CDU-Wahlsieger Reiner Haseloff Dr. Unbekannt, übernehmen Sie!

In Sachsen-Anhalt heißt der Sieger Reiner Haseloff. Der CDU-Spitzenkandidat macht mit seinem guten Wahlergebnis einen Schritt aus dem Schatten des Landespatriarchen Wolfgang Böhmer. Die SPD muss wohl weiter den Juniorpartner in der Großen Koalition geben.

CDU-Spitzenkandidat Reiner Haseloff: "Erfolgreiche Koalitionsarbeit fortsetzen"
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CDU-Spitzenkandidat Reiner Haseloff: "Erfolgreiche Koalitionsarbeit fortsetzen"

Von und , Magdeburg


Plötzlich stehen sie sich gegenüber: der Landesvater und sein Thronfolger. Wolfgang Böhmer, Sachsen-Anhalts scheidender CDU-Ministerpräsident, kämpft sich an den Fotografen und Journalisten vorbei, die Reiner Haseloff umringen. Er geht auf seinen designierten Nachfolger zu, der CDU-Spitzenkandidaten lächelt kurz - und fällt dem Patriarchen in die Arme.

Es ist ein überraschender Moment in den hektischen Minuten nach der ersten Prognose. Im Wahlkampf hatte sich Haseloff intern über mangelnde Unterstützung durch den Ministerpräsidenten beklagt. Mancher Beobachter hatte tatsächlich den Eindruck, als würde Böhmer nicht alles dafür tun, dass Wirtschaftsminister Haseloff sein Nachfolger wird. Böhmer kritisierte öffentlich den blassen Wahlkampf des CDU-Spitzenkandidaten und ließ sich stattdessen mit Jens Bullerjahn, dem SPD-Frontmann, beim Fettbemmen-Essen fotografieren.

Das alles scheint jetzt vergessen: Reiner Haseloff hat für die CDU in Sachsen-Anhalt einen Wahlsieg eingefahren, mit dem in dieser Deutlichkeit nicht zu rechnen war. Zwar hat seine Partei im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren drei Prozentpunkte verloren, sie kommt nur noch auf 32,5 Prozent, aber sie liegt dennoch deutlich vor SPD (21,5) und Linken (23,6). Da die SPD schwächer abgeschnitten hat als erwartet und nur die drittstärkste Fraktion hinter CDU und Linken stellt, deutet alles auf eine Fortsetzung der Großen Koalition hin. Für Haseloff wäre das ein großer Erfolg: Trotz struktureller linker Mehrheit würde er die CDU an der Macht in Sachsen-Anhalt halten.

Als Haseloff am Abend vor die Mitglieder der CDU-Landtagsfraktion tritt, fällt es ihm schwer, seine Genugtuung zu verbergen. Der promovierte Physiker Haseloff ist nicht für Gefühlsausbrüche bekannt, doch jetzt ölt ein breites Lächeln sein Gesicht. "Das ist ein schöner Tag für Sachsen-Anhalt", ruft er seinen Anhängern zu. "Unsere Bürger wollen, dass wir die erfolgreiche Koalitionsarbeit fortsetzen."

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Bullerjahn will sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen

Er will sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen. Aber das fällt ihm schwer. Jens Bullerjahn steht im Foyer vor dem Flur seiner Fraktion, als die erste Prognose über die Bildschirme läuft - ohne jede Regung nimmt er die Zahlen auf. Erst als der Balken für die NPD eingeblendet wird - 4,5 Prozent, es wird also nicht reichen für die Rechtsradikalen mit dem Einzug ins Parlament - nickt Bullerjahn leicht mit dem Kopf.

Er hatte von mehr geträumt. Dass seine Partei abermals nur auf dem dritten Platz hinter CDU und Linke landet, ist bitter für ihn. Bullerjahn gibt gerne den lockeren Typen, der nichts an sich heran lässt - aber dieses Ergebnis trifft ihn. Der SPD-Mann hat bereits fünf Jahre als Vize-Ministerpräsident auf dem Buckel. Und weil es in den vergangenen Wochen so ausgesehen hatte, als könnte die SPD noch an der Linken vorbeiziehen, schien eine rot-rote Koalition unter seiner Führung tatsächlich möglich. Aber es hat wieder nicht gereicht.

Für die meisten Sozialdemokraten, die sich an diesem Tag in den Fluren des Landtags herumdrücken, ist deshalb klar: Dann machen wir eben weiter mit der CDU. Wahlsieger Haseloff sagt ohnehin in jede Kamera, dass er das Bündnis mit der der SPD fortsetzen möchte, im Wahlkampf hatte sich auch Bullerjahn grundsätzlich offen dafür gezeigt. Dass der Spitzenkandidat sich am Wahlabend so zurückhaltend gibt, "erst mal mit den Gremien reden" und das Ergebnis abwarten möchte, ist wohl eher taktischen Erwägungen geschuldet.

