Grünen-Chef will Stuttgarter Direktmandat Özdemirs größte Chance

Es läuft nicht mehr für die Grünen im Wahlkampf. Umso größer könnte der Triumph für Bundeschef Cem Özdemir geraten, falls er diesmal das Direktmandat in seinem Stuttgarter Wahlkreis holt. Er kämpft auch um seine künftige Rolle in der Partei.

DPA

Von , Stuttgart


Den besten Platz haben die Schüler auf den Turnmatten. Sie fläzen sich direkt vor der Bühne, auf der die fünf Bundestagskandidaten Platz genommen haben. Ein paar hundert Erstwähler sind an diesem Morgen in die Turnhalle des Wirtschaftsgymnasiums West gekommen, um sich ein Bild von den Kandidaten im Stuttgarter Wahlkreis I zu machen. Die beiden Favoriten sitzen nebeneinander: Cem Özdemir, 47, Grüne, und der CDU-Politiker Stefan Kaufmann, 44.

Özdemir trägt Turnschuhe zum Sakko und hat sich einen Baumwollschal lässig umgewickelt. In Berlin erlebt man den Grünen-Chef in der Regel in dunklem Zwirn und Schlips, aber der Mann ist eben ein Profi. Wie soll man sich als Grüner denn auch sonst absetzen von einem CDU-Politiker wie Kaufmann, der offen homosexuell ist und optisch ebenso wenig dem Typ klassischer Christdemokrat entspricht? Auch Kaufmann trägt keinen Anzug vor den Schülern.

Özdemir gegen Kaufmann - so lautet das Duell im Zentrum Stuttgarts und den angrenzenden Stadtteilen. Doch beim Kampf um diesen Wahlkreis geht es um viel mehr: Gewinnt Özdemir, wäre er der zweite Grüne nach Hans-Christian Ströbele mit einem Direktmandat im Bundestag. Es wäre ein Triumph für den Mann, den einflussreiche Leute in seiner Partei immer noch für ein politisches Leichtgewicht halten.

Das mögliche Direktmandat gewinnt für Özdemir in diesen Tagen noch zusätzlich an Wert, da die Grünen in den Umfragen schwächeln und Spitzenkandidat Jürgen Trittin wegen der Pädophilie-Debatte angezählt wirkt. Ein Erfolg in dieser Situation - damit käme an Özdemir nach der Wahl kein Grüner mehr vorbei.

Özdemir könnte auch einer der grünen Hauptverlierer sein

Andererseits: Unterliegt er Kaufmann nach 2009 zum zweiten Mal und holt die Partei im Bund ein mieses Ergebnis, ist der Vorsitzende Özdemir einer der grünen Hauptverlierer. Sollten seine Leute, die Realos, dann einen wirklichen Generationswechsel einleiten, könnte es bitter ausgehen für ihn. Den Parteivorsitz wäre Özdemir wohl los, der viel einflussreichere Posten des Fraktionschefs unerreichbar. Für Kaufmann geht es um alles: Anders als Özdemir ist der Jurist auf der Landesliste seiner Partei nicht abgesichert, im Falle einer Niederlage verlöre Kaufmann sein Bundestagsmandat und wohl auch den CDU-Kreisvorsitz.

Es steht also eine Menge auf dem Spiel für die beiden, aber davon lassen sie sich an diesem Morgen vor den Wirtschaftsgymnasiasten nichts anmerken. Jeder spielt routiniert seine Rolle: Hier der grüne Bundespolitiker, da der Mann aus Stuttgart. Das klingt dann so:

Özdemir: "Ich habe neulich Besuch gehabt von BMW-Chef Reithofer."

Kaufmann: "Ich lebe in Stuttgart und bin mehr als 50 Prozent meiner Zeit hier."

Özdemir, geboren in Bad Urach, kann immer noch auf Knopfdruck schwäbeln, aber der Grüne versucht diesmal, anders als vor vier Jahren, gar nicht erst, dem Lokalpolitiker Kaufmann diesbezüglich das Terrain streitig zu machen. Özdemir setzt darauf, dass die Leute jemanden wählen, den sie von Plasberg oder Illner kennen.

Wer mit ihm unterwegs ist, gewinnt den Eindruck, dass dieser Plan aufgehen könnte. Wenn Özdemir an Haustüren wie an diesem frühen Abend im Lehenviertel klingelt, kann er sich die Vorstellung in der Regel schenken: "Sie sind doch der Herr Özdemir." Ähnlich geht es ihm, wenn er in der Fußgängerzone am Schlossplatz die örtliche Obdachlosenzeitung verkauft. Die "Stuttgarter Zeitung" stellte jüngst bei einer Straßenumfrage fest, dass den CDU-Kandidaten Kaufmann acht von zehn Passanten nicht erkannten.

