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25. Februar 2011, 17:25 Uhr

CDU-Politiker Vogel zur Plagiatsaffäre

"Guttenbergs Erklärung ist für mich schwer nachvollziehbar"

Bernhard Vogel kennt Verteidigungsminister Guttenberg schon lange, deshalb geht dem Unionsveteran die Plagiatsaffäre besonders zu Herzen. Im Interview sucht der Ex-Ministerpräsident nach Erklärungen - und sagt, warum ein Rücktritt für Guttenberg einfacher gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Herr Vogel, ihre Partei und die Bundeskanzlerin halten trotz der Plagiatsaffäre zu Verteidigungsminister Guttenberg. Ist das mit dem Wertekodex der Christdemokraten vereinbar?

Vogel: Natürlich stehen wir für bestimmte Werte, haben bestimmte Moralvorstellungen. Aber die Union steht auch für gelebte Wirklichkeit - und deshalb halte ich es für richtig, dass die Bundeskanzlerin so entschieden hat. Denn bei allem Ärger über die verpatzte Promotion darf nicht die bisherige Lebensleistung von Guttenberg in Frage gestellt werden. Und das sage ich, obwohl ihm nicht ganz ungewichtige Fehler unterlaufen sind.

SPIEGEL ONLINE: Also verstehen Sie auch die Argumentation der Kanzlerin: hier der Minister, dort der Mann mit der plagiierten Doktorarbeit?

Vogel: Nein, man sollte das nicht voneinander trennen - es ist ja ein und derselbe Mann. Aber man hat abzuwägen, was er bisher in seinem Ministeramt und vorher in der Politik geleistet hat. Dabei ist Frau Merkel zu dem aus meiner Sicht richtigen Urteil gekommen: Das ist sehr ärgerlich und unnötig - aber es stellt nicht den gesamten Auftrag des Verteidigungsministers in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Sie verfolgen als Unionspolitiker die Karriere von Guttenberg sicher schon viel länger als die Öffentlichkeit - wie war Ihre erste Reaktion auf die Plagiatsaffäre?

Vogel: Ich kenne die Familie Guttenberg lange und gut: Als ich zum ersten Mal für den Bundestag kandidierte, gab es den Staatssekretär Guttenberg in der Regierung Kiesinger - das war der Großvater des Verteidigungsministers. Und ich kenne auch Karl-Theodors Eltern und erinnere mich gut an ihn und seinen Bruder als kleine Buben. Deshalb habe ich seinen Weg immer aufmerksam und mit Sympathie verfolgt und mich sehr gefreut, dass er einen so erfolgreichen Start in der Bundesregierung hingelegt hat. Die jüngste Entwicklung ist mir deswegen besonders zu Herzen gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren überrascht?

Vogel: Natürlich. Zumal ich ja ein paar Jahre meines Berufslebens als Assistent des Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger an der Universität Heidelberg verbracht habe und deshalb sehr wohl weiß, dass man auf Zitate achten und Plagiate vermeiden muss. Aber mir kommt bisher in der ganzen Debatte eine Sache zu kurz: Es gab zwei Korrektoren der Guttenberg-Dissertation - einen Doktorvater und einen Zweitgutachter. Dass die nicht gemerkt haben, was da schiefgelaufen ist, halte ich für sehr eigenartig. Dazu kommt: Bei Sternberger war ich ja selbst an der Betreuung vieler Doktorarbeiten beteiligt. Guttenbergs Note "summa cum laude" - das gab es einmal unter zehn, wenn überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde Ihre Promotion bewertet?

Vogel: Normale Menschen wie ich freuen sich, wenn sie "magna cum laude" bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Der offenbar herausragende Guttenberg spricht davon, die Fehlleistungen in seiner Doktorarbeit seien ihm irgendwie unterlaufen. Ist das glaubwürdig?

Vogel: Diese Erklärung ist für mich schwer nachvollziehbar. Aber nochmals: Mindestens so große Probleme habe ich damit, dass seinen Dissertationsbetreuern nichts aufgefallen ist.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt da nicht eine Menge hängen für die akademische Welt?

Vogel: Kein Ärgernis ist so groß, dass es nicht auch sein Gutes hat. Selbstverständlich werden jetzt für einige Jahre Doktorväter besser aufpassen und sorgsamer arbeiten - und junge Leute, die versucht sind, Plagiate zu begehen, werden vorsichtiger sein. Hoffentlich werden Manche auch erkennen, dass ein Doktortitel schmückt - aber nicht lebensnotwendig ist für eine Karriere außerhalb der Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt an Guttenberg hängen?

Vogel: Also ein Rücktritt wäre leichter für ihn gewesen - Guttenberg hat den schwierigeren der denkbaren Wege gewählt. Er steht jetzt vor der Aufgabe, in Zweifel gezogenes Vertrauen wiederzugewinnen und zu bestätigen, dass seine Entscheidung und die Unterstützung durch die Kanzlerin richtig waren. Sich auf seine Landgüter zurückzuziehen, wäre einfacher gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Die Sache ist noch nicht ausgestanden für ihn?

Vogel: Guttenberg hat einen steilen Weg vor sich.

Das Interview führte Florian Gathmann

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