Heimlicher Star beim CDU-Parteitag Der Söder-Köder

Ob Annegret Kramp-Karrenbauer Kanzlerkandidatin der Union wird, ist auch nach dem Parteitag der CDU ungewiss. Während die Führungsebene noch mit sich selbst beschäftigt ist, präsentiert sich der zweifelnden Basis eine mögliche Alternative.

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Aus Leipzig berichtet


Markus Söder ist nicht Barack Obama, das würde nicht einmal der von ausreichendem Selbstbewusstsein erfüllte bayerische Ministerpräsident von sich behaupten. Aber so wie der CSU-Vorsitzende von den Christdemokraten auf ihrem Parteitag in Leipzig behandelt wird - da könnte Söder vielleicht doch nochmal ins Zweifeln kommen.

Er kann an diesem Tag die Messehalle 1 nicht einmal verlassen, ohne dass der Parteitag seine Beratungen unterbricht. Der schleswig-holsteinische Regierungschef Daniel Günther, in diesem Moment Tagungspräsident, ruft ihm hinterher: "War ein cooler Auftritt", nochmal gibt es lauten Beifall. Als Söder während der Antragsdebatte die Halle betrat, wurden wummernde Beats aufgelegt, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer holte ihn am Eingang ab, die Delegierten waren schon da aus dem Häuschen.

Yes, he can.

Söder kann begeisternd reden. Eine Gabe, die in den vergangenen anderthalb Tagen niemand auf dem CDU-Parteitag ausdauernd unter Beweis gestellt hat. Er macht hier mal ein Späßchen über die Grünen, da über die SPD, nicht einmal Kanzlerin Angela Merkel ist an diesem Tag vor ihm als Spottobjekt sicher.

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Merkel auf dem Parteitag: Halb ist sie da, halb ist sie weg

Söder darf sich so unangefochten fühlen, dass Söder auch die schwere Krise zwischen CDU und CSU aus dem Frühsommer 2018, zu der er maßgeblich beigetragen hat, selbstkritisch benennt. Und Söder kann derzeit ziemlich frei von der Leber weg reden. Auch dieses Können fehlt aktuell dem CDU-Führungspersonal.

Nach Kramp-Karrenbauers Vertrauensfrage war die Sache klar

Die meisten der rund 1000 Delegierten in Leipzig hatten sich für diesen Parteitag, den 32. der CDU, offenbar vor allem eines gewünscht: bloß keine weitere Unruhe. Wie sich führende oder sich als wichtig erachtende Christdemokraten in den Wochen vor dem Parteitag fetzten, darüber war man in der CDU irgendwann selbst erschrocken. Und spätestens nach der Reaktion der Delegierten auf die Vertrauensfrage, die Parteichefin Kramp-Karrenbauer am Freitagmittag zum Ende ihrer Rede überraschend stellte, war die Sache klar. Die CDU will fürs erste Frieden.

Friedrich Merz, der die Union gern als Kanzlerkandidat in die nächste Bundestagswahl führen will, ordnete sich - fürs erste - mit seinem Beitrag in der Aussprache nach der Rede der Vorsitzenden ebenso brav unter wie die anderen, die vor dem Parteitag Unruhe gestiftet hatten. Einer von ihnen war Tilman Kuban, Chef der Nachwuchsorganisation Junge Union (JU): "Annegret, Du hast auch Fehler gemacht. Jeder macht Fehler. Auch ich habe Fehler gemacht. Dabei sind Fehler menschlich", sagte er am Rednerpult. "Lasst uns heute den Neustart wagen."

Ein möglicher Aufstand gegen die Parteichefin? Davon wollte plötzlich niemand mehr etwas wissen. Stattdessen Rücksichtnahme und Vorsicht. Alles unter den Augen von Kanzlerin Merkel, die zum ersten Mal seit 20 Jahren nicht als Vorsitzende in einen Parteitag ging, ihm aber bis zum traditionellen Ende mit dem Absingen der Nationalhymne am Samstagnachmittag beiwohnte.

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CDU-Parteitag: Kramp-Karrenbauer trumpft auf - vorerst

So wurde es am Ende wirklich der "Arbeitsparteitag", den sich Kramp-Karrenbauer im Vorfeld gewünscht hatte. Bis in den späten Abend hielten die Delegierten am Freitag aus, um über Sachfragen zu diskutieren. Erst um halb zehn wagte schließlich eine Christdemokratin, einen Geschäftsordnungsantrag auf Ende der Debatte zu stellen - gegen das ausdrückliche Votum der Vorsitzenden stimmten die hungrigen und ermatteten Delegierten mit großer Mehrheit dafür. So viel zum Aufrührergeist des Parteitags.

Kontroversen wurden abgeräumt - alles um des lieben Friedens willen

Und immer da, wo echte Kontroversen drohten, einigte sich der Parteitag entweder auf Kompromisse, verwies die Anträge in Kommissionen oder stimmte mit großer Entschiedenheit für die Linie der Führung: Anstatt eines Ausschlusses des chinesischen Unternehmens Huawei vom Ausbau des 5G-Netzes einigte man sich auf eine grundsätzlich schärfere Prüfung, der Quotenantrag der Frauen Union wanderte ohne jegliche Debatte in die neue Satzungskommission, die Forderung der JU nach einer Urwahl zur nächsten Kanzlerkandidatur wurde mit knapp 80 Prozent der Delegiertenstimmen abgelehnt. Alles des lieben Friedens willen.

