CDU Schäuble schießt sich auf Kohl ein

Erst am Montag hat Noch-CDU-Chef Wolfgang Schäuble seinem "Zieh- und Übervater" Helmut Kohl ein pikantes Geburtstagsgeschenk präsentiert: eine erste Abrechnung. Nun legt Schäuble nach.


Wolfgang Schäuble: Schwere Vorwürfe gegen Kohl
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Wolfgang Schäuble: Schwere Vorwürfe gegen Kohl

Hamburg - Der Wochenzeitung "Die Woche" sagte er nach Angaben des Blattes vom Mittwoch, Kohl habe es geschickt verstanden, das allgemeine Interesse in der Spendenaffäre auf jene zwei Millionen Mark zu "fokussieren", die er zwischen 1993 und 1998 gesammelt habe. Von zehn Millionen Mark, "von denen wir nicht wissen, wo sie hingeflossen sind", spreche dagegen kaum jemand. Seinen Sturz aus dem Amt des Fraktionsvorsitzenden und Parteichefs stellte Schäuble erneut als Folge eines gezielten Angriffs dar. In der Fraktion wächst das Unverständnis über solche Äußerungen.

Schäuble sagte der "Woche", sein Einsatz für die jetzige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel als seine Nachfolgerin an der Parteispitze sei nicht dadurch motiviert gewesen, dass er sich an Kohl habe rächen wollen. Er fügte jedoch hinzu: "Es mildert jedenfalls den Triumph, mich umgebracht zu haben." Teilweise sei er sich vorgekommen wie in einem Krimi, "wo Unschuldige plötzlich immer mehr in Verdacht und Verstrickung geraten und sich fragen: Bin ich denn verrückt?" Angesichts der Gesamtaffäre sei die 100.000-Mark-Spende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber eine "marginale Geschichte" gewesen, um die sich die Medien aber mehr gekümmert hätten als um Kohl. Schäuble hatte sich bereits in Teilen eines Interview des Fernsehsenders "Phoenix", das am Donnerstag ausgestrahlt werden soll, bitter über Kohl geäußert und von Intrigen mit kriminellen Elementen in der Fraktion gegen ihn, Schäuble, gesprochen. Nach Angaben aus Fraktionskreisen wurde er auf der Fraktionssitzung am Dienstagnachmittag aufgefordert, sich dazu näher zu erklären. Schäuble habe darauf scharf reagiert und darauf verwiesen, dass er nie die Möglichkeit gehabt habe, sich vor dem Ehrenrat der Fraktion zu äußern. Es habe für Schäubles Verhalten wenig Verständnis gegeben. Mit seinem "Nachkarten" setze er seine Beziehung zur Fraktion einer erheblichen Belastung aus.

Im Herbst will Schäuble seine Lebenserinnerungen veröffentlichen. Der C. Bertelsmann-Verlag bestätigte, dass Schäubles Memoiren rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen sollten. Auch Helmut Kohl arbeitet zurzeit an seinen Memoiren. Mit dem Erlös daraus will er ein Darlehen zurückzahlen, das er auf sein Haus in Oggersheim aufgenommen hat, um der CDU einen Teil der Bundestags-Strafgelder auszugleichen, die die Partei wegen der nicht ausgewiesenen Spenden zahlen muss.



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