Chancen der Linken Boom und Begehrlichkeit

Der neue Aufschwung in Deutschland weckt Begehrlichkeiten bei denen, die bislang zu kurz gekommen sind. Für die Linken könnte der Boom daher paradoxerweise zur Chance werden.

Von Franz Walter


Auf einmal war es vorbei. Plötzlich, in den frühen Frühjahrstagen 2007, verstummte das Dauergejammer über "German Disease". Stattdessen feierte man den neuen deutschen Aufschwung, der nach all den düsteren Diagnosen marktdogmatischer Auguren über die Verkrustung, Reformunfähigkeit, Vergreisung, Vollkasko-Mentalität der deutschen Gesellschaft niemals hätte stattfinden dürfen. Vergessen das alles, nun ist vielmehr gute Laune angesagt. Zuversicht – so heißt jetzt die neue Parole.

Krisenprophet Lafontaine: Nutzer des Booms?
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Zuversicht – das könnte in der Tat auch Antriebsstoff für all diejenigen sein, die seit Jahren mit dem globalisierten Kapitalismus hadern. In den Zeiten der langen Krise seit etwa 1973 ist ihre Wirkung bemerkenswert beschränkt geblieben. Doch wissen wir aus der Geschichte, dass die Jahre tiefer ökonomischer Depressionen gesellschaftliche Oppositionen in der Regel nicht anfeuern, sondern eher paralysieren. Armut und wirtschaftlicher Rückstand lähmen, zehren Energien auf, individualisieren negativ. Die Menschen verlassen in solchen Situationen resigniert ihre bisherigen Zusammenschlüsse, ziehen sich auf sich selbst zurück, werden apathisch, sehen keine Wege und Möglichkeiten, die Verhältnisse zu ändern, gar zu bessern. Religionen und kulturelle Einflüsse können den Fatalismus noch stärken, geistig gewissermaßen grundieren. Daher lehnten sich die Sklaven in Amerika lange nicht auf; deshalb gingen die kastenlosen Hindus in Indien nicht auf die Barrikaden; daher führten die krassen Sozialunterschiede in China jahrhundertelang nicht zur Explosion.

Jedenfalls: Das niederdrückende Gewicht der ökonomischen Malaise muss sich erst verringern – erst dann kann sich das soziale Elend in bewusste Unzufriedenheit transferieren, erst dann lösen sich die strangulierenden Fesseln, erst dann ist die selbstbewusste Offensive der zuvor Gebeutelten realistisch.

Diese Erfahrung findet man in schöner Konstanz in der Historie der Menschen: Je stärker sich die Lage ökonomisch verbessert, desto vernehmlicher artikuliert sich die Unzufriedenheit über die Umstände. Alexis de Tocqueville hat auf diesen Zusammenhang von wirtschaftlicher Blüte und rebellischen Trotz schon in seinen Studien zur französischen Revolution aufmerksam gemacht: "Die Franzosen haben ihre Lage um so unerträglicher gefunden, je besser sie wurde (…) Sehr oft geschieht es, dass ein Volk, das die drückenden Gesetze ohne Klage und gleichsam als fühle es sie nicht, ertragen hatte, diese gewaltsam beseitigt, sobald ihre Last sich vermindert. Die Regierung, die durch eine Revolution vernichtet wird, ist fast stets besser als die unmittelbar Voraufgegangene." So hielt Tocqueville die kollektive Befindlichkeit im französischen Volk und die politische Lage zu Beginn der großen Unruhen in Paris fest.

Gerade die fortgeschrittensten Regionen Frankreichs, in denen Reformen bereits gegriffen hatten, der Wohlstand sich allmählich ausbreitete, wurden zu Brennpunkten der revolutionären Erhebung. Dagegen blieben die sozial und wirtschaftlich rückständigen Landesteile durchweg Domänen der politischen Rechten, später: der aristokratischen Konterrevolution. Andere Forscher haben ebenfalls konstatiert, dass die Siedepunkte gesellschaftlicher Erregung und des Veränderungsdrangs – 1642, 1776, 1789, 1917 – in ökonomischen Aufwärtszyklen lagen.

Der Sozialwissenschaften Mancur Olson hat daher rapides wirtschaftliches Wachstum als "tiefgreifendsten Destabilisierungsfaktor" und "spalterische Kraft" bezeichnet, statt es, wie so oft unterstellt, als Tank für innere Ruhe zu halten. Der erfolgreich entfesselte Markt derangiert die sozialen Verhältnisse, löst Bindungen auf und entreguliert damit konservative Ordnungssysteme. Er vervielfacht die Anpassungsaufgaben des Staates, der dadurch überfordert ist und etliche Fehlentscheidungen produziert. Vor allem aber: Der wirtschaftliche Aufschwung kreiert Möglichkeiten, beendet die Phase des Fatalismus, des passiven Sich-Schickens in die Verhältnisse, da die ökonomische Hausse deutlich werden lässt, das es auch anders geht - dass Not, Armut, Erwerbslosigkeit, materielle Entbehrung keine allein demütig zu ertragende Unveränderlichkeit sein müssen. Erst diese Erfahrung realistischer alternativer Möglichkeiten durch wirtschaftliches Surplus stacheln Menschen zu Aktivitäten an, wecken Begehrlichkeiten, inspirieren zu neuen Ansprüchen.

