Pressestimmen zur Wahl der CDU-Spitze "Abschiedsgeschenk für Angela Merkel"

Trotz Merkel-Müdigkeit - die CDU hat sich mit der Wahl von AKK entschlossen, den Kurs der scheidenden Parteichefin fortzusetzen. Ohne Risiko ist dieser Weg nicht, finden die ausländischen Kommentatoren.


"Sie ist eine gemäßigte Politikerin der Mitte mit einem bescheidenen Führungsstil und trockenem Humor. Sie prahlt nicht. Aber sie hat eine nachweisliche Erfolgsbilanz, unwahrscheinliche Konsense zu erzielen - und Wahlen zu gewinnen. Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Vorsitzende der mächtigsten politischen Partei Deutschlands und wahrscheinliche zukünftige Kanzlerin, klingt damit sehr nach der aktuellen Kanzlerin. Das ist ihre größte Stärke und ihre größte Schwäche, während sie sich darauf vorbereitet, Kanzlerin Angela Merkel nachzufolgen - einer überragenden Persönlichkeit, in ihrer Partei und ihrem Land gleichermaßen geliebt wie verabscheut. (...)

In einer Zeit, in der Wähler anderswo in Europa und der Welt nach radikalen Veränderungen rufen und sich populistischen - und oft männlichen - Führern verschreiben, die einfache Antworten auf komplexe globale Probleme versprechen, hat sich Deutschlands größte Partei am Freitag für das Gegenteil entschieden: eine Frau, die einer anderen Frau nachfolgt, mit einem differenzierten politischen Programm, das allem voran für Kontinuität und Stabilität steht."
"New York Times"

"Im Unterschied zu Merz wird es Kramp-Karrenbauer keine große Mühe bereiten, mit der Kanzlerin und ihrer Großen Koalition gedeihlich zusammenzuarbeiten. Über ihre Aussichten, dereinst ganz aus Merkels Schatten zu treten und selbst nach der Kanzlerschaft zu greifen, wird womöglich bereits das nächste Jahr entscheiden. Stürzt die CDU bei den Europawahlen im Mai und bei den drei ostdeutschen Landtagswahlen im Herbst weiter ab, könnten die nun düpierten Konservativen um Merz, Wolfgang Schäuble und Jens Spahn ihr die Kandidatur durchaus noch einmal streitig machen. Ruhe wird also so schnell keine einkehren."
"Tagesanzeiger", Zürich

"So knapp er auch war, der Wahlsieg von AKK - wieder eine gemäßigte Kandidatin und wieder eine Frau - verdeutlicht, wie sehr sich die Partei in den 18 Jahren unter dem Vorsitz Angela Merkels verändert hat. Für Merkel dürfte sich die Wahl Kramp-Karrenbauers anfühlen wie ein Abschiedsgeschenk."
"De Volkskrant", Amsterdam

"Annegret Kramp-Karrenbauer ist wenig bekannt in Frankreich - außer vielleicht im Osten des Landes, der gute regionale Beziehungen zum Saarland unterhält. (Ihre Wahl ist) eine gute Nachricht für Emmanuel Macron. Falls der Präsident die Proteste der 'Gelben Westen' übersteht, kann er darauf hoffen, dass das neue deutsche Duo sich daran machen wird, auf seine europäischen Vorschläge zu antworten. Angela Merkel wird von ihrer Thronfolgerin nicht aufgehalten werden, und diese selbst weist eine Neigung zum Deutsch-Französischen auf."
"Le Figaro", Paris

"Die Partei stand vor einem Dilemma. Entweder den Kurs von Merkel beibehalten - die entschlossen war, die politische Mitte zu sichern, und die CDU zur Befürworterin der Homoehe, des Mindestlohns und einer Frauenquote in der Politik gewandelt hat - oder weiter nach rechts rücken, um Wähler zurückzuholen, die sie an die AfD verloren hat. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Partei wohl eine sicherere Option gewählt. Nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich eine bessere Beziehung zu Angela Merkel im Kanzleramt haben wird als Friedrich Merz, der als jemand gesehen wird, der einen Groll gegen Merkel hegt. Kramp-Karrenbauers Sieg ist ein Zeichen dafür, dass die Partei auf dem von Merkel eingeschlagenen Weg weitergehen will."
"Guardian", London

"Auf die neue Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wartet in Berlin viel Arbeit, denn die CDU ist dabei zu erodieren. Die Partei sucht einen Kurs in einem stark veränderten Deutschland. Die Grünen und die AfD haben ihr Wähler abspenstig gemacht und das erfordert eine selbstkritische Analyse. (...)

