CDU-Sozialminister Renner Der Bush-Jäger aus dem Ländle

Andreas Renner ist ein bunter Vogel, ein Wowereit der Südwest-CDU. Mit seiner Aussage, US-Präsident Bush gehöre "abgeschossen", hat sich der Arbeits- und Sozialminister von Baden-Württemberg mal wieder in Bedrängnis gebracht - auch parteiintern.

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Renner: "Da kann einem schon der Kamm schwellen"
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Renner: "Da kann einem schon der Kamm schwellen"

Stuttgart - Es bedarf keiner großen Erfahrung im politischen Geschäft, um zu wissen, dass man über US-Präsident George W. Bush öffentlich nicht sagen sollte: "Der gehört abgeschossen." Man mag ihn vor Publikum kritisieren, aber seine geheimen Gewaltphantasien zu äußern, sollte man besser lassen, wenn es nicht gerade darum geht, am Stammtisch die Welt zu regieren.

Andreas Renner vergisst bisweilen, dass er nicht am Stamm-, sondern am Kabinettstisch sitzt, und zwar als Arbeits- und Sozialminister in Baden-Württemberg. Er weiß, dass kernige Aussagen bei vielen Menschen als volksnah gelten, nicht so gestelzt und gekünstelt. Da redet einer Tacheles, sagen die Leute. George W. Bush, sagt Renner, gehöre wegen der schleppenden Hurrikan-Hilfsaktion im Süden der USA "abgeschossen". Der Reporter des "Reutlinger General-Anzeigers" schreibt eifrig mit, als diese Aussage gestern während einer Betriebsbesichtigung im kleinen Kreise in Gomaringen, Landkreis Tübingen, fällt.

Später, als die Deutsche Presse-Agentur dpa die Nachricht erhält und sicherheitshalber bei Renner nachfragt, was er denn gesagt habe, bestätigt der: "Bei uns würde das kein Politiker durchhalten, wenn er so handeln würde wie Bush." Als während des Firmenrundgangs die Sprache auf die Flutkatastrophe und die Situation in New Orleans gekommen sei, habe er sich mit Kritik an Bush nicht zurückgehalten. "Da kann einem schon der Kamm schwellen", sagt Renner. Und fügt hinzu: Das sei "politisch umgangssprachlich" gemeint, er habe niemanden aufgefordert, "Raketen auf Bush zu feuern". "Ich rufe nicht zur Gewalt an Politikern auf." Schließlich, von der Aufregung um diesen einen Satz etwas überrascht, entschuldigt sich Renner dann doch: "Ich nehme meine Wortwahl mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück."

Mit der Wortwahl ist der 46-jährige Ex-Oberbürgermeister von Singen, den sein Freund Günther Oettinger dieses Frühjahr ins Kabinett holte, als er Ministerpräsident wurde, selten zimperlich. Dem Chef des Stromkonzerns EnBW, Utz Claassen, wirft er im Januar wegen dessen Führungsstils die Bezeichnung "Rambo unter den deutschen Managern" an den Kopf. Der machtbewusste Vorstandsvorsitzende hatte durchgesetzt, dass der von der EnBW gesponserte Fußball-Zweitligist Karlsruher SC sich von einem Trainer trennt, der gerade mal eine Woche im Amt war. Renner erklärt, diese Einmischung Claassens - offenbar aus persönlichen Gründen - sei "der Gipfel" und ein "einmaliger Eklat im deutschen Profi-Fußball".

In Gesprächen mit den Medien holzt Renner weiter: Mit dem amtierenden EnBW-Chef an der Spitze müssten die Kommunen überlegen, ob der Konzern noch der richtige Partner sei. Claasen herrsche "nach Gutsherrenart", ramponiere das Image der EnBW und sein Umgang mit kommunalen Vertretern und Landespolitikern sei "erklärungsbedürftig".

