Geschlechtergerechte Sprache CDU-Vorstoß zu Genderverbot stößt auf Widerstand

Der Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß will staatlichen Einrichtungen geschlechtergerechte Sprache verbieten – und löst damit breite Kritik aus. Unterstützung bekommt der Konservative ausgerechnet von Linksaußen.
Foto: Doreen Garud / dpa

Welche Konsequenzen zieht Deutschland aus der Coronapandemie? Wie soll das Land dem Klimawandel begegnen? Und wer soll Deutschland nach dem Ende der Ära Merkel regieren? Vier Monate vor der Bundestagswahl gibt es mehr als genug große Fragen, über die es sich zu streiten lohnt.

Nun deutet sich an, dass auch ein kleineres, dafür aber äußerst symbolträchtiges Thema im Wahlkampf eine Rolle spielen könnte: geschlechtergerechte Sprache. Im SPIEGEL-Interview sprach sich der Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß für ein Genderverbot für staatliche Einrichtungen  aus. Diese Forderung, so der Bundestagsabgeordnete, solle Teil des Regierungsprogramms der Union werden.

Koalitionsverhandlungen dürfte das nicht leichter machen, zeigen die Reaktionen auf den Vorstoß – nicht nur die des aktuellen Regierungspartners im Bund.

»Ich schreibe anderen ihre Sprache nicht vor oder in welcher Form sie anderen Menschen gegenüber Respekt zum Ausdruck bringen. Die CDU sollte sich in Gelassenheit üben, anstatt reflexartig Verbote zu fordern, weil sie vom gesellschaftlichen Wandel überfordert ist«, sagte SPD-Co-Chefin Saskia Esken dem SPIEGEL. Sprache könne eine Gesellschaft einen oder spalten. Mädchen und Frauen wollten nicht nur »mitgedacht« werden, sondern Erwähnung finden.

Auch FDP-Chef Christian Lindner hält offenbar wenig von Ploß' Vorstoß. Auf Twitter schrieb Lindner, um konservative WählerInnen zu gewinnen, sei eine Aufarbeitung der Wirtschaftspolitik Peter Altmaiers und der »von den Grünen inspirierten Migrationspolitik der Ära Merkel« eher Erfolg versprechend.

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In der Linkspartei gehen die Meinungen über die Forderung auseinander. Doris Achelwilm, Sprachwissenschaftlerin und gleichstellungspolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, kann Verbotswünschen nichts abgewinnen. »Die Behauptung, dass ›Gendern‹ den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet, kann ich gerade auch angesichts der sozialen Verwerfungen und Ausschlüsse, die durch falsche CDU-Prioritäten stattfinden, nicht akzeptieren«, sagte Achelwilm dem SPIEGEL.

Wenn Ploß männliche Wortformen »als unveränderliche Norm voraussetzt und sogar vorschreiben will«, sei das auch eine Form des Genderns, »er merkt es nur nicht«. Ploß erhalte so »männliche Standards« aufrecht und sei am Ende der, der spalte. Statt eines Verbots wünscht sich Achelwilm einen bundesweiten Leitfaden: »Es ist überfällig, dass der Bund auf Behördenebene das generische Maskulinum, welches Frauen und diverse Menschen sprachlich außen vor lässt, durch zeitgemäßere und geschlechtergerechte Standards ablöst.«

Anders sieht das Sahra Wagenknecht, Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen. Sie hat sich mehrfach gegen das Gendern positioniert und spricht sich nun auch dafür aus, dass staatliche Stellen nicht gendern sollten. Die »Sprachungetüme der Gendersprache« seien kein Mittel zu mehr Gleichberechtigung, »sondern selbst diskriminierend, indem sie die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung als überholt und rückschrittlich abqualifizieren«, sagte Wagenknecht dem SPIEGEL.

»Wir sollten uns an Frankreich orientieren, wo sich Regierung und Académie française klar gegen das Gendern ausgesprochen haben, und zwar mit Verweis auf die ›Klarheit und Verständlichkeit‹ der Sprache auch für all diejenigen, die weder die Zeit noch die Möglichkeit haben, sich mit den künstlichen Regeln vertraut zu machen, und das auch gar nicht wollen.«

Ploß ist nicht der erste prominente Unionsvertreter, der sich kritisch über geschlechtergerechte Sprache äußert. Im April hatte Friedrich Merz dem SPIEGEL gesagt , eine kleine Gruppe von Leuten maße sich eigenmächtig an, »den Gebrauch der deutschen Sprache zu verändern, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eindeutig dagegen ist«.

Unklar ist, ob Ploß' Vorstoß tatsächlich Eingang in das Wahlprogramm der Unionsparteien findet – CDU und CSU haben es bislang nicht vorgelegt. Im Wahlprogramm der Grünen gibt es keine Forderungen zu geschlechtergerechter Sprache. Im Programm der SPD heißt es lediglich, »digitale und mediale Teilhabe, Vielfalt, Chancengleichheit und ein kommunikativer Pluralismus« seien von grundlegender Bedeutung.

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