CDU vor der Berlin-Wahl Der nächste Absturz kommt bestimmt

Der CDU droht in Berlin das nächste Wahldebakel. Die Umfragewerte sind mies, der Spitzenkandidat ist unbeliebt, die Kampagne wird verspottet. Die Kanzlerin möchte die Abstimmung schnell hinter sich bringen.

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Der Gegner ist schon da. Nicht irgendwo am Rand, nein, mittendrin in der Menge hat er sich platziert, damit die Kanzlerin ihn gut sehen kann. Drei Dutzend mögen es sein, sie zeigen rote Karten, pfeifen, skandieren: "Merkel muss weg!" - "Lügenpack!" - "AfD, AfD!"

So läuft das in diesen Zeiten, wenn Angela Merkel dem Volk nahekommt.

Natürlich ist die Berliner CDU vorbereitet. Für den einzigen großen Wahlkampfauftritt der Bundesvorsitzenden am Mittwochabend hat man sich eigentlich sicheres Terrain ausgesucht. In Lichterfelde, tief im Südwesten der Metropole, da lebt die alte Hauptstadt-CDU noch. Über 38 Prozent holte sie hier in der Gegend vor fünf Jahren, lag weit, weit über dem Landesergebnis. Rund um den Kranoldplatz lässt sich also ausreichend wohlwollendes Publikum mobilisieren.

Das muss nun gegenhalten. "Angie, Angie", rufen die CDU-Anhänger, postieren sich mit großen Plakaten vor den Störern. Die Lautsprecher werden noch ein bisschen mehr aufgedreht. Das Heimspiel wird so mit ein bisschen Mühe gewonnen.

Nach fünf Jahren Koalition droht die Opposition

Für den kommenden Sonntag aber hilft das nichts. Denn für den verheißen auch die Krakeeler vom Kranoldplatz nichts Gutes. Wenn die Berliner am Sonntag ihr neues Abgeordnetenhaus wählen, dann droht den Christdemokraten zwei Wochen nach Mecklenburg-Vorpommern der nächste Absturz.

Die Union hat keine echte Chance, den Regierenden SPD-Bürgermeister Michael Müller aus dem Roten Rathaus zu vertreiben. Stattdessen muss man nach fünf Jahren Rot-Schwarz wohl in die Opposition. Laut Umfragen könnte die CDU unter 20 Prozent fallen, muss sich womöglich mit der Linkspartei um den dritten Platz hinter SPD und Grünen streiten. Skeptiker befürchten sogar, dass die AfD der Union auch in Berlin gefährlich nahekommen könnte. Meinungsforscher sehen die Rechtspopulisten derzeit bei bis zu 15 Prozent.

Der Frust mancher Bürger über Merkels Flüchtlingspolitik zahlt eben auch hier bei der AfD ein. Aber das kommt eigentlich nur oben drauf. Die Christdemokraten haben "in einer überwiegend linken Stadt", wie CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel sagt, ohnehin einen schweren Stand.

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung, aber das scheint die Bürger wenig zu interessieren. Sie nerven die typischen Berliner Dauerprobleme: Wohnungsnot und explodierende Mieten, marode Schulen, Flughafenchaos, Behördenversagen - für all das wird die CDU als Regierungspartei in Haftung genommen.

Dabei sei es doch besser geworden in Berlin, seit ihre Partei mitregiere, klagte die Kanzlerin jüngst in einem Interview. Bürgermeister Müller warf sie vor, die Verantwortung von sich zu schieben.

Aber natürlich werden die Wähler am Sonntag auch die SPD abstrafen. Nur: Müller wird wohl weiter regieren können. Und weil er das mit der "Henkel-CDU" nicht mehr möchte, umwirbt er Grüne und Linke. Eine Albtraum-Regierung wäre das, warnt Henkel. Verhindern kann er sie kaum.

Unbeholfene Kampagne, verkrampfter Spitzenkandidat

In der Bundes-CDU wird der 52-jährige Spitzenmann als Teil des Problems gesehen, als bester Wahlkampfhelfer des Anti-Charismatikers Müller. Sicher, Henkel hat den intrigenanfälligen Berliner Landesverband in den vergangenen Jahren befriedet. Mag sein, dass er beim gemeinsamen Auftritt mit Merkel eine kämpferische Rede hielt. Aber Henkel gilt als schwer verkäuflich. Der Mann hat ein freundliches Gemüt, aber in der Öffentlichkeit kann er sich schwer lockermachen.

Unterstützt wird dieser Eindruck von einer selten unbeholfenen Kampagne, für die es viel Spott gibt. Ihren Wahlkampfsong ließ die Berliner CDU von einem Schlagersänger mit Vorliebe für lilafarbene Sakkos einsingen. Zum Thema Klubhauptstadt Berlin plakatierte die Union den Slogan "Sicher feiern", illustriert mit ein paar glücklich dreinblickenden, jungen Menschen aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis. Sieht so die weltoffene, moderne Großstadt-CDU aus?

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Plakatwahlkampf in Berlin: Hängen in der Hauptstadt

Ungeschickt und glücklos wirken die Versuche des Noch-Innensenators, als Sicherheitshardliner Profil zu gewinnen. Als er die Polizei im Juni massiv gegen einen Autonomen-Hotspot in Friedrichshain vorgehen ließ, brachte er den ganzen Kiez gegen sich auf. Ein Gericht erklärte die Teilräumung später für nicht rechtens. Seine Rufe nach einem Totalverbot der Burka oder einem Aus für die doppelte Staatsbürgerschaft verhallten in der CDU-Spitze.

"Willste überhaupt, dass ich komme?"