So etwas kommt bei der Bevölkerung an, zumal Claassen bei vielen als raffgieriger Machtmensch mit überhöhtem Gehalt gilt. Für weniger Begeisterung sorgt Renner, seit 29 Jahren CDU-Mitglied und seit 13 Jahren im Bundesvorstand, als er im Juli als erster christdemokratischer Minister in Baden-Württemberg die Schirmherrschaft über die Schwulen- und Lesbenparade "Christopher Streetday" (CSD) in Stuttgart übernimmt. Frauen-, Senioren-, selbst Junge Union (JU) sind empört über den Minister, der manchen von ihnen eh suspekt vorkommt mit seinem Brillant-Ohrstecker (Renner: "Den Stecker, den ich heute trage, hat mir meine Frau vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt"), der auf die Schulter tätowierten schwarzen Rose, seiner dritten Ehe und seiner Vorliebe für teure, schnelle Autos.

Dabei deutet anfangs vieles auf eine eher beamtenhafte Entwicklung des Mannes hin: Der 1959 in Stockach am Bodensee geborene Renner studiert in Konstanz Verwaltungswissenschaften, arbeitet im Innenministerium von Baden-Württemberg sowie in den Verwaltungen von Konstanz und Ludwigsburg, später im Regierungspräsidium Stuttgart. Von 1989 bis 1994 führt er den baden-württembergischen Landesverband der JU. 1993 wählen die Singener den jungen Mann, damals Anfang 30, zum Oberbürgermeister und bestätigten ihn bis zu seiner Berufung ins Arbeits- und Sozialministerium im Amt. Die meisten in Singen bedauern seinen Weggang - obwohl er dort gern mit dem Titel "Provinzbürgermeister" kokettierte.

Schrill, schräg, ein bunter Vogel, ein Wowereit der Südwest-CDU - die Konservativen im Land haben damit ihre Probleme. Renner erhält nach der CSD-Geschichte Droh- und Schmähbriefe und erfährt Ablehnung "in einer Form, wie ich sie nur von vor 60 Jahren kenne", sagt er der "Stuttgarter Zeitung". Selbst Parteifreunde werfen ihm vor, er unterhöhle "die altbewährte Familie", praktiziere "linksliberale Zeitgeisthascherei" und präge ein "falsches Bild von christdemokratischen Werten". CDU-Fraktionschef Stefan Mappus distanziert sich offen von Renner, indem er das Demonstrieren sexueller Neigungen beim CSD "abstoßend" nennt.

Renner hält dennoch an seiner Schirmherrschaft fest. Er weiß, dass sein Chef Oettinger, den er aus JU-Zeiten kennt, zu ihm hält. Ihn hat er unterstützt, als der sich mit Kultusministerin Annette Schavan ein Rennen um das Ministerpräsidentenamt im Ländle lieferte - in Kauf nehmend, dass er sich deswegen bei Oettingers Vorgänger und Schavan-Förderer Erwin Teufel nicht gerade beliebt macht. Oettinger dankt Renner die Treue öffentlich, indem er zum Beispiel der "Heilbronner Stimme" sagt, ihm sei wichtig, dass sein Minister gute Arbeit mache; an der CSD-Schirmherrschaft finde er nichts Kritikwürdiges. Dass Renner einen Ohrstecker trage oder in dritter Ehe lebe, dürfe "ja nicht einmal erwähnt werden", weil es Renners Privatsache sei. In der CDU sehen das viele anders - nicht nur, wenn es um die Ehen von Gerhard Schröder und Joschka Fischer geht, sondern auch bei ihrem Sozialminister.

Die Bush-Attacke ist das dritte Mal, dass der Minister ohne Landtagsmandat in diesem Jahr in die Schlagzeilen gerät. Bislang hat er sich trotz aller Schelte im Amt gehalten und mit seiner unkonventionellen Art sogar Kreise für die CDU erschlossen, die dieser Partei sonst eher verschlossen sind. Homosexuellen-Verbände feiern Renner, weil er mit seinem Tabubruch "anders als Claudia Roth oder Guido Westerwelle ein politisches Risiko" eingeht, kommentiert das Online-Magazin für Schwule www.queer.de. Mit seiner Wortwahl bei der Bush-Kritik, heißt es heute aus CDU-Kreisen, sei Renner nun aber wirklich übers Ziel hinausgeschossen.

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