Chinas Menschenrechtspolitik Olympia-Boykott entzweit deutsche Sportfunktionäre

Dicke Luft beim Deutschen Olympischen Sportbund: Generalsekretär Vesper ist sauer auf Ehrenpräsident Richthofen. Der hat dem eigenen Verband vorgeworfen, einen Boykott der Spiele in Peking zu früh ausgeschlossen zu haben.


Peking - Von sportlichem Teamgeist kann beim Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zur Zeit keine Rede sein. Michael Vesper, Generaldirektor des Verbandes, wehrt sich gegen Kritik von Manfred von Richthofen. Der DOSB-Ehrenpräsident hatte in einem Interview des Berliner "Tagesspiegel" den eigenen Verband kritisiert, der frühzeitig einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking ausgeschlossen hatte. Dies nannte von Richthofen ein "unsensibles Vorgehen".

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper: Ärger mit dem Ehrenpräsidenten
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DOSB-Generaldirektor Michael Vesper: Ärger mit dem Ehrenpräsidenten

"Das war nicht unbedingt feiner Stil", kontert Vesper, der sich derzeit in Peking aufhält - eine Tatsache, die zu neuem Unmut zwischen Vesper und dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages führte. Denn der parlamentarische Sportausschuss hat von Richthofen ausgerechnet für heute als Experte zu einer Sitzung eingeladen, in der die Lage vor Olympia besprochen werden soll.

"Ich finde es sehr schade, dass diese Sitzung ausgerechnet in der Woche stattfindet, in der die gesamte deutsche Sportführung in Peking ist. Der Sportausschuss weiß bereits seit Monaten, dass wir diese Woche in Peking sind und tut jetzt so, als hätten wir abgesagt", sagte Vesper.

Rogge: Kein Verzicht auf Fackellauf

Auf internationaler Ebene versucht das Olympische Komitee für Klarheit zu sorgen. IOC-Präsident Jacques Rogge dementierte, seine Organisation erwäge einen Verzicht auf die außerhalb Chinas geplanten Etappen der Olympischen Flamme. Entsprechende Meldungen beruhten auf einem Missverständnis, sagte Rogge dem "Wall Street Journal". "Es gibt keine Diskussion darüber, irgendwelche Etappen abzusagen." Der IOC-Exekutivrat werde sich bei seiner Sitzung am Freitag lediglich routinemäßig mit dem bisherigen Ablauf der Veranstaltung beschäftigen. Nach den Tumulten bei dem Fackellauf in London und Paris haben Tibet-Aktivisten angekündigt, auch die für Mittwoch geplante Etappe durch San Francisco für Protestaktionen zu nutzen. Rogge zeigte sich betrübt über die Störungen. "Ich bin traurig, dass ein so schönes Symbol wie die Fackel, die Menschen verschiedener Religionen, verschiedener ethnischer Hintergründe, verschiedener politischer Systeme, Kulturen und Sprachen vereint, angegriffen wird", sagte er dem Blatt. Zudem täten ihm die Menschen leid, die zum Tragen der Olympischen Flamme ausgesucht worden seien und denen nun "dieser fantastische Augenblick ihres Lebens" verdorben werde. Das IOC respektiere das Recht auf Protest, doch dieser müsse gewaltlos sein.

Gegenüber der chinesischen Regierung und den Organisatoren der Olympischen Spiele in Peking im Sommer habe das Komitee "sehr deutlich gemacht, dass Gewalt nicht mit dem olympischen Ideal zusammenpasst", sagte Rogge zur Situation in Tibet. Allerdings verfüge das IOC nicht über eine Armee oder eine Polizei, um seine Überzeugungen durchzusetzen. "Wir können nur mit Werten kämpfen", sagte er.

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Gestern hatten bereits mehrere hundert Menschen in der kalifornischen Metropole friedlich gegen die chinesische Tibet-Politik demonstriert. Die Protestierer marschierten durch die Straßen zum chinesischen Konsulat, viele trugen tibetische Flaggen. Tags zuvor hatten drei Aktivisten mit einer spektakulären Aktion gegen die Pekinger Tibet-Politik protestiert: Sie kletterten auf die Golden Gate Bridge und hängten dort die tibetische Fahne auf sowie zwei Transparente auf mit der Aufschrift "Freies Tibet 08" und "Eine Welt - Ein Traum. Freies Tibet".

