Neue Mitglieder der FDP Der Lindner-Effekt

Auf dem FDP-Parteitag diese Woche stellt sich Christian Lindner der Wiederwahl. Neue Zahlen zeigen: Fast die Hälfte der heutigen Parteimitglieder sind in seiner Amtszeit eingetreten.
Christian Lindner

Christian Lindner

Foto: Soeren Stache/ DPA

Als Christian Lindner die Führung der FDP übernahm, lag die Partei am Boden. Die Liberalen hatten einen beispiellosen Absturz hinter sich, waren aus dem Bundestag geflogen, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Das war im Herbst 2013.

Etwas mehr als fünf Jahre später sieht die Lage der FDP besser aus. Die Partei sitzt seit 2017 wieder im Bundestag, an diesem Freitag wird sich Lindner auf dem Parteitag in Berlin zur Wiederwahl stellen - an einem guten Ergebnis gibt es keinen Zweifel, vor zwei Jahren erzielte er 91 Prozent.

Der 40-Jährige ist, trotz der Bemühungen um eine personelle Verbreiterung der Liberalen, das Gesicht und die unangefochtene Nummer eins der Liberalen - bei aller Kritik an manchen Äußerungen des Spitzenmannes (lesen Sie hier die SPIEGEL-Plus-Geschichte) .

Und der Lindner-Effekt lässt sich offenbar auch in der Mitgliederstruktur nachweisen. In einem Zeitraum über fünf Jahre unter seinem Vorsitz hat die FDP zwar fast 19.000 Mitglieder verloren. Zugleich traten seit 2014 aber auch fast 30.000 Mitglieder der Partei bei, wie Zahlen aus dem FDP-Apparat zeigen, die dem SPIEGEL vorliegen. Damit ist die Mitgliedschaft von aktuell 64.350 Personen in dieser Zeit fast zur Hälfte ausgetauscht worden. Setze man die Zahlen ins Verhältnis, werde ein Wert "von über 46 Prozent" an Neueintritten errechnet, heißt es aus der Parteizentrale.

Christian Lindner

Christian Lindner

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Vor Lindners Sprung an die Spitze prägte vor allem Guido Westerwelle die FDP entscheidend mit. Bis 2011 war er zehn Jahre lang Parteichef, von 2009 bis 2013 Außenminister. Westerwelle bescherte der FDP große Erfolge, aber auch schwere Niederlagen.

Aus dem Datenmaterial ist der Auf- und Abschwung der Ära Westerwelle und der langsame Wiederaufstieg der Liberalen unter Lindner herauszulesen: So zählte die FDP zum Jahresende 2009 - damals erzielte sie kurz zuvor mit 14,6 Prozent bei der Bundestagswahl unter Westerwelle ihr bis dahin bestes Ergebnis - noch 72.116 Mitglieder. Zum Jahresende 2013, nachdem die schwarz-gelbe Koalition im Bund abgewählt worden war und sich die FDP in jahrelangen, internen Machtkämpfen zerschlissen hatte, waren es nur noch 57.263 Mitglieder.

Zwar wurde bis heute der Mitgliederspitzenwert der Westerwelle-Zeit aus dem Jahre 2009 nicht erreicht, doch kann die FDP unter Lindner mit dem Stand vom 12. April 2019 auf deutliche Zuwächse verweisen. Das Durchschnittsalter der nunmehr 64.350 Mitglieder liegt bei 52 Jahren.

So lassen sich die Zahlen in Neumitglieder und Abgänge aufschlüsseln:

  • Von 2010 bis 2013 traten der FDP 11.150 Mitglieder bei, 23.486 verließen die Partei, 2302 verstarben.
  • Von 2014 bis zum Frühjahr 2019 entschlossen sich 29.801 Personen, zur FDP zu stoßen, 18.813 kündigten ihre Mitgliedschaft, 2982 verstarben in dieser Zeit.

Für Lindner sind die Zahlen ein Beweis, dass der Kurs seit 2013 stimmt. Man habe "das Profil verändert", sagte er dem SPIEGEL. "Wir haben alle taktischen Funktionsargumente gestrichen und stattdessen ein liberales Lebensgefühl der Selbstbestimmung, der Offenheit für neue Technologien und der Freude an Schaffenskraft ins Zentrum gestellt", so der FDP-Partei- und Fraktionschef. Damit habe man nicht nur "ein Comeback geschafft", sondern auch die Partei verändert. "Die Freien Demokraten heute sind mehr und andere als damals", stellt Lindner fest.

Christian Lindner mit designierter Generalsekretärin Linda Teuteberg

Christian Lindner mit designierter Generalsekretärin Linda Teuteberg

Foto: ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/REX

Dass der Parteichef in seinen Bemerkungen auf die Streichung der "taktischen Funktionsargumente" hinweist, ist kein Zufall. Indirekt verteidigt Lindner damit noch einmal die Entscheidung, die Jamaika-Sondierungen mit der Union und den Grünen im November 2017 platzen zu lassen. Eine Entscheidung, die ihm viel Kritik einbrachte. Bis dahin hatte die FDP (fast immer) als Mehrheitsbeschafferin gegolten, eine Rolle, aus der Lindner die Partei löste.

Die FDP hat immer noch ein Frauenproblem

Der positive Mitgliedertrend hat jedoch einen Haken: Der Frauenanteil ist noch immer niedrig, er ist sogar im Vergleich zu früheren Zeiten weiter gesunken. Nach einer internen Aufschlüsselung zählte die FDP Ende März weniger als 14.000 (13.861) weibliche Mitglieder, ein Anteil von 21,6 Prozent.

Es ist der niedrigste Anteil seit 30 Jahren, seit 1996 (damals noch rund 25 Prozent) ist er stetig auf den heutigen Tiefstwert gefallen. Das Problem hat die Partei erkannt, eine Arbeitsgruppe wurde bereits vor geraumer Zeit eingerichtet, weibliche FDP-Mitglieder zu ihren Wünschen befragt. Geholfen haben die Bemühungen bislang kaum.

Zumindest auf einer Topposition wird die FDP aber auf dem dreitägigen Bundesparteitag in Berlin-Kreuzberg weiblich besetzt bleiben: Als Nachfolgerin für die bisherige Generalsekretärin Nicola Beer, die es als FDP-Europa-Spitzenkandidatin nach Brüssel zieht, hat Lindner wieder eine Frau vorgeschlagen: die Brandenburger FDP-Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg. Ihre Wahl gilt als sicher - es gibt keine anderen Kandidaten.

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