmittag hatte die Grugahalle den ganzen Tag gewartet, denn dieser Augeblick bedeutete für alle: "Der Aufbruch ist da."

Vor der Rede Merkels war stundenlang fast nichts passiert. Antrag auf Antrag, Unterpunkt um Unterpunkt wurden abgehakt - mal mehr mal weniger engagiert.

Mit voller Zuversicht auf dem Parteitag: Angela Merkel
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Mit voller Zuversicht auf dem Parteitag: Angela Merkel

Als Angela Merkel ans Mikrofon tritt, tosender Applaus. Sie gibt sich tough, doch wirkt sie anfangs nervös. Bei den Delegierten endlich wieder gespannte Aufmerksamkeit - über den Tag hat sich in der Grugahalle in Essen langsam die Müdigkeit eingeschlichen. Doch jetzt will die Partei ihre neue Vorsitzende feiern.

Sie beginnt bei den Erfolgen der CDU, schwenkt über zum Dank an ihren Vorgänger Wolfgang Schäuble. Damit ist das Thema Parteispendenskandal und seine Folgen eröffnet. Es sei an der Zeit, dass die Partei die Krise als Chance begreife. Die CDUler hängen an ihren Lippen. "Es geht wieder zur Sache", beschwört sie die Delegierten. Beifall und die ersten Bravo-Rufe schon dafür. "Wir sind wieder da!" Und genau das ist es, was alle hören wollen. Sie rührt an die Emotionen im Saal, bemüht für das Selbstvertrauen die Verdienste der letzten Jahrzehnte: "Wir sind die Gewinner der Geschichte, unsere Bilanz der letzten 50 Jahre stimmt."

Dann erwähnt sie doch noch Helmut Kohl, gratuliert ihm herzlich nachträglich zum Geburtstag. Versöhnlich ruft sie ihm, der zum ersten Mal seit 1951 nicht an einem CDU-Parteitag teilnimmt, zu: "Ihr Wert, Helmut Kohl, bleibt historisch überragend." Doch sie lässt nicht daran rütteln, dass der Aufklärungskurs der einzig richtige Weg aus der Krise ist. Dafür gibt es langen, heftigen Applaus. Das gibt ihr Sicherheit. Die leichte Scheu der ersten Minuten ist verschwunden. Angela Merkel und ihr Publikum pushen sich gegenseitig hoch.

Die Rede ist geschickt, birgt aber wenig Neues. Es geht viel um Werte und ein breites Spektrum an Themen. Angela Merkel präsentiert sich konservativer als viele erwartet hatten. Die Positionen sind die alten: Für Atomkraft, gegen Abtreibung, für Rüstungsexporte. Dennoch ist sie mitreißend, weil Angela Merkel es versteht, Gefühl und Logik, kleine Pointen und heftige Angriffe auf die Regierungsparteien zu mischen. Sie spricht Herz und Verstand an, redet über Erfolge der CDU, ihre Erfahrungen als gebürtige DDR-Bürgerin und ihre Dankbarkeit gegenüber der Partei für die Wende.

Die letzten Zweifler sind überzeugt, und spätestens in dem Moment ist klar, sie wird bei der Abstimmung ein großartiges Ergebnis erzielen. Und mit mehr als 95 Prozent der Stimmen überrundet sie schließlich sogar noch ihren Vorgänger Wolfgang Schäuble. Der hatte bei seiner Wahl 1998 runde 93 Prozent Zustimmung.

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