Es wird ein knappes Rennen

Umfragen gibt es nicht für den Wahlkreis Stuttgart I, lediglich Projektionen der Statistiker von election.de - dort sieht man ein knappes Rennen mit leichten Vorteilen für Kaufmann, bei der Wahlwette von SPIEGEL ONLINE liegt Özdemir vorn. Zuletzt gab es eine Nachricht, die Özdemirs Chancen verbessern dürfte: SPD und Grüne haben sich auf eine gegenseitige Absprache verständigt. In Özdemirs Wahlkreis ruft die SPD ihre Wähler zur Erststimme für den Grünen auf, andersherum läuft es im Wahlkreis Stuttgart II.

Auch die Tatsache, dass Stuttgart immer grüner geworden ist, dürfte eher für Özdemir sprechen. Oben auf dem Berg residiert mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein Parteifreund, unten im Tal mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn ein zweiter.

Mehr Probleme bereitet Özdemir das Steuerprogramm seiner Partei. Offenbar ist ein Teil der wohlhabenden grünen Klientel in der Landeshauptstadt wenig begeistert von der Tatsache, dass die Grünen ihnen an den Geldbeutel wollen, wie Özdemir auf mancher Veranstaltung erlebt. Dann wird es ungemütlich für den Parteichef. Und auch die ewigen Gegner von Stuttgart 21, die den Grünen Verrat vorwerfen, könnten Özdemir Stimmen kosten.

Beide Seiten glauben an den Sieg. "Die Absprache zwischen SPD und Grünen könnte eher mobilisierend auf meine Wähler wirken", sagt Kaufmann. Özdemir meint: "Es wird ein knappes Rennen, aber ich bin optimistisch."

Immerhin scheinen alle Beteiligten gelernt zu haben, dass die Stuttgarter keinen Schmutz im Wahlkampf mögen. 2009 ging es hoch her zwischen den beiden Lagern. Aber die eine oder andere Stichelei bleibt auch diesmal nicht aus. So wertet Kaufmann die SPD-Grünen-Absprache als Beitrag zur Politikverdrossenheit, obgleich ähnliches zwischen Union und FDP seit jeher in vielen Wahlkreisen praktiziert wird. Bei Özdemir klingt das Negative Campaigning auf einer Veranstaltung so: "Ich war gestern mit dem CDU-Kollegen bei einer Podiumsdiskussion, da hat er erstmal den falschen Stadtteil begrüßt." Kaufmann sagt, das stimme nicht.

insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
Freigeist73 19.09.2013
1. Wahlabsprachen sollten illegal sein
Wenn sich die Grünen und SPD die Stimmen zuschustern wie raffgierige Bänker das Geld, so ist das aus meiner Sicht absolut unmoralisch und sollte unter Strafe gestellt werden. Dies ist ein Betrug am Wähler und darf aus nach meinem Verständnis für Demokratie nicht sein. Herr Özdemir sollte von solchen Aktionen Abstand nehmen. Dies wird aber garantiert nicht passieren. So sind sie halt, die roten und die grünen und wenn wir pech haben, bekommen wir die dunkelroten auch noch dazu. Dann heisst es: Willkommen in der DDR 2.0
dig 19.09.2013
2.
Zitat von Freigeist73Wenn sich die Grünen und SPD die Stimmen zuschustern wie raffgierige Bänker das Geld, so ist das aus meiner Sicht absolut unmoralisch und sollte unter Strafe gestellt werden. Dies ist ein Betrug am Wähler und darf aus nach meinem Verständnis für Demokratie nicht sein. Herr Özdemir sollte von solchen Aktionen Abstand nehmen. Dies wird aber garantiert nicht passieren. So sind sie halt, die roten und die grünen und wenn wir pech haben, bekommen wir die dunkelroten auch noch dazu. Dann heisst es: Willkommen in der DDR 2.0
Wer zwingt Sie oder andere, sich an die "Absprache" zu halten?
rainer_daeschler 19.09.2013
3. Stimme als Handelsobjekt
Die Stimme des Wählers als Handelsobjekt, das kommt nicht gut bei ihm an, egal von welcher Partei ein Kandidat ist.
tanmenu 19.09.2013
4. Miles and More
Zitat von sysopDPAEs läuft nicht mehr für die Grünen im Wahlkampf. Umso größer könnte der Triumph für Bundeschef Cem Özdemir geraten, falls er diesmal das Direktmandat in seinem Stuttgarter Wahlkreis holt. Er kämpft auch um seine künftige Rolle in der Partei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cem-oezdemir-will-in-stuttgart-das-direktmandat-a-922962.html
Bei diesen Leuten wird alles zur Ware. Unfassbar. "N`so, Miss Sofie: I declare this bazar for open"
krenz57 19.09.2013
5. Freigeist 73
Aber bei schwarzgelb finden sie das sicher prima
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