Kramp-Karrenbauer muss schnell aus dem Schatten von Angela Merkel treten, denn in den Rängen der Partei hat sich eine gewisse Merkelmüdigkeit eingeschlichen. Das dürfte aber nicht schwierig sein, wie Eingeweihte meinen. Denn Kramp-Karrenbauer folgt ihrem eigenen Kurs."
"De Standaard", Brüssel

"Für die Kanzlerin (Angela Merkel), die seit 18 Jahren Parteichefin war (...), ist das ein großer Erfolg. Die langen stehenden Ovationen, mit denen sie zu Beginn des Parteitags begrüßt wurde, hatten schon einige Stunden vorher gezeigt, dass sie - trotz aller politischen Enttäuschungen der letzten Zeit - immer noch äußerst beliebt bei den Parteifreunden ist. Ein Sieg ihres liberaleren Gegenspielers Friedrich Merz hingegen hätte ihren Niedergang und ihren Abschied vom Kanzleramt beschleunigt.

Dafür ist es nun für Merz ein herber Schlag, denn er hatte der Politik bereits 2009 den Rücken gekehrt (...). Das relativ knappe Wahlergebnis zeigt dennoch, dass die Christdemokraten in zwei Lager gespalten sind und dass es für die neue Vorsitzende nicht einfach sein wird, diese beiden wieder zusammenzubringen."
"Les Échos", Paris

"Fast die Hälfte der Partei will einen anderen Führungstyp"

"Nachdem die Wahl in vielerlei Hinsicht zwischen Kontinuität und Aufbruch stand, ist es nicht beruhigend, mit einer Marge von 52 zu 48 Prozent zu gewinnen. Fast die Hälfte der Partei will einen völlig anderen Führungstyp als Merkel. Die Frage ist, ob die neue Vorsitzende von Deutschlands konservativer Volkspartei den Anschub geben kann, den die Partei nach all den Jahren mit Merkel braucht. Ich bezweifle das, obwohl Kramp-Karrenbauer eine sympathische Führungspersönlichkeit mit bedeutender Regierungserfahrung ist, wenn auch aus einem sehr kleinen Bundesland."
"Aftenposten", Oslo

"Nicht nur Deutschland, ganz Europa braucht eine starke CDU, die weiterhin ein starkes Gegengewicht zum Populismus und zur extremen Rechten bildet. Die gute Nachricht ist, dass Kramp-Karrenbauer eine starke Europa-Befürworterin ist. Hoffentlich wird sie in der Lage sein, der Aufgabe gerecht zu werden, damit die EU aus ihrem Niedergang herauskommt und ihre Integration vorantreiben kann."
"El Mundo", Madrid

"Es ist eine schwierige Aufgabe, die auf Annegret Kramp-Karrenbauer als Vorsitzende der größten bürgerlichen Partei im größten Land Europas wartet. Einerseits muss sie für Kontinuität sorgen. Auf der anderen Seite sollte jedem Christdemokraten klar sein, dass es so nicht weitergehen kann. (...) Europa braucht eine starke CDU als Rückgrat eines starken Deutschlands, das fest zum Respekt vor den demokratischen Werten und internationalen Abkommen steht, in einer Zeit, in der fragwürdige Charaktere wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan nur selten eine Gelegenheit verpassen, die EU zu unterminieren und gegen sie zu arbeiten. Aus diesem Grund müssen Europas Bürgerliche hoffen, dass sich die CDU um ihre neue Vorsitzende sammelt."
"Berlingske", Kopenhagen

"In Zeiten zahlloser innerer und äußerer Bedrohungen (...) ruft Europa nach entschlossenen Führern. Merkel ist das nicht. Sie hat sich von der Masseneinwanderung treiben lassen. Ihre Selfies mit lächelnden Migranten werden in die Geschichtsbücher und in die versteckten Akten der CDU verbannt. (...) Die Ära Merkel ging an diesem Freitag zu Ende. Es wird Neuwahlen in Deutschland geben, bevor Merkel ihr bis 2021 laufendes Regierungsmandat ausfüllen wird. Durch die gesamte (deutsche) Gesellschaft zieht sich der Spalt: Mentalitätsmäßig tun sich Abgründe auf zwischen den westlichen und den östlichen Bundesländern, zwischen der Elite und der Arbeiterklasse, zwischen den Parteien der großen Koalition, doch diese Gespaltenheit zerreißt auch die CDU."
"Magyar Idök", Budapest