Man kann hier mit Olson auf das Kuba vor Castros Revolution hinweisen, dass von allen minderentwickelten Ländern in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre wirtschaftlich die weitgehendsten Erfolge verbuchte. Auch die großen, hart und lang geführten Streiks fielen in der Geschichte der Industriegesellschaft überwiegend im Abschnitt der Hochkonjunkturen, kaum einmal in Momenten der Stagnation oder der Baisse. Und es ist kein Zufall, dass in den letzten Wochen, seitdem Aufschwungsstimmung in der Republik herrscht, die Streikparole wieder erheblich lauter in Deutschland zu hören ist - bei Telekom, im Baugewerbe, in Druckereien.



insgesamt 9 Beiträge
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stucki, 15.06.2007
1. Heilsverkünder
Ich hoffe nicht, dass allzu viele Leute diesen Heilsverkündern und Phrasendreschern auf den Leim gehen. Natürlich höhrt sich das alles erst einmal gut an. Aber bei genauerer Betrachtung bleibt außer heißer Luft und aufgewirbeltem Staub der frustrierten Ex-SPD-lern und selbsternannten Robin-Hoods nichts über. Wie bei allen anderen Parteien auch, wird sich in einer Regierungsbeteiligung zeigen, was von den Sozialisten übrig bleibt (siehe Berlin).
fenstergugger, 15.06.2007
2. So richtig zustimmen kann man diesem Artikel
leider nicht, denn ich sehe keinen Aufschwung in Deutschland, der beachtenswert wäre, um solche Aussagen zu treffen. Es gibt zwar einen Aufschwung, allerdings ist dieser mehr gefühlt, als dass er tatsächlich vom Großteil der Deutschen erlebt wird. Auch würde ich ihn nicht Boom nennen. Grund für den Zulauf für neue Parteien, sehe ich in der Unfähigkeit der Regierung, eine Politik für *alle Menschen* zu machen. Sieht man nur die Anzahl derer ohne Arbeit und die Zahl, die die Regierung als Arbeitssuchende ansieht, dann merkt man, dass die Regierung jegliches Interesse an allen Deutschen verloren hat. Daher wenden sich diese Menschen, verständlich, einer anderen Interessenvertretung zu. Sie als Unterschicht zu bezeichnen zeigt, wie sie die gut versorgte Gesellschaftsschicht sieht ;(. Schönen Tag
sam clemens, 15.06.2007
3. Theoriebildung?
Erstens: Was ist denn mit den "Revolutionen", die wesentlich auf wirtschaftliche Krisen zurückzuführen waren -Russland 1905, Deutschland 1918, DDR 1989? Zweitens: Walter vernachlässigt, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen - meinetwegen auch Klassen - in unterschiedlichem Maße am durch wirtschaftlichen Aufschwung entstehenden Reichtum teilhaben. Hat denn z.B. die Mehrheit der Kubaner von den wirtschaftlichen Erfolgen während des Batista-Regimes profitiert? Und was ist denn mit der unzweifelhaften Stabilität, die wirtschaftliche Erholung mit sich bringt - BRD 50er Jahre? Hübsche Theorie, aber nicht zuverlässig.
Emil Peisker 15.06.2007
4. Schreibzwang
Verbinden sich die derart frustrierte Eliten mit den Schichten unten, die gerade in ökonomisch blühenden Zeiten das unerreichbare Vorbild des opulenten Lebenswandels der Parvenus und Wohlstandsgewinner sinnlich und tagtäglich vor Augen haben, dann geraten die Machtverhältnisse, innerhalb derer die Früchte des wirtschaftlichen Aufschwungs ungleich verteilt sind, in die Debatte. Nicht die "alten Armen" aus Tradition sind das Problem der Herrschaftsordnungen, sondern die "neuen Armen" der Hochkonjunktur, denen es materiell oft keineswegs elendig geht, die ihr Lebensniveau meist erheblich verbessert haben, sich aber wertmäßig nicht angemessen in der dominanten gesellschaftlichen Rangskala platziert sehen. Der Autor ist der Faszination der eigenen Sprach- und Strukturschöpfung zum Opfer gefallen. Sein schön gezeichnetes Bild existiert nur in seinem Kopf, der Realität entspricht es überhaupt nicht. Wenn der "Schreibzwang" zu solchen Ergebnissen führt, sollte man im Verlag doch auch mal "nein" sagen können.
tollhans, 15.06.2007
5. Schon der gute Wille zählt.
Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, zählt schon seit Jahrzehnten zu den Binsenweisheiten hierzulande. Dennoch haben alle Parteien vor der Linkspartei bestenfalls punktuelle Ziele propagiert, anstatt das Übel generell anzugehen. Ein schönes Beispiel ist die CDU-Parole, dass die Schaffung neuer Arbeitsplätze die wirkungsvollste Maßnahme sei, um mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Heraus kamen, quasi als Vehöhnung der Arbeitslosen, eine Reihe schlechtbezahlter Jobs. Der Linkspartei ist jeder Erfolg zu wünschen, damit der weiteren Zuspitzung der Einkommenspyramide Einhalt geboten wird. Die Rechte behauptet unaufhörlich, dass die sozialen Maximen der Brandt-Ära in der Globalisierung nicht bestehen könnten. Sind die wilhelminischen Vehältnisse etwa besser geeignet?
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