Nach den Krawallen Das andere Chemnitz

Die rechten Aufmärsche haben Chemnitz weltweit in die Schlagzeilen gebracht - und bringen eine Stadt in Verruf, in der sich viele für Toleranz und Offenheit einsetzen. Die Gewalt der vergangenen Tage macht viele Bürger wütend.
Demonstration des Bündnisses Chemnitz Nazifrei am vergangenen Montag

Demonstration des Bündnisses Chemnitz Nazifrei am vergangenen Montag

Foto: imago

Wenn Ulf Kallscheidt erklären möchte, warum ihn die Nazigewalt vom Montagabend so wütend macht, dann bestellt er einen auf den Getreidemarkt, einen tristen Parkplatz im Herzen von Chemnitz. Denn hier lasse sich etwas besichtigen, was Chemnitz viel mehr ausmache als der Neonaziaufmarsch: "Dieser Parkplatz hier, diese Brache soll nach 20 Jahren endlich bebaut werden. Und so etwas lässt sich in der ganzen Stadt sehen. Die Stimmung hier dreht sich zum Besseren", sagt er.

Der 48-Jährige kam 1994 zum Studium nach Chemnitz, machte ein Praktikum im sächsischen Landtag, trat in die SPD ein und blieb. Damals habe die Stadt viele Chancen verpasst, die in Dresden und Leipzig ergriffen worden seien. Aber seit einigen Jahren hole sie auf. Der Bevölkerungsrückgang ist gestoppt, die Gewerbesteuern sprudeln, Museen eröffnen. Dazu kommen zwei Fraunhofer-Institute, die Spitzenforschung betreiben.

Getragen werde der Wandel, sagt er, von den Unternehmern und Künstlern der Stadt. Viele Betriebe in der Stadt sind auf den Export ausgerichtet und profitieren von der guten konjunkturellen Lage. Sie schaffen Arbeitsplätze und ziehen Investoren an. "Wir leben davon, dass wir in der Welt zu Hause sind", sagt Kallscheidt.

Neben dem verarbeitenden Gewerbe hat auch die Kreativwirtschaft ihren Anteil daran. Weil die Mieten in Berlin und Leipzig immer weiter steigen, entdecken immer mehr Künstler Chemnitz für sich. Vor einigen Jahren öffnete außerdem das Staatliche Museum für Archäologie, und das Kunstmuseum der Stadt hat sich in den vergangenen Jahren überregionale Bekanntheit erarbeitet. Manch einer spottet, dass die Feuilletonisten großer Zeitungen nur nicht vorbeikämen, weil die Stadt keine ICE-Anbindung habe.

Weil viele Menschen in Rente gingen, seien 800 Facharbeiterstellen unbesetzt, weshalb die Stadt gemeinsam mit mehreren Unternehmen eine Initiative gegründet hat. "Doch dabei spielen auch die weichen Standortfaktoren eine große Rolle", sagt Kallscheidt. "Die Leute wollen sich wohlfühlen." Doch wenn mal wieder Neonazis zum Protest aufrufen und dann auch noch Hunderte Menschen aus dem bürgerlichen Spektrum mitlaufen, dann sei das verheerend. Deswegen ist er so wütend.

Video: "Wir sind bepöbelt und bedroht worden"

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Ein befreundeter Hotelier habe schon vor der Demo einen Anruf von einem Unternehmen bekommen, ob das geplante dreitägige Meeting noch stattfinden könne und ob es in der Stadt sicher genug sei.

Bleiben Facharbeiter und Kunden weg, verliert die Stadt auch andere Arbeitsplätze, dann verliert sie Gewerbesteuereinnahmen und die Möglichkeit, Kitas, Kindergärten und Schulen zu bauen, was die Stadt wiederum unattraktiver macht - für die Alt- wie für potenzielle Neuchemnitzer. "Deswegen verstehe ich nicht, warum sich so viele Leute von diesen Arschlöchern, Entschuldigung, Hooligans vor den Karren spannen lassen", sagt Kallscheidt.

Thaer Ayoub kam vor vier Jahren aus Syrien nach Chemnitz und ist der lebende Beweis, dass es dieses andere, offene Chemnitz, von dem Kallscheidt spricht, wirklich gibt.

