Abstimmung über Chancen-Aufenthaltsrecht Wie die Ampel Zugezogenen schneller eine Zukunft in Deutschland bieten will

Ausländer harren in Deutschland oft Jahre in unsicherer Duldung aus. Die Ampel will gut Integrierten mit dem Chancen-Bleiberecht nun eine Perspektive bieten. Doch die Union sieht vor der Abstimmung Fehler im Gesetz.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an der Seite von Innenministerin Nancy Faeser (SPD, r.) und der Integrationsbeauftragten Reem Alabali-Radovan (SPD) bei einer Veranstaltung für Zugezogene

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an der Seite von Innenministerin Nancy Faeser (SPD, r.) und der Integrationsbeauftragten Reem Alabali-Radovan (SPD) bei einer Veranstaltung für Zugezogene

Foto: John Macdougall / dpa

Die Bundesregierung hat gleich mehrere Baustellen aufgemacht, um die Migrationspolitik der vergangenen Jahre zu renovieren. Die deutsche Staatsbürgerschaft soll für Ausländerinnen und Ausländer leichter erreichbar sein, gerade erst wurde auch ein Eckpunktepapier zur besseren Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland beschlossen. Am weitesten voran ist das sogenannte Chancen-Aufenthaltsrecht – der Gesetzentwurf kommt heute Morgen im Bundestag zur Abstimmung.

Nach den Plänen der Ampel soll das Chancen-Aufenthaltsrecht gut integrierten Ausländern, die schon mehrere Jahre ohne gesicherten Status in Deutschland leben, eine Perspektive bieten. Wer zum Stichtag 31. Oktober 2022 fünf Jahre im Land lebt und nicht straffällig geworden ist, soll 18 Monate Zeit bekommen, um die Voraussetzungen für einen langfristigen Aufenthalt zu erfüllen – dazu gehören etwa Deutschkenntnisse und die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts.

Doch am Gesetzentwurf gibt es Kritik aus den Reihen der Union. »Der deutsche Arbeitsmarkt steht den Ausreisepflichtigen schon jetzt weit offen. Tausende ehemalige Ausreisepflichtige, die hier arbeiten und gut integriert sind, haben zudem längst ein Aufenthaltsrecht«, sagte er innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm (CDU), der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Davon gebe es nur eine große Ausnahme: »Die Ausreisepflichtigen, deren Identität nicht geklärt ist, weil sie sonst Gefahr laufen, abgeschoben zu werden.« Diese Gruppe solle durch das Chancen-Aufenthaltsrecht privilegiert werden, indem sie ohne Gefahr einer Rückführung dauerhaft hierbleiben könne.

»Win-win-Situation für alle Seiten«

Widerspruch gibt es vonseiten der SPD. Mit dem Gesetz »beenden wir die Unsicherheit vieler geduldeter Menschen, die sich von einer Duldung zu nächsten hangeln und eröffnen ihnen Perspektiven«, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Hartmann, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Das sei für die betroffenen Menschen genauso wichtig wie für viele Arbeitgeber etwa im Handwerk oder in der Pflege, die Beschäftigte hätten, die bisher nur über eine Duldung verfügten. »Das ist eine Win-win-Situation für alle Seiten, für die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft, und die Einleitung des dringend notwendigen Paradigmenwechsels in Deutschland«, sagte Hartmann.

Neben dem Chancen-Aufenthaltsrecht versucht die Ampel auch auf anderen Wegen die deutsche Migrationspolitik zu reformieren. Im Bundestag soll heute so auch über Maßnahmen zur Beschleunigung von Asylverfahren entschieden werden. Am Mittwoch hatte das Bundeskabinett zudem Eckpunkte zur erleichterten Einwanderung von Fachkräften auf den Weg gebracht.

Um mehr Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen, will die Bundesregierung die Regeln für Einreise und Anerkennung von Berufsabschlüssen vereinfachen. Auswahlkriterien sollen etwa Berufserfahrung oder Deutschlandbezug sein. In der Wirtschaft stießen die Pläne auf Wohlwollen, Fachkräfte aus dem Ausland werden dringend benötigt. Der Städte- und Gemeindebund schlug unter anderem vor, den Außenhandelskammern im Ausland die Erteilung von Visa zu ermöglichen. »Die Visa-Stellen an den deutschen Botschaften sind das Nadelöhr, durch das viele nicht durchkommen. Wir sollten daher die Außenhandelskammern befähigen, ebenfalls Visa und befristete Aufenthaltsgenehmigungen zu erteilen, weil sie den besten Kontakt zu den deutschen Arbeitgebern haben, die eine Fachkraft gefunden haben und einstellen wollen«, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der »Rheinischen Post«.

Eine weitere Baustelle in der Migrationspolitik ist die Staatsbürgerschaft. Die Ampelparteien wollen laut ihrem Koalitionsvertrag ein »modernes Staatsangehörigkeitsrecht« schaffen mit der Möglichkeit zur Einbürgerung »in der Regel nach fünf Jahren«
– derzeit sind es acht. »Bei besonderen Integrationsleistungen« – etwa herausragenden Leistungen in Schule und Beruf oder besonders guten Sprachkenntnissen – könnten es künftig auch drei Jahre sein. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte ihre Pläne dafür kürzlich vorgelegt.

»Eindeutig positive Effekte auf die Integration in den Arbeitsmarkt«

Vorgesehen ist auch, dass in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern automatisch Deutsche werden, wenn ein Elternteil bereits seit fünf Jahren »seinen rechtmäßigen gewöhnlichen Aufenthalt« in Deutschland hat. Bislang war das erst nach acht Jahren der Fall. Wer Deutscher oder Deutsche werden will, soll zudem die alte Staatsbürgerschaft dafür nicht mehr aufgeben müssen. Die Union lehnt die Erleichterungen ab.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit stellte sich dabei nun hinter die Bundesregierung. »Es ist sinnvoll, dass die Ampel die Einbürgerung erleichtern will. Die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft hat eindeutig positive Effekte auf die Integration in den Arbeitsmarkt«, sagte IAB-Migrationsforscher Herbert Brücker der »Rheinischen Post«. Menschen, die den deutschen Pass bekommen, würden leichter eingestellt, ihre Verdienste stiegen, und sie seien leistungsbereiter.

»Der Pull-Effekt durch die Möglichkeit einer schnelleren Einbürgerung ist für höher qualifizierte Menschen, die sich für Deutschland interessieren, deutlich höher als für geringer Qualifizierte. Und wir wollen ja, dass mehr Fachkräfte nach Deutschland kommen. Gerade für qualifizierte Menschen aus Drittstaaten ist das ein sehr positives Signal«, sagte der Experte.

Städte- und Gemeindebundschef Landsberg hingegen äußerte sich skeptisch. »Die Frage, ob jemand acht oder fünf Jahre hier gelebt hat, sollte nicht darüber entscheiden, ob jemand die deutsche Staatsbürgerschaft erhält. Viel wichtiger sind Kriterien wie Sprachkenntnisse, Qualifikation und Einkommen«, sagte er der »Rheinischen Post«.

mrc/dpa
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