Proteste in Chemnitz Glatzen und Wutbürger

Der Fall Chemnitz zeigt: Die sogenannte bürgerliche Mitte verschwindet, etliche Teile geben sich der radikalen Rechten hin. Wenn wir nicht aufpassen, könnte sich das Problem auf ganz Deutschland ausbreiten.
Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida

Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida

Foto: DPA

Erschreckend. Was am Samstag in Chemnitz geschehen ist, lässt sich im Grunde mit diesem einem Wort beschreiben.

Und das hat mehrere Gründe.

Erstens: Die Rechten formieren sich: Ungeniert marschiert die AfD mit Rechtsaußen Björn Höcke an der Spitze von Neonazis, Hooligans, Pegida-Anhängern und der rechtspopulistischen Gruppe "Pro Chemnitz". Das Ganze verkauft als "Trauermarsch", der nur eines zum Ziel hat: Den Tod eines Mannes für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. "Wollt ihr euch mit der AfD vereinigen", grölte ein "Pro Chemnitz"-Aktivist den Demoteilnehmern am Samstagnachmittag zu. Aus Hunderten Kehlen schallte es "Jaaaa". Ein Bild zum Gruseln.

Zweitens: So traurig es ist. In dem "Trauermarsch" marschierten nicht nur stramme Neonazis. Wer vor Ort war, musste zusehen, wie sich Rentner, Jugendliche und Familien mit Kindern zwischen die Rechtsextremen mischten. Es waren viele Menschen vertreten, die man gemeinhin zur "bügerlichen Mitte" zählen würde. Das simple "Feind-Freund-Schema" funktioniert in Chemnitz schon länger nicht mehr. Glatzen mischen sich mit Frustrierten.

Und da liegt das dritte Problem und die drängendste Frage. Was tun?

Es mag abgedroschen klingen. Aber es gibt für Chemnitz keine einfachen Lösungen. Die Menge der Frustrierten ist zu inhomogen. Nach außen eint sie zwar eines: Die Wut auf Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik. Doch das ist häufig nur Ausdruck für andere Probleme: sich immer noch im Osten zeitklassig zu fühlen, nicht von "denen da in Berlin" gehört zu werden, wirtschaftlich gegenüber dem Westen im Nachteil zu sein.

Die Kernfrage ist, wie man die Gruppe zurückgewinnt, die nicht ohnehin schon hoffnungslos dem rechtsextremen Lager verfallen ist. Wie schwer das ist, zeigte sich beim Bürgerdialog von Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Bürgern in Chemnitz. Die früheren Volksparteien erreichen einen großen Teil der Menschen in Sachsen nicht mehr.

Solange der Politik die richtigen Lösungen fehlen, könnte ein Ansatz sein: zuhören, reden, und diejenigen, die noch zugänglich sind, zu überzeugen. Aber mit klaren Grenzen.

Ja, Frust und Protest sind in Ordnung. Aber eben nicht als Teil eines "Trauermarsches", der gespickt ist von Neonazis. Jeder der sich diesem Zug anschloss, weiß, mit wem er sich gemein macht. Wer an der Seite von Nazis marschiert, der kann hinterher nicht behaupten, er habe nichts damit zu tun - und darf sich später nicht beklagen, mit den "Nazis in einen Topf geworfen zu werden". So wie es viele der Bürger aus Chemnitz aber weiterhin tun.

Eine Woche nach dem tödlichen Messerangriff lässt sich festhalten: Chemnitz, es gibt ein Problem. Die sogenannte bürgerliche Mitte verschwindet, etliche Teile geben sich der radikalen Rechten hin. Wenn wir nicht aufpassen, könnte es bald heißen: Deutschland, es gibt ein Problem.