Die geplante 6,9 Kilometer lange Route des Fackellaufs werde möglicherweise noch geändert, erklärte der Bürgermeister von San Francisco, Gavin Newsom. Die Entscheidung liege bei der Polizei. In Paris und London war es bei dem Fackellauf zu massiven Protesten gekommen. Nach San Francisco soll die Olympische Fackel noch nach Buenos Aires in Argentinien und dann in ein Dutzend weiterer Länder reisen, bevor sie am 4. Mai nach China kommt.

Argentinien mobilisiert 4200 Polizisten und Helfer

Angesichts der massiven Proteste gegen Chinas Tibet-Politik in aller Welt haben die Behörden in Buenos Aires für den olympischen Fackellauf durch die argentinische Hauptstadt am Freitag starke Sicherheitskräfte mobilisiert. Mindestens 1200 Polizisten sollen zusammen mit 3000 zivilen Helfern dafür sorgen, dass die etwa 80 Läufer mit dem olympischen Feuer, darunter voraussichtlich auch der frühere Fußballstar Diego Maradona, die insgesamt 13 Kilometer lange Strecke durch die lateinamerikanische Millionenmetropole ohne Störungen überstehen. "Wir gehen davon aus, dass die Fackel kommt", sagte Bürgermeister Mauricio Macri angesichts der inzwischen dementierten Gerüchten, der Lauf könne abgebrochen werden.

Buenos Aires ist die siebte von weltweit 21 geplanten Stationen des Fackellaufes. Nie zuvor war das Olympische Feuer am Rio de la Plata, und die Hauptstadt des Tango ist zugleich der einzige Ort in der spanischsprachigen Welt, durch die der Fackellauf gehen soll. "Es wird alles gut organisiert, und wir sind überzeugt, dass dies ein Grund der Freude und des Stolzes sein wird", sagte Macri. Zugleich rief er dazu auf, Sport und Politik nicht zu vermischen. "Wir sind für die Menschenrechte hier, in China und in Paris, aber ein Akt des Friedens darf nicht mit einem politischen Vorgang verwechselt werden", sagte der konservative Politiker.

Jedoch wurde schon Macris Pressekonferenz von einem Mann, der sich als Vertreter einer Organisation Freies Tibet bezeichnete, unterbrochen. Jorge Aníbal Carcavallo kündigte an, die Fackel solle in Buenos Aires zwar nicht wie in Paris gelöscht werden, aber es werde "überraschende Aktionen" geben. Dabei gehe es darum, sich für eine "Kultur des Friedens und für die Befreiung Tibets" einzusetzen, sagte Carcavallo weiter.

953 Menschen in Lhasa festgenommen

Die chinesische Polizei hat offiziellen Angaben zufolge wegen der blutigen Unruhen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa seit Mitte vergangenen Monats 953 Menschen festgenommen.

Insgesamt wurden 93 Menschen als Hauptverdächtige gesucht, 13 von ihnen seien bereits verhaftet worden, zitierte am Mittwoch die Nachrichtenagentur Xinhua den Gouverneur Tibets, Qiangba Puncog.

Gegen 403 Beteiligte sei offiziell Haftbefehl erlassen worden. 362 Menschen hätten sich freiwillig gestellt, der Großteil sei wegen minderer Vergehen und Kooperation mit den Behörden aber bereits wieder auf freiem Fuß. Die Lage in Lhasa habe sich inzwischen normalisiert, sagte der Gouverneur.

Nach offiziellen Angaben starben bei den Unruhen am 14. März in der tibetischen Hauptstadt Lhasa 19 Menschen. Die tibetische Exilregierung spricht von etwa 140 Toten. Von Lhasa hatten sich die schweren Proteste auf andere von Tibetern bewohnte Gebiete im Westen Chinas ausgebreitet.

asc/AP/Reuters/dpa

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