Machtkampf bei den Grünen Alles auf eine Karte

Nach Jahren an der Spitze war für Cem Özdemir kein Platz mehr in der ersten Reihe der Grünen. Nun will er es noch mal wissen und an die Spitze der Bundestagsfraktion. Was treibt ihn an?

Cem Özdemir will Fraktionschef im Bundestag werden
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Cem Özdemir will Fraktionschef im Bundestag werden

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Endlich sind die Parlamentsferien zu Ende, am Mittwoch steht die Generaldebatte an, für die Opposition traditionell die Chance zur Abrechnung mit der Bundesregierung. Ein wichtiger Auftritt also für die Fraktionsvorsitzenden auch der Grünen. Doch egal ob nun Katrin Göring-Eckardt oder Anton Hofreiter die Politik der Koalition auseinanderzunehmen versucht - die Frage, die sich alle stellen werden, ist: Könnte Cem Özdemir das besser?

Die am Wochenende überraschend angekündigte Kampfkandidatur Özdemirs um die Fraktionsspitze hat die Partei und ihre Abgeordneten im Bundestag in große Aufregung versetzt. Statt sich voll auf die Haushaltswoche zu konzentrieren, beschäftigen sich die Grünen vor allem mit sich selbst. Es wird spekuliert und gerätselt, welche Chancen Özdemir und seine Ko-Kandidatin Kirsten Kappert-Gonther gegen die amtierende Fraktionsspitze haben, was ihn antreibt, was hinter seinem Comeback-Versuch steckt.

Es war ja zuletzt ziemlich still geworden um Özdemir. Als Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur kümmerte er sich vor allem um Fachfragen. Befürchtungen, er könnte von der Seitenlinie aus die neue Geschlossenheit stören, bewahrheiteten sich nicht. Nur selten gab es noch die großen Momente, vor anderthalb Jahren etwa, als Özdemir in einer vielzitierten Rede die AfD angriff. Der Clip mit seinem Auftritt wurde tausendfach im Netz geteilt, die Uni Tübingen zeichnete Özdemir für die "Rede des Jahres" aus.

Özdemir hat viele Gegner

Damals, im Februar 2018, war er noch nicht lange weg aus der ersten Reihe. Einen Monat zuvor hatte er den Posten als Parteivorsitzender nach zehn Jahren aufgegeben. Den Plan, seinerzeit schon Fraktionschef zu werden, ließ er fallen - keine Aussicht auf eine Mehrheit. Die Jamaika-Verhandlungen platzten und damit auch der Traum, womöglich Außenminister zu werden.

Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe, Özdemir zieht es zurück an die Spitze. Er will es nochmal wissen, die Bundestagsfraktion führen, die im Schatten der omnipräsenten Parteidoppelspitze aus Annalena Baerbock und Robert Habeck steht. Özdemir glaubt, dass sich das ändern muss, dass er es besser kann als Göring-Eckardt und Hofreiter.

Tatsächlich sind nicht alle glücklich mit den beiden. Vor allem mit Hofreiter hadern viele Grünen-Anhänger: Nur 56 Prozent sind laut einer Civey-Umfrage mit seiner Arbeit dauerhaft zufrieden. Aber natürlich weiß Özdemir: Auch er hat nicht nur Fans. Gerade jetzt könnten sich die Reihen nun hinter Hofreiter und Göring-Eckardt schließen. Und doch setzt Özdemir darauf, dass die Unzufriedenheit in der Fraktion größer ist, als die Vorbehalte gegen ihn.

Kirsten Kappert-Gonther, Cem Özdemir
Michael Kappeler/dpa

Kirsten Kappert-Gonther, Cem Özdemir

Dass er ausgerechnet mit Kirsten Kappert-Gonther antritt, ist bemerkenswert. Kappert-Gonther ist erst seit zwei Jahren im Bundestag, sie konnte sich nicht über Jahre ein Netzwerk aufbauen. Sie kommt aus Bremen, einem kleinen Landesverband, gilt durchaus als durchsetzungsstark. Einige hätten ihr zeitnah den Sprung in den Fraktionsvorstand zugetraut - dass sie sich aber gleich als Fraktionsvorsitzende bewirbt, ohne offenbar in der Breite bei den Kollegen vorzufühlen, sorgte nun aber doch für Irritationen.

Für sie allerdings wäre ein Scheitern deutlich weniger riskant als für Özdemir: Ihre Bekanntheit in der Hauptstadt hat sich auf einen Schlag vervielfacht, sie beweist Mut - und empfiehlt sich damit auch für künftige Positionen.

Özdemir als Kretschmann-Nachfolger?

Für Özdemir dagegen steht viel mehr auf dem Spiel: Eine Niederlage könnte das Ende all seiner politischen Ambitionen bedeuten. Sucht er seine letzte Chance?

Der Blick fällt dabei auch nach Baden-Württemberg: Noch immer ist nicht klar, ob Ministerpräsident Winfried Kretschmann dort bei der Landtagswahl 2021 noch einmal antritt - tut er es nicht, wäre der selbst ernannte "anatolische Schwabe" Özdemir einer der naheliegenden Nachfolger.