Die andere Option: rot-rot-grün

Linke, SPD und die mit 7,1 Prozent überraschend starken Grünen hätten zusammen eine Mehrheit. Aber weil die SPD vor der Wahl ausgeschlossen hat, unter einem Linke-Ministerpräsidenten eine rot-rote-Koalition zu wagen, glaubt in Magdeburg kaum einer an diese Möglichkeit. Wohl nicht einmal bei den Linken, auch wenn deren Spitzenkandidat Wulf Gallert der SPD Gespräche anbietet.

Ein weiteres Szenario: Die SPD bildet eine Art Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen, um dann Anspruch auf den Ministerpräsidenten-Posten zu erheben. Auch das halten die meisten hier für unwahrscheinlich.

Deshalb spricht vieles dafür, dass demnächst Regierungschef Böhmer die Schlüssel der Staatskanzlei an seinen Parteifreund Haseloff übergeben wird - und die CDU in Sachsen-Anhalt weiter regieren wird.

Haseloff macht an diesem Abend einen großen Schritt aus dem Schatten von Böhmer - aber es bleiben große Fußstapfen für den CDU-Mann, in die er nun tritt. Haseloff verfügt über eine Menge politische Erfahrung, vor seiner Aufgabe als Minister war er bereits Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Mit seinem Bürgergeld-Modell, das Langzeitarbeitslosen eine gemeinnützige Beschäftigung bietet, wurde er bundesweit bekannt, viele andere Länder haben es inzwischen übernommen.

Reiner Haseloff ist ein guter Beamter, ein guter Verwalter - aber niemand, der Menschen mitreißt.

Böhmer war kantig, stur - aber immer glaubwürdig

Das war zwar auch Böhmer nicht. Aber er wurde von den Leuten im Land geliebt, weil der Regierungschef ihre Sprache sprach und dabei auch auf die Befindlichkeiten der eigenen Partei keine Rücksicht nahm. Mit Böhmer endet eine Ära: Er war kantig, stur - aber immer glaubwürdig. Haseloff muss seinen eigenen Stil und Ton erst noch finden. Als Ministerpräsident kann er nicht nur administrieren, er muss seine Politik den Menschen auch erklären.

Zumal er es innerhalb einer Großen Koalition schwerer haben dürfte als sein Vorgänger. Die geräuschlose Zusammenarbeit zwischen CDU und SPD in den vergangenen fünf Jahren baute auch auf dem engen Verhältnis zwischen Böhmer und SPD-Mann Bullerjahn. Die Beziehung zwischen Haseloff und Bullerjahn ist weit weniger freundschaftlich.

Und die SPD ist nach dem enttäuschenden Ergebnis angeschlagen. Es ist anzunehmen, dass sie in der neuen Legislaturperiode weniger Rücksicht auf den Koalitionspartner nehmen wird.

Haseloff muss jetzt zeigen, ob er Ministerpräsident kann. Noch ist er nur der Böhmer-Nachfolger.

insgesamt 429 Beiträge
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Seite 1
T. Wagner 20.03.2011
1. Wagner's wahre Worte
Klingt doch gut. Sogar die Wahlbeteiligung ist gestiegen. Keine erdrutschartigen Veränderungen. Nur ein paar Angsthäschen haben sich offenbar von Japan beeindrucken lassen und sind zu den Grünen gewechselt. Glückwunsch, liebe Sachsen-Anhaltiner!
Wolf_68, 20.03.2011
2. Auf Thema antworten
Zitat von sysopIn Sachsen Anhalt hat die CDU die Landtagswahl gewonnen, muss aber voraussichtlich mit der SPD erneut in einer Großen Koalition regieren. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse in Sachsen-Anhalt?
Bei der voraussichtlichen Wahlbeteiligung fehlt aus meiner Sicht etwas die wirkliche Legitimation und mangels wirklicher Alternativen ist es nicht nur relativ sondern absolut egal, welche der 4 etablierten Parteien die Wahl "gewinnt" und an der Regierung beteiligt ist.
Jan B. 20.03.2011
3. ...
Zitat von Wolf_68Bei der voraussichtlichen Wahlbeteiligung fehlt aus meiner Sicht etwas die wirkliche Legitimation und mangels wirklicher Alternativen ist es nicht nur relativ sondern absolut egal, welche der 4 etablierten Parteien die Wahl "gewinnt" und an der Regierung beteiligt ist.
Warum fehlt die Legitimation? wer nicht wählt, hat hinterher kein Recht sich zu beschweren. Und wenn man eine Partei wählt, die sonst kaum chancen hat.
MoonofA 20.03.2011
4. Wo hat die denn gewonnen?
Zitat von sysopIn Sachsen Anhalt hat die CDU die Landtagswahl gewonnen, muss aber voraussichtlich mit der SPD erneut in einer Großen Koalition regieren. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse in Sachsen-Anhalt?
Den Prognosen nach hat die CDU doch über drei Prozent VERLOREN, während die eher linken Parteien zugewonnen haben. Was soll dann die Überschrift das die CDU gewonnen hat aussagen?
AT☢M 20.03.2011
5. fdp schlechter als die braunen
Tschüss FDP. Jetzt habe ich echt Vorfreude, dass sie es auch in Baden-Württemberg nicht schaffen. Dass rechts schlechter als die FDP ist, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht. Niemand braucht weder den einen noch den anderen.
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