"Kramp-Karrenbauer wird sich von Merkel lösen müssen. Ansätze gibt es. Kramp-Karrenbauers Ton unterscheidet sich vor allem in Fragen der inneren Sicherheit. Der Staat müsse stark sein gegen kriminelle Clans und gegen 'autonome Chaoten'. Doch den Worten werden Vorschläge folgen müssen. Auch Merkel hat vor ihrer Wahl zur Kanzlerin für eine deutsche 'Leitkultur' getrommelt. Später hat sie vergessen, was das eigentlich ist."
"NZZ", Zürich

oka/dpa



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
dirkcoe 08.12.2018
1. Ich frage mich
wie und wo sich AKK denn gut sichtbar von Merkel absetzen will? Merkel liegt unbelästigt im Kanzler Koma, die Fraktion weckt sie nicht auf - AKK weckt sie nicht auf. Da die Vorsitzende die nächsten Jahre nur in der CDU, in Interviews und langweiligen Talkshows auftreten kann - nicht aber im Bundestag, wird sie einfach nur da sein - weder beachtet, noch sonst irgendwie wichtig. Und das, während die Union weiter abstürzt.
comfortzone 08.12.2018
2. AKK wird scheitern
Die gestrige Wahl hat gezeigt, wie tief die Spaltung in der CDU ist. Knapp die Hälfte der Delegierten hat dem Kurs Merkels abgeschworen. AKK steht sinnbildlich für diesen Kurs und wird es nicht schaffen, die weggelaufenen Wähler der Mitte zurückzugewinnen. Nur eine andere Profilierung - wie sie unter Merz zu erwarten gewesen wäre - hätte die für die CDU so wichtige Rechts-Links-Achse wieder belebt. AKK wird - so ist zu befürchten - zwischen dem konservativen und dem linken Merkel-Flügel zerrieben werden. Schade dass Merz es mit seiner emotionslosen Rede versemmelt hat.
sternfeldthommy 08.12.2018
3. schau an schau an
die regierungsfreundliche "Magyar Idök", aus Budapest schreibt "Sie hat sich von der Masseneinwanderung treiben lassen. Ihre Selfies mit lächelnden Migranten werden in die Geschichtsbücher und in die versteckten Akten der CDU verbannt" Sagt diesen Unmenschen, diese Bilder werden nicht verbannt. Verbannt werdet ihr, die diese Flüchtlinge nicht als Menschen in Not, sondern wie den allerletzten Dreck behandelt habt. Selbst kann man sich nur fremdschämen
kakophoniephobie 08.12.2018
4. Abgründe?
"Mentalitätsmäßig tun sich Abgründe auf zwischen den westlichen und den östlichen Bundesländern, zwischen der Elite und der Arbeiterklasse, zwischen den Parteien der großen Koalition, doch diese Gespaltenheit zerreißt auch die CDU." Mit dieser Analyse liegt das Budapester Blatt "Magyar Idök" gleichzeitig richtig und falsch: Fürwahr, es besteht ein Unterschied im Denken bzw. der Gesinnung zwischen den Menschen in Deutschland-West und Deutschland-Ost, und zwar in der Frage, was es bedeutet, in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, der sich den Werten Offenheit und Toleranz in einer Multi-Kulti-Gesellschaft verschrieben hat, zu leben. - Wer wollte bestreiten, dass sich Abgründe auftun zwischen der Elite und der Arbeiterklasse. Aber war das nicht immer so? Im Übrigen: Wer gehört denn heutzutage zur Arbeiterklasse, wer fühlt sich im modernen Industriestandort Deutschland mit hochbezahlten Facharbeitern noch der Arbeiterklasse zugehörig? Etwa die im Niedriglohnsektor Beschäftigten (die meiner Einschätzung nach weitgehend unpolitisch und meist auch überhaupt nicht organisiert sind)? - Keine Abgründe sehe ich zwischen den Parteien der Großen Koalition, sind sie doch verwechselbar, sehr zum Schaden der SPD, die es wegen der Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel schwer hat, ein eigenes, deutlich erkennbares Profil zu entwickeln. Auch scheint die Partei nicht zu wissen, was sie eigentlich will: den Schröderschen Agenda-2010-Kurs fortsetzen oder sich klar davon abgrenzen? Gespalten ist auch die CDU, wie der knappe Erfolg von AKK auch gezeigt hat. Als Sozialpolitikern und Befürworterin der Politik Merkels wird sie ihre liebe Mühe haben, auch den Konservativen eine Heimat zu bieten.
99Augustus 08.12.2018
5.
Es ist gut, dass Merz es nicht geworden ist, denn er hätte das Amt nur benutzt, um die Wünsche der Firmen, in deren Aufsichtsräten er sitzt, in Politik umzusetzen. Er würde auch als CDU-Vorsitzender weiterhin Millionen verdienen wollen, das schlösse eine Hingabe für ein Ehrenamt aus. Sein Ziel war ganz klar, die CDU für die Interessen seiner Geldgeber zu instrumentalisieren. Daraus wird nun nichts und das ist gut so.
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