Mit seiner Kandidatur für den Fraktionsvorsitz hat er sich den Weg nach Baden-Württemberg zumindest kurzfristig verbaut. Wird er wirklich Fraktionschef, kann er schlecht nach kurzer Zeit verkünden, dass es ihn in den Südwesten zieht. Andererseits: Tritt Kretschmann nochmal an, um das Amt nach zwei Jahren an einen Nachfolger zu übergeben, wäre Özdemir im Spiel.

Doch Özdemirs Verhältnis zum Ministerpräsidentenamt ist nicht abschließend geklärt. Er lässt zwar keinen Zweifel an seiner Liebe zum Ländle, aber ob er wirklich seinen Lebensmittelpunkt nach Stuttgart verlegen will, lässt er offen.

Der Traum vom Außenministerium

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt: Die Kampfkandidatur kam überraschend
Kay Nietfeld/ DPA

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt: Die Kampfkandidatur kam überraschend

Özdemirs Anhänger frohlocken nun, weil sie schon immer der Meinung waren, man könne ein politisches Talent wie ihn nicht auf der Hinterbank versauern lassen. Der Fraktion sei mit ihm als Vorsitzendem mehr Aufmerksamkeit gewiss.

Seine Gegner erinnern an die Machtkämpfe in der Bundesgeschäftsstelle zu seinen Zeiten als Vorsitzender, an Probleme mit den Landesvorsitzenden und seinen Alleingängen. Besonders das Verhältnis zu seiner damaligen Ko-Vorsitzenden Simone Peter galt dabei als problematisch. Sie aber verteidigt Özdemir nun: "Eine persönliche Schlammschlacht war das sicher nicht", sagte sie dem SPIEGEL. "Die Schwelle zu persönlichen Angriffen wurde nie überschritten."

Dennoch: Die Sorge ist groß, dass Özdemir die Harmonie bei den Grünen stören könnte. Eine Kampfkandidatur ist nun mal eine Kampfkandidatur, auch wenn Bundesgeschäftsführer Michael Kellner sich am Montag bemüht, diese als "demokratische Normalität" kleinzureden.

In dieser Normalität kann Özdemir auch verlieren. Er selbst hat stets betont, dass er nicht an der Politik hänge. "Es war mir immer wichtig, dass ich meine Brötchen auch außerhalb der Politik verdienen kann", sagte er 2017 in einem Gespräch mit dem "Tagesspiegel". "Ich mache das hier mit Leidenschaft, aber es gibt auch anderes."

Noch aber will er nichts anderes. Im Gegenteil, er setzt alles auf eine Karte. Wird er Fraktionsvorsitzender, steht ihm der Weg ins Kabinett im Falle einer grünen Regierungsbeteiligung offen: Der Traum, Außenminister zu werden, könnte sich doch noch erfüllen.



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insgesamt 58 Beiträge
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ohnefilter 09.09.2019
1. In dem Alter...
... muss man sehen, wo man bleibt.
tzoumaz 09.09.2019
2. Cem und Katrin Göhring-Eckhardt
treibt die Egomanie. Beide wurden zur Recht entmachtet, können aber mit dem Machtverlust schlecht umgehen. Ich glaube und hoffe, das die beiden bei den Grünen keine große Rolle mehr spielen werden. Cem, beim Diesel-Daimler ist immer ein Job für dich frei.
kaltmamsell 09.09.2019
3. Einerseits fragt man sich: Was treibt ihn an?
Andererseits fragt man sich, warum weiß (seine "Fraktions-Gattin") Göring-Eckardt nichts davon? Ja, das ist jetzt echt eine einfache Frage. Ich möchte das nicht komplizierter darstellen.
alternativlos 09.09.2019
4. Das BW-Narrativ hat gefälligst wirken zu müssen dürfen
So dass man sich in den Dienst der Partei stellt, die Fehler der Vergangenheit sind dabei Makulatur, solange einem der Erfolg Recht gibt. Eigentlich ganz einfach...wenn da nicht die Elefanten am Aussterben bedroht wären. Weiterhin Alles Gute
J_A_P 09.09.2019
5. tja der Cem
ist halt ein Politiker wie viele. Unvergessen seine Bonusmeilen Affäre. Und immer präsent wenn man an unsympathische Besserwisser denkt. Er mag ja ein guter Politiker sein. Aber als er noch präsenter war waren die Grünen nicht so stark wie jetzt. Die Doppel-Spitze ist sogar Vorbild für die SPD. Der Cem sollte lieber an die Partei und deren Wohl denken. Wie kommt er nur auf die Idee es besser machen zu können....Kopf schüttel. Aber ist halt Demokratie...und zeigt eben schön ...auch bei den Grünen gibt es nicht nur "Grüne" Engel...sondern auch einige die an die eigenen Vorteile denken. So sehe ich das jedenfalls.
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