Angriffe auf Journalisten in Chemnitz Zimperlich sind die, die am Schreibtisch bleiben
Rechte Demonstranten in Chemnitz
Foto: SPIEGEL ONLINE
Chemnitz: Chronologie der Ausschreitungen
Rechte Demonstranten in Chemnitz
Foto: SPIEGEL ONLINELinks von mir ragt eine Häuserwand auf, rechts marschieren Hunderte Neonazis mitten durch Chemnitz. Breitschultrig. Besoffen. Vermummt. Nur eine lose Reihe von zehn, fünfzehn Polizisten trennt sie von mir, als ein Böller explodiert. Die Neonazis rücken auf die Polizisten vor, die gehen in Kampfstellung, ein Beamter brüllt mich an: "Weg da hinter uns!" Ich rufe, ich sei Journalist, doch er drängt mich in den Neonazi-Aufzug. Ich flüchte durch eine Lücke, finde eine andere Polizeikette, stelle mich hinter sie und beobachte weiter.
Nach dem Ende der Demo, als sich Trupps rechtsradikaler Schläger über die Stadt verteilen, um Journalisten und Gegendemonstranten anzugreifen, ziehe ich mich ins Hotel zurück.
Wegen diesen Situationen schrieb ich später: "Die Stunden, in denen sich mehrere Hundert Neonazis durch die Straßen der Stadt wälzten, gehören zu dem Bedrohlichsten, was ich in meiner Zeit als Reporter erlebt habe."
Ich zögerte, bevor ich das so formulierte. 2011 berichtete ich über die tunesische Revolution und die wochenlangen Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Ich atmete so viel Tränengas ein, dass mein Urin tagelang dunkelorange war, wurde von einem Mob attackiert und von der ägyptischen Armee mit Kalaschnikows beschossen. In Syrien begleitete ich kurdische Milizionäre ins belagerte Afrin und fuhr mit der Bundeswehr im afghanischen Kundus auf Patrouille. Erst vergangenen Monat verhaftete mich die französische Grenzpolizei während einer Recherche und legte mir Handschellen an. Ich kenne gefährliche Situationen und habe trotzdem Angst, wenn ich von sächsischen Neonazi-Demonstrationen berichte.
Im Video: SPIEGEL-ONLINE-Reporter über ihre Erfahrungen in Chemnitz
Jan Fleischhauer hält Reporter, denen es so geht, für "zimperlich". Da drohe einem doch kaum mehr als "eine in die Länge gezogene Passkontrolle durch die Polizei oder der Verlust eines Handys bei einer Rangelei mit den Ostnazis." Damals bei SPIEGEL TV hätten sie ihn noch abgefeiert, als er sich mit einem schnauzbärtigen Gewerkschafter gakabbelt habe.
Warum ich also Angst habe in Sachsen? Ein Kollege erzählte mir, das er nur eine halbe Stunde, bevor ich flüchten musste, von einer Glasflasche am Auge getroffen worden war, mehrere andere Kollegen entkamen nur knapp dem Angriff eines anstürmenden Schlägertrupps.
Während und nach der AfD-Demo am Samstag wurden mehrere Kameraleute bedrängt und geschlagen, eine gute Freundin traf eine Bierbüchse an der Schulter und ein Team des MDR geriet in einer Wohnung in einen Hinterhalt: Sie wurden von einem breitschultrigen Typen gepackt und eine Treppe runter gestoßen.
Chemnitz: Chronologie der Ausschreitungen
Dazu kommen unzählige Übergriffe der vergangenen Jahre:
Man findet das und noch einiges mehr über Google.
Warum ich das Wort Jagd verwende
Jetzt könnte man meinen, Jan Fleischhauer fehle es bloß an Respekt für die Arbeit der Kollegen, und sowieso scheint er sich ja nach einer Ära zu sehnen, in der einem die Welt von Journalisten erklärt wurde, die 30 Jahre Indochina-Krieg unter dem Titel "Der Tod im Reisfeld" abhandeln und Talkshows mit Sätzen von der Komplexität eines Kalenderspruchs bestreiten. Und das wäre nicht weiter schlimm. Aber so einfach ist es nicht.
In den Tagen nach den Neonazi-Aufmärschen von Chemnitz bekam ich einen Anruf der Maischberger-Redaktion. Warum ich das Wort "Jagd" in meiner Reportage verwendet habe.
In der Talkshow am Vortag hatte der AfD-Politiker Tino Chrupalla behauptet, dass es in Chemnitz keine Jagd auf Menschen gegeben habe. Die Maischberger-Redaktion sah sich deshalb zu einem Fakten-Check genötigt, obgleich Videos solche Jagdszenen klar belegen.
Chrupallas Behauptung folgt einer Strategie, die sich auch viele Rechte und Rechtsradikale zu eigen machen. Sie argumentieren: Es gab keine Jagd auf Menschen, die Presse lügt nur, um die Proteste zu diskreditieren, da seien doch nur friedliche Bürger unterwegs gewesen.
Je mehr Menschen dies behaupten, desto mehr glauben das, und schon kommt es zu weiteren Gewaltfantasien gegen Journalisten, wie bei der AfD Hochtaunus, die auf Facebook schrieb:
" Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt ist es zu spät!"
Video: Mäßig friedlich
Jan Fleischhauer bedient den gleichen Mechanismus, wenn er behauptet, dass man die Neonazi-Aufmärsche im Osten, "mit zwei, drei Wasserwerfern in den Griff bekommen könnte" und dass keine nennenswerte Gewalt gegen Reporter ausgeübt würde.
Falls er das aus Unwissenheit tut, dann gäbe es eine Methode, dem zu entkommen. Denn eine Situation vom sicheren Schreibtisch süffisant zu kommentieren, ist zugegebenermaßen eine Kunst für sich. Doch rauszugehen und sich ein eigenes Bild zu machen, so wie es die Kollegen in Dresden, Chemnitz und dem Eichsfeld tun - das ist, was Journalismus ausmacht.
Aber, Herr Fleischhauer, vielleicht sind Sie dafür zu zimperlich?
Anmerkung der Redaktion: Im Vorspann stand ursprünglich der Satz "Vielleicht wäre es für ihn (Jan Fleischhauer) an der Zeit, seine behagliche Münchner Altbauwohnung mal zu verlassen." Der Kolumnist Jan Fleischhauer legt Wert auf die Feststellung, dass er vor einem halben Jahr aus München Schwabing nach Pullach gezogen ist und dort nicht in einem Altbau, sondern in einer Doppelhaushälfte lebt. Pullach ist ein Vorort von München.
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