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Kämpfe zwischen Jesiden und Muslimen Celle der Gewalt

In der niedersächsischen Provinz prügeln Jesiden und Muslime aufeinander ein - und eine ganze Stadt rätselt: Sind die Ausschreitungen eine Folge des Kriegs in Syrien? Lassen rivalisierende Jugendliche Dampf ab? Ein Besuch in Celle.
Von Christoph Asche

Celle hat nicht gerade den Ruf, Schauplatz bedeutender Konflikte zu sein. Streng genommen hat Celle gar keinen Ruf. Irgendwo zwischen Uelzen und Hannover gelegen, vereint es all das, was man von einer mittelgroßen deutschen Stadt erwartet: eine Bahnhofsstraße, die in die Innenstadt mündet, viele Frisöre, gemütliche Provinz.

Seit Anfang dieser Woche jedoch herrscht in Celle Ausnahmezustand. Am Montag hatten sich Jesiden und tschetschenische Muslime eine Massenschlägerei geliefert, in der Nacht zum Mittwoch kam es in einem Wohngebiet in Bahnhofsnähe erneut zu Ausschreitungen. Hunderte Polizisten waren im Einsatz. Sie wurden von beiden Gruppen mit Knüppeln, Steinen und Flaschen angegriffen. Vier Beamte und fünf weitere Personen erlitten Verletzungen.

In Celle haben sich über die Jahre viele Kurden angesiedelt, rund 3000 leben in der 70.000-Einwohner-Stadt. Die meisten von ihnen sind Jesiden, Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gehen Sicherheitskreise davon aus, dass sich der Konflikt in Celle schon länger anbahnte. Ob die aktuellen Auseinandersetzungen aber tatsächlich einen politischen Hintergrund haben, weiß bisher noch niemand.

Natürlich gibt es Gerüchte. Dass es bei dem Gewaltausbruch um den Krieg in Syrien gegangen sei. Um die umkämpfte Grenzstadt Kobane. Dass die Jesiden aufgebracht sind, weil ihre Angehörigen dort auch von tschetschenischen Kämpfern der Miliz "Islamischer Staat" angegriffen würden. Bestätigt ist diese Theorie nicht. Ebenso gut könnte es sich "nur" um eine ausgeuferte Schlägerei unter jungen Männern gehandelt haben.

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Jesiden vs. Muslime: Prügelnder Mob auf Celles Straßen

Foto: Benjamin Westhoff/ dpa

Auf jeden Fall sei es "sehr surreal" gewesen, was sich in den vergangenen Tagen in Celle abgespielt habe, berichtet eine Frau, die ihre Imbissbude in der Innenstadt auf Rat der Polizei erst am Mittwoch wieder aufmacht. "Wir alle hier hatten eine höllische Angst." Sie hat die Auseinandersetzungen von ihrer Dachgeschosswohnung aus gefilmt, zeigt die Aufnahmen auf dem Smartphone. Ein Meer aus Blaulicht, kaum erkennbare Gestalten, Tumult.

24 Stunden lang "die absolute Hölle"

"So etwas will ich nie wieder erleben, so grauenvolle Bilder kannte ich bislang nur aus der Zeitung", sagt ein Rettungssanitäter, der am Montagabend im Einsatz war und sich um zwei Verletzte kümmerte. Die Gruppen seien mit enormer Brutalität vorgegangen, anders könne er sich manche Verletzungen nicht erklären. "Das war 24 Stunden lang die absolute Hölle, für die ganze Stadt", fügt er hinzu.

In den Straßen in der Nähe des Bahnhofs stehen ein paar Leute in einer Hofeinfahrt und diskutieren mit ihren Nachbarn über die Ereignisse. "Das sind keine Muslime, das sind Salafisten", sagt ein aufgebrachter Jeside, dessen Sohn unter den Demonstranten war. "Die Salafisten" hätten ihn mit Messern und Schlagstöcken bedroht. Wie es überhaupt zu den Schlägereien kam, weiß der Mann aber auch nicht. "Da ist viel Hass dabei", sagt er nur.

Wo Polizisten wenige Stunden zuvor noch Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzten, ist wieder Ruhe eingekehrt - vorerst. Doch die Staatsgewalt bleibt präsent. Alle paar Minuten fährt ein vollbesetzter Mannschaftswagen vorbei, viele Menschen trauen sich jetzt erst wieder aus ihren Häusern.

Die Ermittlungen der Polizei laufen

Nun mischt sich auch die Politik ein. Vertreter der Jesiden und Muslime haben sich mit Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende getroffen, um die Lage zu beruhigen. Beide Seiten seien sich einig gewesen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden müssen, berichtete die "Cellesche Zeitung". 

Niemand weiß, wie es jetzt weitergeht in Celle. Jederzeit könnte es wieder zu Unruhen kommen, fürchten viele Anwohner, und auch die Polizei schließt weitere Vorfälle nicht aus. Zunächst gehe es jetzt aber darum, die Vorfälle vom Montag und Dienstag aufzuklären, sagt ein Polizeisprecher. Bislang ermittele man wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs und der schweren Körperverletzung. In den kommenden Tagen wolle man einzelne Personen vorladen.