Thaer Ayoub

Thaer Ayoub

Foto: Raphael Thelen

In Aleppo habe der 28-Jährige ein Kulturcafé betrieben, dann kam der Krieg, ein Jahr litt er in einem dunklen Knast, floh nach Deutschland, kam nach Chemnitz. Das erste Jahr habe er kaum sein Zimmer verlassen, fast nur gelesen. Er konnte nicht anders. Aber dann kam ein Moment, in dem er begriff, dass das seiner Natur widersprach. Also ging er raus, lernte in einer Willkommensgruppe ein paar Chemnitzer kennen, die ihm vom Lesecafé Odradek erzählten. Im Dezember 2015 las er dort auf der Bühne erstmalig aus seinem Gedichtband vor. Ein Gedicht geht so:

Wir

leben

im mer

noch.

Also...

können

wir

die

Wunder

vollbringen.

Bald schrieb er für die Theatergruppe der Technischen Universität Chemnitz ein Theaterstück und dann noch eins. Es folgten Lesungen in der Stadtbibliothek und einem halben Dutzend anderer Kneipen und Theater. "Da haben sich unglaublich viele Türen geöffnet", sagt er. Anfangs sei er noch angestarrt worden, wenn er durch Chemnitz lief oder in der Bahn saß, und der Sicherheitsmann beim Lidl habe ihn wie einen Ladendieb beäugt. Aber das sei heute nicht mehr so. Seit mehr Asylsuchende in die Stadt gekommen seien, hätten sich die Chemnitzer daran gewöhnt.

"Es gibt in Chemnitz keinen Hype, aber da geht was"

Natürlich habe ihm auch geholfen, dass er Künstler sei. Aber auch einfach dadurch, dass Menschen mutig aufeinander zugehen, verändere sich Chemnitz. Einmal habe er in der Kulturkneipe Lokomov gesessen, als ein Typ reinplatzte und den Arm zum Hitlergruß hochriss. Ayoub unterhielt sich mit ihm bis drei Uhr morgens. Am Schluss - sehr betrunken - umarmten sie sich, und der Rechte sagte: "Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben."

Lars und Mandy haben das Lokomov vor acht Jahren gegründet. Alle Fenster des Gebäudes seien eingeschlagen gewesen, die dunklen Ecken auf der Rückseite ein beliebter Fixertreff, weshalb die Stadt es abreißen wollte. Doch die beiden - er Digitalunternehmer, sie Designerin - wollten einen neuen Raum schaffen, um Künstler und Musiker anzuziehen. Sie kauften das Gebäude und legten los. "Es gibt in Chemnitz keinen Hype", sagt Mandy, "aber da geht was."

Lars und Mandy

Lars und Mandy

Foto: Raphael Thelen

Vor allem das benachbarte Viertel Sonnenberg steht dafür. Bis vor wenigen Jahren herrschte dort noch Armut, viele Häuser verkamen. Mittlerweile ziehen Künstler und Studenten ein, angelockt von günstigen Mieten. Ein österreichischer Investor eröffnete ein Wiener Kaffeehaus, arabische Supermärkte eröffnen, in den Hinterhöfen bespielen Off-Theater ihre Bühnen.

Doch auch wenn es bergauf geht, ist es nicht immer einfach. Weil vor allem alternative Künstler im Lokomov auftreten, wurde es mehrfach angegriffen. Beim ersten Mal flog ein Pflasterstein durchs Fenster. Nach der Aufführung eines Theaterstücks über den NSU zündeten Unbekannte vor dem Schaufenster einen Sprengsatz. Einige Monate später wurde das Café nachts beschossen.

"Das war schon beängstigend", sagt Mandy. "Auch gestern vor der Nazidemo zogen hier 20 Leute vorbei und drohten uns, dass sie später noch mal vorbeikommen würden."

Nach den Angriffen reparierten sie jedes Mal die Schaufenster, und am Tag nach der Demo haben sie ganz normal ihren Laden wieder aufgemacht. Freunde kommen herein, unterhalten sich über die Randale von gestern, Lars macht auf Facebook seiner Wut über die Ausschreitungen Luft. Mandy sagt: "Aufhören wäre das Schlechteste, was man machen kann, weil man dann den anderen das Feld überlässt." Die Neonazis vom Montagabend wollten beweisen, dass Chemnitz eine Stadt des Hasses ist. Viele in der Stadt sehen das anders und leben es auch.

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