Alternativen zu Kramp-Karrenbauer Ist Deutschland bereit für einen Mann als Bundeskanzler?

Jetzt müssen die Kontrahenten aus der Deckung kommen: CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer hat sich selbst aus dem Rennen um die Unions-Kanzlerkandidatur genommen - aber wer traut sich die Sache nun zu?
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Einer dürfte mit diesem Tag auch aus dem Rennen sein. Wobei Markus Söder, so beteuert es der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident bei jeder Gelegenheit, ja ohnehin nicht Unions-Kanzlerkandidat werden will. Aber wer weiß in diesen politisch turbulenten Zeiten schon noch um die Halbwertszeit von solchen Aussagen. Annegret Kramp-Karrenbauer jedenfalls hat ihren Rückzug als mögliche Kanzlerkandidatin auch damit begründet, dass das Amt des oder der CDU-Vorsitzenden und die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien in eine Hand gehörten.

Falls Kramp-Karrenbauer überhaupt noch etwas zu sagen hat nach ihrer überraschend angekündigten Demission, kämen demnach also nur Bewerber aus der CDU infrage - und das wären nach aktuellem Stand jene drei Herren, über die seit Monaten spekuliert wird:

  • der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz, 64, der Kramp-Karrenbauer auf dem Parteitag in Hamburg im Dezember 2018 knapp in der Stichwahl unterlegen war,

  • Armin Laschet, 58, CDU-Vize und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen,

  • Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, 39, der Ende 2018 ebenfalls für die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Vorsitzender kandidiert hatte.

Dass Kramp-Karrenbauer sich am Montagmorgen dazu entschied, den überraschten Mitgliedern des CDU-Präsidiums ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur zu erläutern und perspektivisch den Abgang als Vorsitzende, dürfte auch im Zusammenhang mit dem Agieren des einen oder anderen Herrn aus dem Trio Merz-Laschet-Spahn stehen. Maximale Rückendeckung jedenfalls erhielt Kramp-Karrenbauer in den vergangenen Monaten von keinem der dreien.

Umso gespannter wartet man nun in der CDU, die seit fast 20 Jahren von Frauen geführt wurde, auf die nächsten Schritte von Merz, Laschet und Spahn. Bisher halten sie sich zurück, alle drei zollten zunächst der Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer Respekt.

Ansonsten: Schweigen.

Wird es einen offenen Dreikampf geben, ähnlich wie im Herbst 2018 im Rennen um die Merkel-Nachfolge? Pikanterweise kommen alle drei aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen, Laschet sitzt ihm sogar vor. Oder einigen sich die drei gerade deshalb einvernehmlich, weil es sonst den NRW-Verband zerreißen könnte?

Ministerpräsident und CDU-Landeschef Laschet hätte jedenfalls am meisten zu verlieren beim Sprung nach Berlin. Das Beispiel Kramp-Karrenbauer, die das Amt der Regierungschefin im Saarland aufgab und zwei Jahre später vor dem Ende ihrer politischen Karriere steht, dürfte ihm Warnung genug sein. Und auch Gesundheitsminister Spahn muss sich überlegen, ob er eine zweite Niederlage nach der Pleite im Dezember 2018 ohne Weiteres wegstecken würde.

Merz hat nichts zu verlieren

Merz dagegen hat nichts zu verlieren – zumal er seinen Abgang aus dem Aufsichtsrat des globalen Vermögensverwalters Blackrock ohnehin angekündigt hat. Einiges spricht dafür, dass es der Mann aus dem Hochsauerland mit Mitte sechzig noch mal wissen will. Merz weiß außerdem eine euphorische Fangemeinde hinter sich, wie sie weder Laschet noch Spahn haben.

Aber selbst Merz ist bewusst, wie schwierig die Aufgabe ist, um die es geht. Mit Kramp-Karrenbauers Ankündigung ist das noch offensichtlicher geworden: Die CDU ist eine zerrissene Partei, vor allem im Osten Deutschlands. Was zuletzt in Thüringen zu beobachten war, dürfte nur eine weitere Etappe auf dem Weg eines Klärungsprozesses sein, der weitere Friktionen zur Folge haben könnte.

Auf die Forderung von Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus im Bundesvorstand am Montag, Mitglieder der ultrakonservativen WerteUnion dürften künftig nicht mehr in der CDU sein, gab es dem Vernehmen nach einigen Beifall – aber eben nicht nur.

DER SPIEGEL

40 Prozent für die Union, was Merz und Kramp-Karrenbauer noch im Vorsitzenden-Wahlkampf 2018 als realistisches Ziel postulierten, scheinen endgültig dahin zu sein. Stattdessen dürfte es im nächsten Bundestagswahlkampf darum gehen, noch Platz eins vor den Grünen zu erreichen. So lautet das dramatische Szenario, über das sich Politiker von CDU und CSU längst Gedanken machen.

Die Sorge vor Grün-Schwarz geht um

Schwarz-Grün wäre aus dieser Perspektive trotz kultureller und inhaltlicher Differenzen noch das komfortabelste Setting – die wahre Sorge lautet: Am Ende könnte es wie in Baden-Württemberg auch im Bund Grün-Schwarz geben.

Wenn Merz, Laschet und Spahn klug sind, setzen sie sich tatsächlich mit Kramp-Karrenbauer und CSU-Chef Söder zusammen, um zu überlegen, wer von ihnen dabei die besten Chancen hat.

  • Für Merz spräche, dass er am ehesten Stimmen von zur AfD abgewanderten Wählern zurückholen könnte. Seine kantige, klare Anmutung wirkt vor allem ins konservative Wählerspektrum. Die Frage ist allerdings, ob die CDU und im Falle seiner Kanzlerkandidatur auch die Union gleichzeitig zu viele Stimmen auf der anderen Seite verlieren würde.

  • Dieses Spektrum, also eher Links-Liberale, die wegen Merkel Union wählten, könnte am ehesten Laschet halten. Er sieht sich in der politischen Tradition der Kanzlerin.

  • Für Spahn spräche, dass mit ihm ein echter Generationswechsel gelingen könnte. Sein politisches Profil hat er als Gesundheitsminister so ausgebaut, dass Spahn für ein breites Wählerspektrum attraktiv wäre.

Offen ist auch, wie rasch die Personalfragen nun geklärt werden sollen. Kramp-Karrenbauers Vorschlag, eine Einigung in der K-Frage bis zum Sommer zu erzielen und erst Ende des Jahres die CDU-Vorsitzendenwahl folgen zu lassen, halten manche Mitglieder des Bundesvorstands für utopisch.

"Die Führungsfrage in der CDU muss geordnet, aber auch zügig entschieden werden", sagt der Berliner Landeschef Kai Wegner. "Das kann nicht bis Ende des Jahres warten." Und Christian Baldauf, CDU-Fraktionschef in Mainz und Spitzenkandidat für die rheinland-pfälzische Landtagswahl 2021, sagt: "Ich plädiere für einen Sonderparteitag". Sollte es mehr als zwei Bewerber geben, "wäre aus meiner Sicht auch ein Weg über Regionalkonferenzen denkbar wie im Herbst 2018".

Aber noch gibt es keinen einzigen Bewerber.

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