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01. April 2012, 16:20 Uhr

FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner

Einer soll's richten

Von , Duisburg

Spaßpartei, Projekt 18 - das war einmal. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen geht es für die FDP nur noch ums Überleben. Mit Attacken gegen SPD und Grüne mühen sich die Liberalen um ihre Stammklientel in der Wirtschaft. Alle Hoffnung ruht nun auf Spitzenkandidat Christian Lindner.

Über den Lehnen der Stühle hängen blaue Stoffbeutel. Die FDP-Delegierten werden sie gleich zur Seite räumen, wenn sie in der Duisburger Mercatorhalle zum Sonderparteitag zusammenkommen. Doch noch ist etwas Zeit, die leuchtend gelben Botschaften auf den Tüten zu studieren: "Finger weg vom Ladenschluss", steht dort. Und: "Offen bleiben!" Dabei gilt Letzteres für die Liberalen selbst gerade ganz und gar nicht.

Die Zeiten nämlich, in denen sich ein Bonner Rechtsanwalt namens Guido Westerwelle anschickte, die FDP mittels öffentlicher Volleyball-Darbietungen und greller Schuhsohlen-Einlegearbeiten in Richtung Volkspartei zu öffnen, sind sehr lange vorbei. Bei der kommenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 13. Mai geht es für die Liberalen um nicht weniger als um ihr politisches Überleben. Entsprechend fällt die Strategie aus, Geschlossenheit ist angesagt.

Das gilt zum einen für das Personal: Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, 35, und der ehemalige Generalsekretär Christian Lindner, dem man im Dezember nach seinem Rückzug aus Berlin noch so manche Gemeinheit hinterhergeschickt hatte, geben sich nun einträchtig. Und obschon es als gesichert gilt, dass Lindner sich den Landesvorsitz der Partei in harten Verhandlungen ertrotzen musste, sagt Bahr jetzt, er stelle diese Position gerne zur Verfügung und zeige damit, "dass wir alle bereit sind, unseren Beitrag zu leisten".

Zum anderen aber gilt die neue Geschlossenheit auch für die Botschaft der Liberalen. Sie ist nicht mehr darauf ausgerichtet, massenkompatibel zu sein, sondern sehr verengt worden auf den Markenkern der FDP: Wirtschaft, Finanzen, Bildung. In Nordrhein-Westfalen, wo die Freien Demokraten über ein breites Reservoir kommunaler Mandatsträger verfügen, könnte weniger mehr sein - so das Kalkül. Hauptsache, man schafft die Fünfprozenthürde.

"Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer"

Deswegen verteidigt Christian Lindner, 33, in seiner Bewerbungsrede auch die umstrittene Haltung der Partei in Sachen Schlecker. Die Liberalen würden nun "eiskalt, unsozial und unsolidarisch" gescholten, es sei geradezu ein "Wettbewerb der sozialsten Rhetorik" entbrannt, an dem sich die FDP nicht beteiligen werde. "Ist es sozial, mit Steuergeld Insolvenzmasse zu schützen?", fragt Lindner. Die Partei antwortet mit frenetischem Beifall. Und der Münsteraner Daniel Bahr wagt noch plakativere Stanzen: "Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. Die Politik hat sich aus der Wirtschaft zurückzuhalten", verfügt er.

Der Spitzenkandidat Christian Lindner, das wird an diesem Sonntag in Duisburg sehr deutlich, ist jetzt ausführendes Organ der Operation Rückgrat, mit der auch die nordrhein-westfälische FDP ihre in finanzpolitischen Fragen eher zufällig entdeckte Standfestigkeit als uralte Prinzipienfestigkeit verkaufen will. Und Lindner wäre nicht das größte Talent seiner Partei, wenn er diese mutige Interpretation der Vorgänge in Düsseldorf nicht noch lässig mit der sozialen Marktwirtschaft, der Ostpolitik und der Wiedervereinigung verknüpfen könnte. "Unsere historischen Leistungen geben uns Selbstbewusstsein", sagt er.

Die Partei wiederum wirft sich ihm, wie schon bei seinem ersten Wahlkampfauftritt in Mettmann, mit geradezu verzweifelter Ergebenheit entgegen: 394 der 395 Delegierten küren Lindner zum Spitzenkandidaten, 99,75 Prozent: "Mir geht schon ein kleiner Schauer über den Rücken", sagt Lindner. Auf Listenplatz zwei landet Gerhard Papke, bisher FDP-Fraktionsvorsitzender im Landtag, der sich als einziger Kandidat eine kritische Frage aus dem Plenum gefallen lassen muss.

Attacke gegen SPD und Grüne

Schließlich geht Lindner in die Offensive: "Der Staat kann nicht genug Geld haben, als dass Sozialdemokraten damit auskommen", ruft er. "Lieber neue Wahlen als neue Schulden." Die Grünen wiederum betrieben die heimliche Einführung einer Einheitsschule und gefährdeten damit das Gymnasium. "Wir müssen aufpassen, dass der Schulkonsens nicht ein trojanisches Pferd ist und am Ende eine Gemeinschaftsschule rauskommt", so Lindner, der bewusst die Ängste der Besserverdienenden bedient.

Überhaupt gefährde die rot-grüne Politik die Zukunft des Industriestandorts NRW, wenn zum Beispiel das weltweit "modernste und klimafreundlichste" Kohlekraftwerk in Datteln nicht ans Netz gehen dürfe. "Die grüne Blockade in NRW muss überwunden werden, wenn wir Industrieland Nummer eins bleiben wollen", sagt Lindner. In Umfragen liegt die FDP derzeit bei vier Prozent.

Doch die Liberalen wären nicht die Liberalen, wenn sie zu vollständiger Geschlossenheit in der Lage wären. Und so gießt natürlich der schleswig-holsteinische Widerborst Wolfgang Kubicki noch unnötigerweise Öl in ein Feuer, das fast schon erloschen schien. Kubicki bringt am Sonntag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa Lindner als Bundesvorsitzenden ins Spiel: "Er weiß selbst, dass dies im Prinzip irgendwann auf ihn zulaufen wird." Er, Kubicki, sehe niemanden mit vergleichbar großem Potential.

In Zeiten jedoch, in denen in Nordrhein-Westfalen vor allem darüber debattiert wird, ob die jeweiligen Spitzenkandidaten sich auch tatsächlich in Düsseldorf engagieren wollen, könnte sich ein solches Kompliment als gefährlich erweisen - diese Erfahrung macht gerade CDU-Mann Norbert Röttgen.

Bislang hatte Lindner nur mit dem Etikett des Rückkehrers zu kämpfen, nun droht ihm auch noch das Label des Sprungbrettpolitikers.

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