Nein, die CDU ist noch lange nicht sozialdemokratisiert, wie in den vergangenen Wochen mitunter behauptet wurde: Wenn es darauf ankommt, herrscht bei den Christdemokraten Disziplin und kein Chaos.

Nur bleiben entscheidende inhaltliche, strukturelle und personelle Fragen damit eben ungeklärt. Der Umgang mit China, das Frauendefizit der CDU - und die Annegret-Kramp-Karrenbauer-Friedrich-Merz-Jens-Spahn-Armin-Laschet-Frage. Die Vorsitzende hat sich indirekt in ihrer Funktion bestätigen lassen, nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn sich Kramp-Karrenbauer dadurch gestärkt fühlt: Alles weitere ist genauso offen wie vor dem Parteitag. Wenn tatsächlich erst in einem Jahr über die Unions-Kanzlerkandidatur entschieden wird, sind weiterhin alle im Rennen.

Kramp-Karrenbauer und Söder in Leipzig
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Kramp-Karrenbauer und Söder in Leipzig

Und dann ist da noch Markus Söder. Rücksichtnahme und Vorsicht? Warum sollte er. Na gut, dass er nach seiner Rede nicht spontan den Anspruch auf die nächste Kanzlerkandidatur erklärt, könnte ihm so ausgelegt werden. Aber Söder will das ja, nach allem was man weiß, gar nicht. Auch deshalb kann er so frei reden.

"Lasst uns nicht so kleinmütig sein", ruft er den Delegierten am Ende seiner Rede zu. Groß denken, groß handeln. Also ziemlich das Gegenteil von dem, was die CDU gerade vermag.

Im Gegensatz zu Merz steht Söder loyal zur CDU-Chefin

Zwei CSU-Politiker haben sich bislang am Sprung ins Kanzleramt versucht, mit Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber scheiterten die wohl bedeutendsten Vorgänger Söders. Er ist gerade einmal anderthalb Jahre Ministerpräsident in Bayern, Parteichef ein paar Monate länger. Und Söder hat im Freistaat noch eine Menge vor, wo er genauso unangefochten ist wie in seiner Partei.

Im Video: Einschätzungen des SPIEGEL-Redakteurs Ralf Neukirch

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Nein, Markus Söder ist kein neuer Merz. Ihm ist abzunehmen, dass er hochloyal gegenüber Kramp-Karrenbauer ist, dass er sie nicht beschädigen will. Söder liegt etwas am wiedererlangten guten Verhältnis der Schwesterparteien, er braucht dafür eine CDU-Chefin auf Augenhöhe und mit Autorität.

Aber wenn Söder Debatten darüber vermeiden will, ob er nicht der natürliche Unions-Kanzlerkandidat ist, sollte der CSU-Chef Auftritte wie in Leipzig vielleicht in Zukunft doch eher vermeiden.

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
bmwkatze 23.11.2019
1. Söder: "Parteichef
ein paar Monate länger" als Ministerpräsident. Stimmt nicht, MP ist er seit März 18, PV seit Jan 19.
neutron76 23.11.2019
2. Ein netter Artikel
Gerade vom Spiegel, der Söder zerredet hat, wo es ging. Nach der Bayernwahl hat der Spiegel die CSU im Abgrund gesehen. Jetzt hat man wohl auch in Hamburg erkannt, dass trotz Koalition in München trotzdem noch die CSU regiert.
egonv 23.11.2019
3.
AKK bleibt angeschlagen. Sie könnte sich als CDU-Chefin über die Knazlerfrage hinweg retten, wenn sie selbst - und ich denke, dass ist glasklar - nicht als Kandidatin benennt. Sie könnte alle echten Rivalen in der CDU abhalten, indem sie Söder als Kanzlerkandidaten vorschlägt. Unter Söder könnten Merz und Spahn ohne Kränkung Minister werden. Söder ist, anders als Merz, eine Koalitionsbildung mit den Grünen zuzutrauen. Ich denke, Söder ist die optimale Lösung für alle in der Union.
claus7447 23.11.2019
4. Im letzten Satz liegt viel Wahrheit
.... die CSU braucht die CDU wie umgekehrt. Denn es sind harte Zeiten angebrochen. Rechts nagt die AfD, am linken Flügel wird Frau Merkel vermisst. Von innen nagen still und leise die Werteunion und nicht zuletzt FM, denn wer glaubt er gibt klein bei.... Und dann kommt noch das gerontologische Problem. Die Stammwähler sterben weg. Aber wie neue, junge hinzugewinnen? Dazu bräuchte man eine Vision! Nur wo ist die? Wir Deutschen sind vermutlich zu träge eine neue Richtung a la Frankreich zu wählen, wobei, es scheinen dort Sterne schneller zu verblassen als man glaubte. Aber soll man Europa den rechten Populisten überlassen? Aufgepasst CDU, SPD wo bleiben Europa Ideen. Wo bleiben Vorschläge zukünftige Altersarmut einzudämmen, was passiert mit der Arm-Reich Schere? Mit dem jetzigen Programm bleiben alle Fragen unbeantwortet!
Grummelchen321 23.11.2019
5. Oh
Gott.Bevor der was im bund zu sagen hat wünsche ich mir schnelstmöglich Söderchens Mondfahrt.
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