Auch Angela Merkel fremdelt mit Henkel, man duzt sich, aber von besonderer Herzlichkeit ist wenig zu spüren. Die "Welt" schilderte jüngst eine vielsagende Anekdote aus dem Frühjahr, als Merkel und Henkel sich zur Wahlkampfplanung trafen. "Willste überhaupt, dass ich komme?", soll die CDU-Chefin gefragt haben. Was hätte Henkel da sagen sollen? Lieber nicht?

Merkel kam, allerdings in kleinen Dosen. Erst eine Wohlfühlrunde mit Berliner Unternehmern, jetzt die Kundgebung. Der Auftritt der Kanzlerin ist mit dem Wort "pflichtschuldig" wohl am besten umschrieben: Viel Lob für Henkels Arbeit, kaum Attacken gegen die SPD, nur kleine Hiebe gegen die AfD, ohne sie namentlich zu erwähnen. Am Ende dann ein wenig Pathos - aus sozialdemokratischer Quelle: "Die Welt schaut auf Berlin", schließt Merkel.

Dabei wäre es der Kanzlerin wohl recht, wenn die Welt am Sonntag nicht so genau hinschauen würde bei der wahrscheinlich nächsten Pleite für die CDU. Nach der letzten Niederlage in Mecklenburg-Vorpommern hatte Merkel noch persönlich die Verantwortung übernommen - dass sie das für Berlin auch so eindeutig tut, damit ist nicht zu rechnen.


Zusammengefasst : Wenn die Berliner am Sonntag ihr neues Abgeordnetenhaus wählen, droht ein neues Wahldebakel für die CDU. Sie hat bislang mit der SPD regiert, doch die sieht sich nach anderen Koalitionspartnern um. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel ist nicht sehr populär, seine Kampagne im Wahlkampf wirkte unbeholfen. Auch die Kanzlerin fremdelt mit ihm.

Wahl-O-Mat zur Berlin-Wahl: Welche Partei passt zu mir?

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behemoth1 15.09.2016
1. Stillstand
Jeder sollte eigentlich wissen wann es Zeit ist, den Job zu beenden, wenn einem die Ideen für eine Weiterentwicklung fehlen, man nur noch am Festhalten des Posten drauf aus ist und wenn dann die eigenen Leute kein Vertrauen zu einem haben. Im Leben geht hoch und runter und zur Zeit geht bei Frau Merkel gewaltig runter, nur scheint sie, so wie es einst auch bei Helmut Kohl war nicht mehr mitzubekommen. Nicht nur das ihre Politik in Deutschland nicht mehr Früchte trägt, aber auch die EU Politik ist die größte Katastrophe, selbst das heutige Zusammentreffen mit den franz. Präsidenten zeigt nur, dass man gescheitert ist. Der Absturz kommt nicht erst durch die Nichtbewältigung der Flüchtlings und Zuwanderungswelle, sie war schon seit Jahren sichtbar, nur haben die meisten Medien Frau Merkel stets hofiert und aus ihre eine unantastbare Kaiserin gemacht, so wie einst mit Franz Beckenbauer.
fottesfott 15.09.2016
2. Ist schon bekannt...
...wo am Sonntag um 18.00 h die U16-Party der CDU stattfindet ? Irgendeine selbstironische Location. vielleicht etwas Unterirdisches ?
Palmstroem 15.09.2016
3. Seehofers Eigentore
Von Seehofers Attacken auf Merkel profitiert nicht nur die AfD, sondern vor allem Rot-Rot-Grün. Sie können ihre Mehrheit im Bundesrat weiter ausbauen. Und damit ertreicht Seehofer genau das Gegenteil von dem, was er will. Denn eine Obergrenze wird es damit zumindest für die nächsten Jahre nicht geben - im Gegenteil!
didowo 15.09.2016
4. Wahlkampf in Berlin
das ich nicht lache. Erst vor der Wirtschaft und dann vor überwiegend CDU-Publikum. Warum unterstütz Frau Merkel und die anderen Parteivorsitzenden den Wahlkampf ihrer Parteien in Berlin nur so stiefmütterlich? Wo sind ihre Reden vor dem Volk auf dem Alexanderplatz und/oder auf dem Breitscheidplatz? Da ist selbst Erdogan dem Volk näher als unsere sogenannten Demokraten, er spricht dauernd auf Straßen und Plätzen zu seinem Volk. Nun kommt mir keiner, dort herrscht eine Diktatur. Haben wir das in der Demokratie nicht mehr nötig? Demokratie heißt "Volksherrschaft". Deshalb ist es um so wichtiger, das sich unsere Politiker dem Volk verpflichtet fühlen und zur Wahl aufrufen, und das nicht nur vor ein paar Wirtschaftsvertretern oder eigenen Anhängern . Alles klar.
nach-mir-die-springflut 15.09.2016
5. Seepferdchen
Bei dem Bürgermeister Müller und seiner Wahlkampagne fällt auf, dass diese im Mindesten ein Design hat und aus dem Labor kommt wie eine Droge. Wer sich in eine solche Kampagne einbettet und einbetten lässt, hat kein eigenes Profil, er ist quasi ent-emotionalisiert und ent-individualisiert. Profil, das a) eine Wahlkampagne prägen könnte oder b) die Wahl-Kampagne erst gar nicht braucht, weil es selbst die Wahlkampagne ist. Ein selten von seinen Mitmenschen distanzierter Müll, den diese Wahlplakate darstellen. Wie im Film, eine riesen Maskerade. Schwerpunkt der Berliner SPD mit ihrem Müller an der Spitze sind irgendwie die Mieter. Müller steht für nichts, er schwimmt irgendwie mit.
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